Caines Corner
Caines Corner: Die Oscarverleihung 2019

Caines Corner: Die Oscarverleihung 2019

Was wird von der 91. Oscarverleihung übrigbleiben?
Kommen wir gleich zum wichtigsten Punkt, nämlich zum „Besten Film“, wo mehr als überraschend „Green Book - Eine besondere Freundschaft“ gewonnen hat. Mir hat der Film gut gefallen, nur hätte ich mir nie vorstellen können, dass er der beste Film des Jahres sein kann. Vor allem im Vergleich zu „Roma“, „Vice - Der zweite Mann“ und „The Favourite“, wobei die zwei letzt genannten Titel leider nur in den Kategorien „Beste Maske“ und „Beste Hauptdarstellerin“ glänzen konnten.

In positiver Erinnerung wird die Queen aus „The Favourite“ Olivia Colman bleiben, die sich fast schämte, dass sie der 7-fach nominierten Glenn Close das Goldmännchen vor der Nase wegschnappte. Rami Malek als Freddy Mercury in „Bohemian Rhapsody“ war für mich ein Hit, aber Christian Bale als Dick Cheney in „Vice - Der zweite Mann“ war für mich der Wahnsinn. Was war das für eine schauspielerische Meisterleistung. Wahrscheinlich haben viele Academy Mitglieder das Meisterwerk „Vice“ nicht angeschaut.

Spike Lees Rede zur Zwangssklaverei und sein lilabuntes Kostüm inkl. Prince-Love-Symbol wird ebenfalls in bleibender Erinnerung bleiben. Als Regisseur hat es auch dieses Mal für „BlacKkKlansman“ nicht geklappt, aber wenigstens für das beste adaptierte Drehbuch wurde der Altmeister ausgezeichnet. Vor allem für ihn ist es eine bittere Pille und ein sogenanntes Deja-Vu: „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ schnappt 1990 „Do the Right Thing“ die Hauptpreise weg. Dieses Mal ist es ähnlich: DRIVING MISTER MORTENSEN fährt BLACKKKLANSMAN davon.

In der Kategorie „Bester Nebendarsteller“ hätte ich mir Richard E. Grant als Sieger gewünscht. Seine Leistung in „Can You Ever Forgive Me?“ war einfach sensationell. Im Vorfeld zur Verleihung hat sich Barbra Streisand auf einen uralten Fanbrief gemeldet, den der junge Richard seinerzeit an sein Idol geschrieben hat. Mehr als noch die Antwort hat ihm wahrscheinlich ihr Feedback gefallen: „Du warst wunderbar als Jack Hock!“. Dem kann ich mich nur anschließen. Die Academy offensichtlich nicht.

Was bleibt übrig außer dem Gefühl, dass ein Host schmerzlich gefehlt hat?

Drei Oscars für Alfonso Cuarón in der Königsdisziplin „Beste Regie“ sowie für „Beste Kamera“ und „Bester ausländischer Film“ für die Netflix-Produktion „Roma“, drei (Original-Drehbuch, Nebendarsteller und unglaublicherweise für den besten Film) für „Green Book - Eine besondere Freundschaft“ und sogar 4 für „Bohemian Rhapsody“ (Tonschnitt, Ton, Schnitt und Darsteller). Nicht Fisch, nicht Fleisch.
Der Autor
leandercaine_0fc45209c9.jpg


Forum

  • was wird bleiben?

    #OscarsSoBlack&White ;)
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    27.02.2019, 00:16 Uhr
  • green book...

    seit oktober des vorjahres predige ich: green book wird gewinnen, lasst euch nicht in die irre führen und blenden von glitzernden sternchen und mediokren comic-katzen, von weichgespülten musikheroen und von intriganten hofdamen. warum? it's the preferential voting, stupid!

    zur erinnerung: seit mittlerweile fast 10 jahren wird der preisträger für den besten film nicht mehr wie bis dahin üblich (und wie in den restlichen 23 kategorien auch heute noch) durch plurality vote ermittelt – jedes academy-mitglied nennt seinen kandidaten, und der mit den meisten stimmen gewinnt; das wäre dann sozusagen der populärste film... nein, beim best picture legt die academy größten wert auf eine konsensentscheidung, die möglichst genau den wählerwillen der gesamten academy abbildet. dafür wählt jedes mitglied nicht bloß einen lieblingsfilm, sondern reiht die besten fünf nach vorliebe. sollte in der ersten auszählungsrunde tatsächlich ein einziger film 50% des votums plus eine stimme erreicht haben, ist die sache vorbei – der gewinner steht fest.

    nun, so einfach läuft die sache aber meistens nicht, und gerade in einem jahr wie heuer, wo das feld mit publikumslieblingen gespickt ist und ein frontrunner den nächsten ablöst und noch dazu die fanbase des einen heftig gegen den konkurrenten wettert, da kann nur einer gewinnen: der mit den meisten zweit- und drittstimmen (die in den nächsten auszählungsrunden bis zum erreichen der erforderlichen mehrheit mit berücksichtigt werden).

    als wahlbarometer hätte dabei schon der gewinn des producers guild awards/PGA (ebenfalls per preferential voting) gereicht – aber wer sich die paar veröffentlichten wahlentscheidungen einzelner mitglieder anschaut, wird unter den erststimmen alle möglichen kandidaten finden – green book war aber fast überall an zweiter, spätestens an dritter stelle mit dabei. „ein konsenskandidat“, rümpft da ein deutscher, vom wahlsieger überraschter filmexperte die nase. nun, ein konsenskandidat der academy sollte es ja auch sein...
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    26.02.2019, 22:32 Uhr
    • ...und die anderen

      erhellend waren auch die begründungen für die ablehnung einzelner kandidaten: roma wird einerseits bewundert ob der grandiosen leistung cuaróns, andrerseits wird der film von manchen als schnarchlangweilig empfunden – art house hin oder her, für ältere semester ist das auch nix neues mehr. ähnliche ablehnung bei anderen kandidaten: the favourite ist interessant, führt aber nirgendwohin, a star is born ist ohne substanz, bohemian rhapsody schlecht gemacht und „furchtbar“, black panther durchschnittsware. vice – doch, doch, den haben sie gesehen! – wurde entweder geliebt oder (noch mehr) gehasst: pikantes thema, und leider sehr unrund gemacht.

      wenn man davon ausgeht, dass der beste film zumindest handwerklich gut gemacht sein soll, dann fallen somit schon einige kandidaten durch den rost; essenziell ist auch eine gute besetzung/gute performances bzw ensembleleistungen.
      darüber hinaus, und das ist jetzt meine ureigene theorie: der beste film braucht eine gute, universelle geschichte, die über ein einzelschicksal hinausgeht und uns etwas (philosophisches) über das menschsein an sich mitzuteilen hat. das hat roma in ansätzen und green book ganz speziell (wie kann man in einem rassistisch geprägten und mit vorurteilen verseuchten umfeld trotzdem zueinander finden und über sich selbst hinauswachsen. dass green book einer realen geschichte nachempfunden ist, ist zusätzlich ein großer vorteil.)

      ob der anti-netflix-bias und der grant über deren 20-millionen-dollar-marketing-kampagne mit ausschlag gebend waren, wage ich nicht zu beurteilen – der umstand, dass roma ohnehin eine sichere bank für den fremdsprachen-oscar war, wird aber eine große entscheidungshilfe für green book gewesen sein, auch die (mittlerweile muss man schon sagen: übliche) schmutzkübelkampagne dürfte eher nach hinten losgegangen sein.

      somit heißt es: and the oscar goes to... the least disliked!

      wie kann man darüber nur überrascht sein?
      r2pi_f4e09adb6c.jpg
      26.02.2019, 22:38 Uhr
    • Analyse

      Sehr treffend und ausführlich analysiert. Danke für die interessanten Einblicke in den Entscheidungsprozess...
      blutrausch_3ae267239b.jpg
      27.02.2019, 08:14 Uhr