Eldritch Advice
Eldritch Advice: Halloween Special

Eldritch Advice: Halloween Special

Zu Halloween geht es heuer um den Einfluss von H.P. Lovecraft auf das Horrorkino. Mit den Top 5 der Lovecraft-Adaptionen und den besten von H.P. Lovecraft inspirierten Filme.
Am 15. März 1937 starb der amerikanische Schriftsteller H.P. Lovecraft einsam und verarmt in seiner Heimatstadt Providence, ohne zu Lebzeiten jemals für sein Schaffen gewürdigt worden zu sein. Heute, über 80 Jahre später, gilt Lovecraft als einer der einflussreichsten Horrorautoren, und beeinflusste mit seinen Werken Genregrößen wie etwa Stephen King. Der Ausdruck „lovecraftesque“ ist im Horrorbereich mittlerweile ein geflügeltes Wort und beschreibt die Verwendung von Motiven wie Misanthropie, Wahnsinn, Isolation, Hoffnungslosigkeit, und Okkultismus, während sein „Cthulhu Mythos“ ein wichtiger Bestandteil der modernen Populärkultur ist. Der posthume Einfluss von Lovecraft zeigt sich daher nicht bloß in der Literatur, sondern ebenfalls in der Spielindustrie, im Sortiment zahlreicher Lifestylemarken aber auch in der Filmlandschaft.

In eben jener ist die steigende Beliebtheit von Lovecraft besonders gut ersichtlich. So etwa wurde 1963 „Die Folterkammer des Hexenjägers“ von Regisseur und Produzent Roger Corman noch als eine Adaption von Edgar Allan Poes Gedicht „Das verwunschene Schloß“ vermarktet, obwohl die Handlung des Films auf Lovecrafts Kurzgeschichte „Der Fall Charles Dexter Ward“ basiert, und somit die erste Verfilmung eines seiner Werke darstellt. Bereits sieben Jahre später schien sein Name über mehr Strahlkraft zu verfügen, denn 1970 wurde auf dem Filmplakat zu „Voodoo Child“, einer Adaption von „Das Grauen von Dunwich“, mit der Tagline: „H.P. Lovecraft's classic tale of terror and the supernatural!“ geworben. In diesen Jahren bildete sich auch eine erste kleine Fangemeinde um den toten Schriftsteller, die 1977 einen Grabstein mit der Widmung „I am Providence“ stiftete, der seither seine letzte Ruhestätte schmückt. Sein Name entwickelte sich mehr und mehr zu einer Marke. So prangte 1985 zum ersten Mal „H.P. Lovecraft's“ auf den Titel von Stuart Gordons Horrorkomödie „Re-Animator“; ein Verweis, der seither für Lovecraft Adaptationen gang und gäbe ist. Doch der Geist des Schriftstellers aus Providence lässt sich nicht bloß in den Verfilmungen seiner Werke, sondern auch am Gipfel Hollywoods finden. Renommierte Filmemacher wie John Carpenter oder Guillermo del Toro machen keinen Hehl daraus, mehr als nur einmal von Lovecrafts Horror inspiriert worden zu sein.

Heute, an Halloween, ehre ich das cineastische Erbe Lovecrafts indem ich jeweils meine Top 5 Adaptionen sowie Top 5 Filme, die seine Handschrift tragen, präsentiere.Vergleicht man die Beiträge beider Kategorien, so zeigt sich ein frappierender Qualitätsunterschied. Während es mir schwer fiel ausreichend würdige Adaptionen für diesen Artikel zu finden, so konnte ich in der andere Rubrik aus dem Vollen schöpfen. Dies soll allerdings kein Werturteil über das Ursprungsmaterial darstellen, sondern lediglich unterstreichen, welch talentierte Filmemacher, dieses als Imagination für ihre eigenen Werke verwendeten. Für die Wertung qualifiziert haben sich jene Werke, die eine durchgehende Geschichte erzählen und Spielfilmlänge aufweisen. Episoden- sowie Kurzfilme wie „H.P. Lovecraft's Necronomicon“ (1993) oder „The Call of Cthulhu“ (2005) werden daher nicht berücksichtigt. Ebenfalls konnte ich natürlich keine Filme benoten, die ich noch nicht gesehen habe. Darunter fallen etwa „Color Out of Space“ (2019) und „Der Leuchtturm“ (2019), die von meinen Kollegen Christian Pogatetz und Susanne Gottlieb dafür bereits auf diversen Festivals gesichtet und auf Uncut besprochen wurden.

Top 5 H.P. Lovecraft Adaptionen:


5. Dagon (2001): 75%
Adaption von „Schatten über Innsmouth“ und „Dagon“
Bild aus dem Film „Dagon“ (3L Filme)

„Dagon“ ist ein Film, den ich bereits vor zwei Jahren im Rahmen des „Eldritch Advice“ besprochen habe und der immer noch ein willkommener Gast auf meinem TV-Bildschirm ist. Regisseur und Lovecraft Kenner Stuart Gordon verlegte den Ort der Handlung von der Küste Neuenglands in die fiktive spanische Hafenstadt „Imboca“, weicht darüber hinaus aber nicht zu sehr von der Novelle „Schatten über Innsmouth“ ab, mit der kleinen Ausnahme ebenfalls Aspekte der Kurzgeschichte „Dagon“ in diesem Film untergebracht zu haben. Da beide Geschichten ihren Ursprung im selben Mythos haben, wirkt sich diese Fusion positiv auf die Handlung aus. Generell werte ich „Dagon“ als den erzählerisch stärksten Gordon-Film, der nur aufgrund seiner schlecht gealterten CGI-Effekte nicht ganz mit seinen Beiträgen aus den 80er-Jahren mithalten kann.


4. From Beyond - Aliens des Grauens (1986): 80%
Adaption von „Vom Jenseits“
Bild aus dem Film „From Beyond - Aliens des Grauens“ (Filmverleih)

Ist „Dagon“ der erzählerisch stärkste Gordon-Film, so ist „From Beyond“ sein visuelles Meisterstück. Die famosen praktischen Effekte haben die Zeiten überdauert und sind heute noch so faszinierend, wie sie es bei der Veröffentlichung dieses Films im Jahr 1986 waren. Lovecraft beschrieb die Farbgestaltung des Szenarios seiner Kurzgeschichte „Vom Jenseits“ mit „glowing with a sickly, sinister, violet luminosity“. Wer „From Beyond“ gesehen hat, weiß, dass das Filmteam diesen Part in Perfektion umsetzte. Der Plot des Quellenmaterials wurde gut adaptiert und mit reichlich Erotik aufgepeppt. Minuspunkte gibt es von mir allerdings dafür, dass der Humor Gordons einigen Szenen ihrer Intensität beraubt und sich dadurch die Motive des Wahnsinn, der Isolation und Hoffnungslosigkeit nicht vollends entfalten können.


3. Re-Animator (1985): 85%
Adaption von „Herbert West–Reanimator“
Bild aus dem Film „Re-Animator“ (Capelight)
Es ist nicht verwunderlich, dass Gordon mit seiner Verfilmung der Kurzgeschichte „Herbert West-Reanimator“, die von Lovecraft ursprünglich als Fortsetzungsroman veröffentlicht wurde und gewissermaßen als eine Parodie auf „Mary Shelley's Frankenstein“ zu werten ist, seinen größten Erfolg einfuhr. Als Horrorkomödie spielt „Re-Animator“ Gordon ideal in die Karten. Dazu kommt, dass man mit der Besetzung von Jeffrey Combs als Herbert West aus einem zuvor unbekannten Charakter eine Ikone des Horrorkinos machte. Es existieren verschiedene Schnittfassungen dieses Films, von denen meiner Meinung nach die etwa 82 Minuten lange „unrated“ Variante den am kurzweiligsten Sehgenuss bietet. Mit „Bride of Re-Animator“ (1989) und „Beyond Re-Animator“ (2003) verfügt dieser Film darüber hinaus über zwei sehr sehenswerte Fortsetzungen.


2. Die Farbe (2010): 85%
Adaption von „Die Farbe aus dem All“
Bild aus dem Film „Die Farbe“ (Filmverleih)
Der 1982 in Stuttgart geborene deutsch-vietnamesische Filmemacher Huan Vu, tauchte 2010 mit seiner Verfilmung von Lovecrafts Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ quasi aus dem Nichts auf und fuhr für sein Werk, „Die Farbe“, auf diversen internationalen Filmfesten zurecht zahlreiche Preise ein. Anders als in der Vorlage, spielt die Handlung nicht durchgehend im fiktiven „Arkham“ des späten 19. Jahrhunderts, sondern gut 100 Jahre später im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Die Änderung der Kulisse tut der Atmosphäre jedoch keinen Abbruch. Vu gelingt es den Geist der Geschichte nahezu makellos einzufangen. Die Entscheidung den Film, bis auf die ominöse außerirdische Farbe, in schwarzweiß zu drehen, gibt dem Werk zusätzlich eine befremdliche Ästhetik (im positiven Sinn).


1. The Resurrected - Die Saat des Bösen (1991): 90%
Adaption von „Der Fall Charles Dexter Ward“
Bild aus dem Film „The Resurrected - Die Saat des Bösen“ (Koch Media)
„The Resurrected“ ist einer von nur zwei Spielfilmen, in denen Dan O’Bannon Regie führte. Der 2009 verstorbene Lovecraft-Fan mag zwar keinen so klingenden Namen wie Ridley Scott oder Paul Verhoeven haben, verewigte sich jedoch durch seine Drehbücher für „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) und „Die totale Erinnerung – Total Recall“ (1990) in den Annalen der Filmgeschichte. Seine Lovecraft Adaption ist in meinen Augen jene, die ihrer Vorlage im Bezug auf Atmosphäre und Tempo am nächsten kommt. Der Horror entfaltet sich langsam, eher er seinen Höhepunkt in einem fulminanten Finale erreicht. Die herausragende Besetzung, allen voran Chris Sarandon, sorgt dafür, dass dieser Film, trotz seiner gemächlichen Erzählstruktur, über keine Längen verfügt.

Top 5 von H.P. Lovecraft inspirierte Filme:


5. The Cabin in the Woods (2012): 90%
Bild aus dem Film „The Cabin in the Woods“ (Constantin Film, Universum Film)
Produzent und Drehbuchautor Joss Whedon, sieht „The Cabin in the Woods“ als Ausdruck seiner „Hassliebe“ zum Horrorgenre; etwas das im fertigen Film klar ersichtlich ist. Es vergeht kaum ein Moment, der keinen der gängigen Genretropen parodiert, dabei allerdings seinen Vorbildern Respekt zollt und nicht dem Spott preisgibt. Dieses Werk gehört zu jenen Filmen, die mir nach jeder Sichtung mehr und mehr gefallen. Für Horrorfans gilt diese Produktion als das ultimative Suchbild. Den lovecraftesquen Aspekt von „The Cabin in the Woods“ möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht preisgeben, da dieser Film jene Zuseher belohnt, die mit so wenig Vorwissen wie möglich, an ihn herangehen.


4. Die Mächte des Wahnsinns (Orig.: In the Mouth of Madness, 1994): 90%
Bild aus dem Film „Die Mächte des Wahnsinns“ (New Line Cinema)
Nach dem Remake zu „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982), und „Die Fürsten der Dunkelheit“ (1987), bildet „Die Mächte des Wahnsinns“ den Abschluss von John Carpenters „apokalyptischer Trilogie“ und ist dabei jener Beitrag, der die meisten Bezüge zu Lovecraft aufweist. Sam Neill mimt den fiktiven Horrorautor John Trent, der im Laufe der Geschichte mehr und mehr dem Wahnsinn verfällt, als die Grenze zwischen Realität und Fiktion Stück für Stück zu Schwinden beginnt. Erfreulicherweise verzichtet Carpenter darauf Erklärungen für das Geschehen zu liefern, sondern lädt das Publikum ein, den Verfall der geistigen Stabilität des Protagonisten so nah wie nur irgendwie möglich mitzuerleben.


3. Armee der Finsternis (Orig.: Army of Darkness, 1992): 90%
Bild aus dem Film „Armee der Finsternis“ (Koch Media)
Der dritte Teil der „Tanz der Teufel“ Trilogie mag zwar nicht über die Brutalität seiner Vorgänger verfügen, gab dem Protagonisten Ash allerdings jene anrüchigen Charaktermerkmale, die ihn und seinen Darsteller Bruce Campbell zu einer Kultfigur machten. Das von Lovecraft in seiner Kurzgeschichte „der Hund“ zum ersten Mal erwähnte Grimoire „Necronomicon“, ist ein grundlegender Bestandteil aller „Tanz der Teufel“-Filme und ihrer Ableger. Eifrig diskutiert wird in Fankreisen ob die „Dark Ones“ aus Sam Raimis Filmen ein Synonym oder lediglich Hommage für Lovecrafts „Old Ones“ sind, während die Comichefte beide Universen schon längst miteinander verknüpft haben. Fest steht, dass in „Armee der Finsternis“ nicht bloß sehr viel Lovecraft steckt, sondern es sich dabei ebenfalls auch um eine der besten Horrorkomödien aller Zeiten handelt.


2. Über dem Jenseits (Orig.: ...E tu vivrai nel terrore! L'aldilà, 1981): 90%
Bild aus dem Film „Über dem Jenseits“ (Filmverleih)
Bevor John Carpenter Lovecraft in seiner „apokalyptischen Trilogie“ Tribut zollte, gab es bereits die „Gates of Hell“-Trilogie, in der sich die italienische Horrorlegende Lucio Fulci vor dem Schaffen des Schriftstellers aus Providence verneigte. Mit „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (1980), Über dem Jenseits (1981) und „Das Haus an der Friedhofsmauer“ (1981) schuf er drei Genreklassiker, von denen meiner Meinung nach „Über dem Jenseits“ der meist lovecraftesque Beitrag ist. Ein essentieller Part des Films ist das okkulte Werk „Eibon“, das zwar nicht von Lovecraft, sondern einem seiner Freunde, Clark Ashton Smith, erfunden wurde, aber dennoch in vielen seiner Werke auftaucht. Für seine Darstellung von Lovecrafts Horror, verzichtet Fulci auf einen roten Faden und setzt seinen Fokus auf eine Aneinanderreihung von visuellen Fragmenten, die zusammen mit Fabio Frizzis grandiosem Soundtrack, eine Symphonie des Terrors bilden und dabei sämtliche Motive Lovecrafts beinhalten.


1. Alien (1979): 95%
Bild aus dem Film „Alien“ (20th Century Fox)
Auf dem ersten Blick mag man sich durchaus fragen was Ridley Scotts „Alien“ mit dem kosmischen Horror von Lovecraft gemein hat. Schließlich sind Menschen in seinen Geschichten oft nur der Spielball uralter Gottheiten und ihr Streben nach Rettung am Ende vergebens, während „Alien“ mit der von Sigourney Weaver dargestellten Ellen Ripley über eine Heldin verfügt, die am Ende triumphiert. Sieht man jedoch etwas genauer hin und wirft auch einen Blick hinter die Kulissen, so ist der Einfluss von Lovecraft klar ersichtlich. Mit dem Drehbuchautor Dan O’Bannon und dem Schweizer Künstler H. R. Giger, waren zumindest zwei Personen entscheidend an diesem Film beteiligt, die in ihrem Schaffen unstrittig von Lovecraft inspiriert wurden. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele von Gigers Designs einigen Schilderungen aus Lovecraft Werken zumindest ähnlich sind. Darüber hinaus soll der SOS-Ruf vom Planeten Acheron (LV-426), in einem frühen Script von O’Bannon, Wörter aus der von Lovecraft erfunden „R'lyehian-Sprache“ enthalten haben. Wesentlich deutlicher ist allerdings, dass Lovecrafts Beschreibung des Universums als einen endlosen, kalten, gnadenlosen und Furcht einflößenden Raum ideal die Welt aus „Alien“ widerspiegelt, während der Überlebenskampf der Besatzung der Nostromo für Isolation und Hoffnungslosigkeit steht. Selbst Ripleys Triumph am Ende wirkt, ob ihrer Erlebnisse, mehr mutlos denn optimistisch.
Der Autor
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Thorsten


Forum

  • lovecraft, weichgespült

    deiner inspirationsliste würde ich auch the shape of water hinzufügen - der schrecken aus dem amazonas als dagon-ähnlicher fischgott, die stumme außenseiterin mit den merkwürdigen narben am hals, die sich als kiemen entpuppen und die schlussendliche heimkehr in ozeanische tiefen. na wenn das nicht der kern von schatten über innsmouth ist...!
    statt "wahnsinn" gibt's halt mitgefühl und hormone...
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    31.10.2019, 14:27 Uhr
    • fhtagn

      Shape of Water ist neben "Creature from the Black Lagoon" gewiss von H.P. Lovecraft inspiriert, hat sich aber nicht für meine Top 5 qualifiziert. Aber du hast recht, auch "tiefe Wesen" brauchen Liebe.
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      31.10.2019, 21:30 Uhr