Indie Inside
Indie Inside: Teenie-Komödien

Indie Inside: Teenie-Komödien

Wieso die Stadtneurotikerin lieber heute ein Teenager wäre, als ihre schlechtesten Jahre an die 90er verschwendet zu haben
Ein Teenager zu sein, war angeblich noch nie ganz leicht, aber wenn man die stereotypischen Teenie-Komödien der Neunziger mit denen der letzten Jahre vergleicht, habe zumindest ich das Gefühl, die Jugendlichen von heute um ihre Filme beneiden zu müssen.

Auch wenn „Clueless“ ein Goldstück eines 90er Teenie-Films ist, war ich damals noch zu jung, spielte mit Barbies und ahnte noch nichts von der Pubertätswelle, die mich bald überrollen würde. So kam es, dass mein Dasein als Jugendliche nicht durch Cher Horowitz’ Weisheiten bereichert werden konnte. Heute lache ich zwar gerne über das reiche Blondchen mit ihren Highschool- und Männerproblemen; trotzdem fühlt sich der Film für mich an, wie ein kleines Stück archivierte amerikanische Jugendkultur, die zwar nett anzusehen ist, aber mir trotzdem irgendwie fremd bleibt.

Stattdessen war ich gezwungen, meine Sexualerziehung in die Hände von Stiflers Mom zu geben und dabei zuzusehen, wie Jimmy seine ersten Erektionen an warmen Apfelkuchen verschwendete. Alles, was mir „American Pie - Wie ein heißer Apfelkuchen“ über Sex und die erste Liebe beigebracht hat, fühlt sich irgendwie falsch an. So versuche ich noch heute, die Leere in mir zu stopfen, die „American Pie“ hinterlassen hat.



Als männliche Teenie-Film Ikone wurde Jason Biggs inzwischen von Michael Cera abgelöst, den Hollywood scheinbar einstimmig als seinen pubertierenden Vertreter der heutigen, immer noch verunsicherten Jugend gewählt hat. Tatsächlich macht es mich jedes Mal aufs Neue glücklich, dabei zu zusehen, wie Michael Cera seine Jungfräulichkeit verliert, egal ob in „Juno“, „Nick und Norah - Soundtrack einer Nacht“, oder „Youth in Revolt“. Der Unterschied zwischen den Charakteren, die Cera mimt, und Jason Biggs Paraderolle des Jimmy liegt darin, dass Jimmy primär mit dem beschäftigt war, was er in seiner Hose hatte und sich auch nur dadurch definierte, während Bleeker und Co meist auch etwas im Kopf haben.



Michael Cera spielt keinen Außenseiter mehr wie es Jimmy einer war. Geeks sind inzwischen eine respektable Sorte Mann geworden, und so gibt sich Michael Cera meist auf seine reduzierte Art und Weise selbstbewusst, denn er ist immerhin charmant, fährt keine Schrottkarre sondern ein Vintage-Auto, hat coole Lieblingsbands und ist sowieso sehr bewandert in Sachen Popkultur. Dementsprechend sind auch seine Herzensmädchen keine seltsamen Mädchen aus irgendwelchen Ferienanlagen, sondern potentielle Traumfrauen wie Ellen Page aus „Juno“ oder Kat Dennings aus „Nick and Norah“. Auch was Humor betrifft, hat sich seit den Neunzigern viel getan. Während Stifler aus „American Pie“ auf dreckige Witze setzte, spielt Nick aus „Youth in Revolt“ mit Ironie.

Aus all dem ergibt sich ein neuer Anspruch und ein neues Identifikationspotenzial, das meinem Teenager-Ich in den 90ern irgendwie gefehlt hat. Man darf jedenfalls gespannt sein, was für Zeugnisse moderner Jugendkultur uns noch bevorstehen und hoffen, dass Michael Cera sein Babyface nicht zu bald verliert.
Die Autorin
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Stadtneurotikerin


Forum

  • Die Neurotik der Auspupertierten....

    die wehmütig dem heutigen Teeniedasein was abgewinnen möchten gleichen in Ihren Anstrengungen den Altneurotikern, die gerne im Altersheim, afterwärtsblickend, den jungen Schwestern und Pflegern nachhecheln.

    Finde den "stadtneurotischen" Humor Ganglien- und Bauchfell stimulierend und freue mich auf die nächsten Zeilen der alterotisch inspirierten Autorin.
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    04.12.2014, 16:51 Uhr