Indie Inside
Indie Inside: Englische deutsche Filmtitel

Indie Inside: Englische deutsche Filmtitel

Wenn dem Filmverleih mal nicht nach Übersetzen ist, werden Filme gleich ganz neu interpretiert. Oft von Leuten, die die Interpretationskunst wohl so gar nicht beherrschen.
Beim Durchlesen des aktuellen Filmprogramms sticht mir vor allem „Can a Song Save Your Life?“ ins Auge und gleich darauf ins Herz. Dem klugen Köpfchen hinter diesem ausgefallenen deutschen (!) Filmtitel ist wohl keine passende Übersetzung für „Begin Again“ eingefallen. Also musste ein neuer englischer Titel her, dessen Länge eine vernünftige Atemtechnik erfordert, um ihn überhaupt mit einem Mal über die Lippen zu bekommen. Aber es geht noch viel schlimmer. Aus gegebenem Anlass, hier also meine Top 3 der destruktivsten Filmtitel, an die Filmverleihe ihre Kreativität unnötig verschwendet haben.

#3 „We Want Sex

(orig. „Made in Dagenham“)



Was klingt wie ein Film, den man in der Videothek hinter dem roten Vorhang hervorgeholt hat, erfüllt keine der Erwartungen, die der Name in einem weckt. Stattdessen geht es um eine Gruppe von Frauen im britischen Ford-Werk Dagenham. Auch wenn die Sechziger gern mit sexueller Revolution in Verbindung gebracht werden, wollen die Frauen in diesem Film wirklich nur das Eine: mehr Geld! Die selbstbewussten Arbeiterinnen rund um Sally Hawkins fordern „We want sex equality“ – also Gleichberechtigung, was für einen kurzen Lacher im Film sorgt, als der Banner nicht vollständig aufgerollt wird. Aber repräsentativ für den ganzen Film ist diese Szene und somit auch der deutsche (oder neue englische) Filmtitel nicht.

#2 „Algebra in Love

(orig. „Damsels in Distress“)



In dieser unkonventionellen Komödie steppt Greta Gerwig gegen ihren Herzschmerz und sieht im Stepptanz auch für andere depressive Studenten eine geeignete Heilmethode. Der Originaltitel beschreibt den Inhalt des Films perfekt und nimmt auch gekonnt Bezug auf den Tanzfilm „A Damsel in Distress“ mit Fred Astaire aus 1939. Macht alles sehr viel Sinn im Gegensatz zum Titel des deutschen Verleihs. Der ist absolut sinnfrei.

#1 „Journey of Love - Das wahre Abenteuer ist die Liebe

(orig. „Safety Not Guaranteed“)



Hier hat sich jemand besondere Mühe gegeben, den Film bis hin zur Unkenntlichkeit zu verunstalten. Sowohl der neue Filmtitel als auch das neue DVD-Cover lassen vermuten, den neuesten Liebes-Alptraum von Nicholas Sparks in Händen zu halten. Dem ist aber ganz und gar nicht so. Es steht eigentlich eine schräge Kleinanzeige im Mittelpunkt des Geschehens, in der jemand eine Begleitung für eine Zeitreise sucht. „Must bring your own weapons. Safety not guaranteed.“ Diese nicht ganz ernstzunehmende Anzeige wurde tatsächlich 1997 in einem Magazin gedruckt und inspirierte einen der interessantesten Indie-Streifen der letzten Jahre. Es grenzt schon fast an einen Geniestreich, einem derartigen Film so viel Kitsch unterzujubeln. Schade nur, dass dabei die Zielgruppe des Films meilenweit verfehlt wurde.

Wem auch schon mal haarsträubende Filmtitel aufgefallen sind, ist herzlich eingeladen, diese in den Kommentaren zu teilen. Ein bisschen Jammern reinigt ja bekanntlich die Seele.
Die Autorin
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Stadtneurotikerin


Forum

  • Indie verdenglischte movies

    Liebe Stadtneurotikerin,
    der Kaktus der Kreativität sticht so manchen dolmetschenden Esel und produziert durch seine unfreiwillige Naivität ein Kichern der Wissenden. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen und mich trotz höllischer Schmerzen Desselbigen mit Ihrer Wahrheit zum Lachen gebracht und mir neue Erkenntnisse offenbart. Bitte kitzeln Sie weiter mein Zwerchfell mit Ihren äußerst humorvollen und doch tiefsinnig-charmanten Realitätsbetrachtungen der filmischen Traumwelten. Liebe Grüße JeanDoc
    jeandoc_8c8fcd4deb.jpg
    05.09.2014, 21:06 Uhr
  • Damsels?

    Algebra in Love finde ich jetzt zwar auch nicht sehr gut, aber beim englischen Filmtitel kann man sich halt schon gar wenig vorstellen. Anscheinend wird beim Duchschnittszuschaue da manchmal schon eine Diplomübersetzerausbildung vorausgesetzt. Ich wusste zum Beispiel weder mit „Damsels“ noch mit „Distress“ was anzufangen.

    Blöd fand ich die englische Übersetzungen bei „Taken“, der zu „96 Hours“ wurde. Aber dabei haben sie sich ja selbst keinen Gefallen getan, weil man sich dann bei der Fortsetzung wieder auf 96 Stunden fixiert, was ja mit der Handlung nichts zu tun haben muss.
    edwood_57d5f12321.jpg
    04.09.2014, 11:23 Uhr
  • Film is culture.

    Wir Europäer belächeln Amerikaner ja gerne mal als kulturfrei; aber: Ich finde, diese Übersetzungen zeugen davon, wie sehr der englischsprachige Unterhaltungsfilm dem deutschsprachigen kulturell überlegen ist. Sex sells, love sells, nur nicht zu viel nachdenken.
    03.09.2014, 14:02 Uhr