Kobergs Klarsicht

Kobergs Klarsicht: Listen lesen

Die Oscar-Nominierungen sind da und deuten einen Richtungswechsel an.
Ein bisschen ruhig und recht unaufgeregt liest sich dieses Jahr die Liste der Oscar-Nominierungen. Dass ein großer Teil der gelisteten Filme in Österreich noch nicht angelaufen ist, ist keine Besonderheit. Aber es ist auch nicht zu vermuten, dass viele der Filme hierzulande für großes Aufsehen sorgen werden. In den bedeutenderen Kategorien fehlen popkulturelle Knaller wie etwa „Mad Max: Fury Road“ im vergangenen Jahr. Und diesmal hat auch kein Darsteller in einem toten Pferd übernachten müssen. Es sind tendenziell kleine, ruhige Filme, die 2017 um die Oscars buhlen: „Moonlight“ erzählt die Geschichte eines schwulen jungen Mannes in einem armen, schwarzen Viertel von Miami, in „Lion“ sucht ein adoptierter australischer Inder nach seiner leiblichen Mutter. Und in „La La Land“ verlieben sich Emma Stone und Ryan Gosling beim Tanzen.

Natürlich gibt’s da auch zwei bankraubende Bartträger (Hell or High Water) und ein linguistisches Gedankenexperiment mit Außerirdischen (Arrival) aber auch hier wird ein im jeweiligen Genrevergleich ruhiger Ton angeschlagen. Ein bisschen wirkt es, als näherten sich die Oscars den diversen Filmfestivals an: Soziale Sprengkraft statt Großspurigkeit und Glamour.

Das mag daran liegen, dass die Academy sich in den letzten Jahren um mehr Vielfalt und mehr Internationalität im Kreise ihrer über 6000 abstimmungsberechtigten Angehörigen bemüht hat. Denn in diesen beiden Aspekten sticht die Nominierungsliste 2017 im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen heraus: Zum einen kann heuer nicht mehr von einem Filmpreis von Weißen für Weiße die Rede sein. Denzel Washington, Ruth Negga, Dev Patel, Viola Davis; die Liste der nicht-weißen nominierten Darstellerinnen und Darsteller ist so lang wie wohl nie zuvor. Für die beste Nebendarstellerin sind gleich drei schwarze Frauen nominiert und den Oscar für den besten Nebendarsteller soll bitte Mahershalalhashbaz Ali gewinnen. Damit irgendjemand diesen Namen aussprechen muss.

Aber auch die – wenngleich natürlich immer noch bescheidene – Internationalität der Auswahl ist erfreulich. Isabelle Huppert ist für ihre Rolle im französischen Film „Elle“ als besten Hauptdarstellerin nominiert. Aber auch andere nichtamerikanische Filme wie der durchgeknallt dystopische „The Lobster“ oder der französische Stop-Motion-Film „Mein Leben als Zucchini“ haben es in die Liste geschafft.

Die Oscars kämpfen zwischen Mainstreamtauglichkeit und filmischem Niveau schon länger mit der Selbstfindung und so hat sich um sie herum schon so etwas wie ein eigenes Oscar-Film-Genre gebildet. Ein bisschen mehr Vielfalt kann dem Trubel um die goldenen Statuetten also sicherlich nicht weh tun.
Der Autor
Koberg2016
DerKoberg


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