Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Waiseneltern

Kobergs Klarsicht: Waiseneltern

Wenn Leinwandpapas Weisheiten weitergeben, fällt ihnen dieser Tage nichts Neues ein.
In den Unterhaltungsmedien – ganz besonders in den etwas älteren – wimmelt es nur so vor Waisenkindern. Überraschend ist das nicht, denn einerseits ist die tragische Ausgangssituation ein Sympathiegarant und andererseits können gut behütete Kinder nur schwer große Abenteuer erleben. Also sind Eltern von kindlichen Helden häufig gestorben („Niklaas, ein Junge aus Flandern“) oder zu weit weg, um zu helfen („Kevin allein zuhause“).
Ganz verschwunden sind diese Figuren nie. Immerhin hat Harry Potter eine ganze Generation geprägt. Doch plötzlich tummeln sie sich wieder vermehrt auf den Kinoleinwänden, ganz gleichgültig ob Independent oder Mainstream. Dabei fällt auf, dass sich Film-Eltern und damit wohl auch die Filmemacher gerne die Frage stellen, was sie den hinterbliebenen Kindern mit auf den Weg geben wollen: Tom Hanks in „Extrem laut und unglaublich nah“, Jude Law in „Hugo Cabret“ und George Clooney in „The Descendants“; alle geben sie sich Mühe, ihrem Nachwuchs etwas zu hinterlassen. Und jeder für sich verfällt dabei dem Konservativismus. Da geht es um die Magie uralter Kinofilme, um gute alte Werte und um das letzte unberührte Stück Natur auf den hawaiianischen Inseln. Dass sich diese Gedanken direkt auf ihre Macher zurückführen lassen zeigt Martin Scorsese, der dezidiert einen Film drehen wollte, der auch seiner kleinen Tochter gefällt. Und ihr erzählt er in fulminant dreidimensionaler Charles-Dickens-Manier von der Magie des Kinos in den 1930ern.

Wirft man einen Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahre, fügt sich all das in ein stimmiges Bild: Die wachsende Unsicherheit und das Ende des vermeintlich endlosen wirtschaftlichen Aufstiegs treiben die Menschen zurück in ihre eigenen vier Wände. Und dort geht es dann wieder um die Pflege des sozialen Umfelds und die Aufzucht des eigenen Nachwuchses. Vom neuen Biedermeier ist ohnehin schon immer öfter zu lesen.

Was aber gibt man Kindern mit, auf ihrem Weg in eine Welt, die schon längst niemand Vernunftbegabter mehr zu verstehen glaubt? Man erzählt von damals, als alles noch gut war und lässt den fragwürdig gewordenen Fortschritt außen vor. Dass dabei einige sehenswerte Filme entstanden sind, steht außer Frage, doch auf Dauer ist zu hoffen, dass bald auch wieder nach vorne gedacht wird.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Waiseneltern?

    Sind nicht Waiseneltern eher Eltern, die ihre Kinder verloren haben? So wie Waisenkinder Kinder ohne Eltern sind. Hier geht es aber wohl eher um einen alleinerziehende Elternteil eines (Halb)weisen, oder um die ehemaligen Eltern eines Vollwaisen. Vater eines Waisen kann man ja nur sein, wenn man selbst tot ist...
    treadstone71_02519ad8f6.jpg
    02.03.2012, 13:14 Uhr
    • Waiseneltern.

      Das stimmt natürlich. "Waiseneltern" bezeichnet für gewöhnlich Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Für mich ist es aber vor allem ein ungebräuchliches Wort, das genauso gut die Eltern von Waisen bezeichnen könnte. Und da es im Text ja auch um Weisheiten von Eltern geht erscheint mir das Wort als Titel passend, recht unabhängig davon, was es denn dann wirklich meint.
      derkoberg_e0b93f0909.jpg
      26.03.2012, 11:30 Uhr
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    Sehr treffend beobachtet und unterhaltsam geschrieben.
    uncut_af2a8b1f85.jpg
    01.03.2012, 14:41 Uhr