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Indie Inside: Das Greta-Gerwig-Genre

Noah Baumbachs Muse spielt gern die starke Frau von nebenan und hat mit dieser Rolle bereits ihr eigenes Genre geprägt.
Nach einem letzten romantischen Kuss kommt der Abspann und wir wissen „Pärchen gut, alles gut“. Nicht so bei Greta-Gerwig-Filmen. Hier grinst uns am Ende eine junge, unabhängige Frau entgegen und trotzt damit der Hollywood-Konvention des Happy-Ends, das man teilen muss. Eine Frau kann auch alleine glücklich werden, zumindest eine Greta Gerwig. Und deswegen hat sie mittlerweile ihr eigenes Genre geprägt.

Gerwigs bevorzugte Rolle ist die „Damsel in Distress“, was so viel heißt wie „ junge Frau in Nöten“ – ein Motiv, das schon seit jeher die Feministinnen unter uns ärgern dürfte. Gerwig aber schafft es, uns genau in dieser Rolle zu beweisen, wie stark Frauen wirklich sein können und, dass sie diese Stärke nicht zwingend aus der Liebe schöpfen müssen.

Besonders auffällig ist, dass Greta Gerwig gerade in den Filmen ihres Lebensgefährten Noah Baumbach oftmals alleine bleibt – entweder weil er sie nicht teilen will, oder, weil er genau ihre Unabhängigkeit zu schätzen weiß. Man tippt wohl auf Letzteres, wenn man betrachtet, wie schön Baumbach diese Unabhängigkeit inszeniert. In der Coming-Of-Age-Komödie „Frances Ha“ etwa stolpert Gerwig als Titelheldin Frances durchs Leben und sucht statt nach einem Mann, (obwohl Adam Driver mitspielt) nach sich selbst – und das in einer Stadt wie New York, in der sie sich nicht einmal die Miete leisten kann. Perfekter Stoff für eine „Quarter-Life-Crisis“, die Frances am Ende auch meistert. Was wir auch lernen in diesem Film ist, dass Frauen keinen Mann brauchen, um sie in eine Lebenskrise zu stürzen, aber auch nicht, um wieder aus einer Krise zu kommen.

Ebenfalls von Noah Baumbachs ist die Komödie „Mistress America“, in der Lola Kirke und Greta Gerwig zwei baldige Stiefschwestern spielen. Obwohl Gerwigs Charakter Brooke zehn Jahre älter ist als Kirks Rolle Tracy, gehen beide gleichzeitig durch ihre „Quarter-Life-Crisis“. Schuld daran sind nicht ihre unterschiedlichen Lebenserwartungen, sondern die Tatsache, dass Brooke die zehn Jahre Vorsprung nicht dazu genutzt hat, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, sondern lediglich dessen Fassade zu polieren. Und diese Fassade kann sich sehen lassen: Brooke ist die Großstadt in Person, sprudelt vor Energie, wohnt am Times Square. Sie macht alles und nichts. Inspiriert von ihrer Persönlichkeit schreibt Tracy heimlich an einer Kurzgeschichte über sie. Doch je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto klarer wird, Brooke ist eine Kunstfigur und dahinter steckt eine junge Frau, die nichts auf die Reihe kriegt. Am Ende sehen wir wieder eine Gerwig, die es geschafft hat – allein.

Greta Gerwig

In Rebecca Millers leichtfüßiger Komödie „Maggies Plan“ geht Greta Gerwig noch einen Schritt weiter. Anstatt sich Dingen zu widmen, die man auch alleine schafft, will Gerwig als Maggie nämlich ein Kind – eigentlich ein Vorhaben bei dem jede Frau auf einen Mann angewiesen ist. Nicht so unsere kleine feministische Heldin. Die will nämlich nur sein Sperma. Eine alleinerziehende Mutter zu sein – ein Gedanke, der viele Frauen überfordert, ist Maggies Idealvorstellung einer Familie. Doch begegnet sie genau in der Zeit, in der ihre biologische Uhr am lautesten tickt, Ethan Hawke und verliebt sich in ihn. Aus ihrem eigentlichen Plan wird die konventionelle Familien-Version. Lange glücklich ist sie damit aber nicht. Genervt vom Dasein als unterstützende Ehefrau, schmiedet sie erneut einen Plan, nämlich den Ehemann an seine Exfrau Julianne Moore zu retournieren und in ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter aufzugehen.

Während gerade Hollywood uns eintrichtert, dass Frauen vor nichts mehr Angst haben, als vor dem Alleinsein, bringt Greta Gerwig genau den frischen, feministischen Wind, den das Kino gerade braucht. Vor allem aber verdienen die tollen, jungen Frauen, die in Gerwigs Filme gehen, ihr eigenes Genre.
Die Autorin
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Stadtneurotikerin


Forum

  • Greta Gerwig Genre

    Finde deinen Artikel super geschrieben und kann nur zustimmen - Greta Gerwig hat wirklich ihr eigenes Genre entwickelt. Großer Fan!
    defaultbild
    21.09.2016, 22:47 Uhr
    • Vielen Dank :)

      Bin gespannt was man noch von Greta Gerwig zu sehen bekommt. Ihr neuer Film "20th Century Women" scheint ihrem Genre treu zu bleiben.
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      22.09.2016, 17:24 Uhr
  • Erinnert mich sogar teils an mich

    Das ist echt ein schöner und irgendwie bestärkender Artikel!
    Jetzt bin ich sehr motiviert, Frances Ha zu schauen.
    Und Wiener Dog? Ist natürlich wieder die same story, nur mit Hund, haha!
    Das macht so Spaß, deine Art zu schreiben zu lesen!
    Cannes_40
    19.09.2016, 01:06 Uhr
    • ausserdem

      Du kannst dich auf sie auch in Jackie freuen... War fast eine Erleuchtung sie zu sehen! Zwar nicht in der typischen Gerwig-Rolle, aber als Unterstützerin, die mit solchem hingebungsvollen Selbstbewusstsein dasteht, wie wir es nur von Gerwig kennen.
      Cannes_40
      19.09.2016, 01:10 Uhr
    • jaaa...

      auf "Jackie" freu ich mich aus mehreren Gründen, einer davon natürlich Greta Gerwig.
      Und "Wiener-Dog" war echt mal eine Ausnahme von ihrer typischen Rolle. Ihr Charakter wusste leider gar nichts mir sich anzufangen, so einsam, dass sie einen Dackel stehlen musste und sich irgendeinem Mann angeschlossen hat, nur um nicht allein zu sein. Aber auch solche Frauen soll es geben. Ist doch schon wie vielfältig wir sein können haha
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      22.09.2016, 17:37 Uhr