Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Die guten und die bösen Bösen

Kobergs Klarsicht: Die guten und die bösen Bösen

Manchmal sind die Gauner die Guten und die Braven sind böse – ein Versuch einer Erklärung, wen man in Filmen mögen soll.
Eine Katze am Schoß, am Drehsessel sitzend, mit entstelltem Gesicht, bar jeder menschlichen Regung und gerne auch mit einem Hang zur Perversität: Wie die wirklich bösen Bösen inszeniert werden müssen, haben nicht zuletzt die James-Bond-Filme immer wieder glorreich vor Augen geführt. Das scheint auch nicht allzu schwierig zu sein. Es gibt Visagen wie jene von Ray Liotta, denen man anthropophile Regungen kaum zutrauen würde und es bedarf nur weniger Augenblicke, um Charaktere als verdammungswürdige Bösewichte einzuführen. Aber erfreulicher Weise ist nicht immer alles so einfach.

Ein schönes Beispiel ist „The Place Beyond the Pines“ von Derek Cianfrance, der gerade in unseren Kinos gestartet ist. Da gibt es einen Bankräuber dem – ähnlich einem Robin Hood – die Sympathien entgegenfliegen, es gibt einen vermeintlichen, wenn auch tragischen Helden, den man als Zuseher nur schwer mögen kann und es gibt den Innbegriff des hollywoodschen Widerlings: Den korrupten Bullen. Alle drei handeln sie moralisch bedenklich. Und doch sind die Sympathien ganz unterschiedlich verteilt. Der Robin Hood raubt Banken aus, um seinem Sohn Geld zukommen zu lassen. Ein edles Motiv, doch der Junge ist soweit so gut versorgt und seine Mutter will das Geld nicht einmal haben. Korrupte Bullen geben auch gerne einmal ihre Familien als Tatmotiv an und während sich das wie eine fadenscheinige Ausrede anfühlt, wird der Robin Hood durch die fehlende Dankbarkeit der Mutter nur noch sympathischer. Eigenwillig.

Noch diffiziler verhält es sich mit den Sympathien für den tragischen Helden. Der tut nämlich kaum etwas Falsches, macht sich lediglich das ohnehin kaputte System zunutze und verspielt doch den überwiegenden Teil der Zuneigung, die ich ihm anfangs noch entgegengebracht habe.
Mein überbemüht spoilerfreier Exkurs zu „The Place Beyond the Pines“ sei damit beendet. Aber was bleibt ist die Frage, wann falsch handelnde Charaktere in Filmen in unserer Wahrnehmung unsympathisch und böse werden. In welcher Szene haben Al Pacino in „Scarface“ oder Denzel Washington in „American Gangster“ diese Schwelle übertreten? Und warum konnte ich Johnny Depp in „Public Enemies“ bis zum Schluss nicht wirklich böse sein, für seine Gewaltexzesse?

Freilich zieht hier jeder seine Grenzen anders, aber ein paar Faktoren scheint es zu geben, die Filmschaffenden dabei helfen, zwischen guten und bösen Bösen zu unterscheiden: Zum einen wäre da das Kalkül. Wer aus Leidenschaft falsch handelt (Robin Hood) bleibt sympathisch. Wer perfide plant wird suspekt. Dann gibt es natürlich das Ideal des Outlaws. Wer ohnehin schon außerhalb der Gesellschaft steht, der muss sich auch nicht an ihre Regeln halten – ganz im Gegensatz zur Polizei. Aber am meisten beeindruckt uns offenbar das Geliebt-werden: Wenn sich Frau und Familie vom tragischen Helden abwenden, ist offenbar die Schwelle zum böse sein erreicht. Aber ein Böser, der ehrlich geliebt wird, kann so böse nicht sein.