Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Strg-C Strg-V

Kobergs Klarsicht: Strg-C Strg-V

Noch ein paar Gedanken zum Ausgraben alter Geschichten.
Vor einem Monat waren es die neu interpretierten Märchen, die mich an dieser Stelle beschäftigt haben: Uralte Geschichten, die schon nicht mehr neu waren, als sie von den Gebrüdern Grimm auf Papier gedruckt und aneinander gebunden wurden. Und doch gibt es selbst bei der n-ten Neuerzählung gelegentlich einen Lichtblick, der den Stoff wieder spannend werden lässt.

Wie das Kino dieser Tage, aber auch der letzten Jahre zeigt, bedarf es nicht unbedingt eines Märchens, um eine Geschichte mit leichten Abwandlungen wieder und wieder zu erzählen. Dass beispielsweise Disneys „Freaky Friday - Ein voll verrückter Freitag“ aus dem Jahre 2003 schon die dritte (Disney-)Verfilmung der wenig geistreichen Körper-Tausch-Geschichte ist, habe ich hier schon einmal erwähnt. Und nun hat sich Marvel dazu hinreißen lassen, die Geschichte eines ihrer – wie ich meine – langweiligeren Superhelden nach nur zehn Jahren noch einmal von Anfang an zu erzählen. Amüsant ist, dass sich Marvel hier nur deshalb so schnell selbst kopiert, um nicht zuzulassen, dass andere ihre Geschichte erzählen. Denn „The Amazing Spider-Man“ wurde unter anderem gemacht, um die Rechte am Stoff weiterhin zu sichern.

Neben dem zartem Hauch von Monotonie, den das häufige Wiederholen immer gleicher Geschichten hervorruft, lässt sich aber auch ein Funken Spannung darin erkennen, was denn nun diesmal wieder anders gemacht wurde. Da wurde etwa der wenig attraktive, etwas dümmlich wirkende Tobey Maguire durch den weit ansehnlicheren Andrew Garfield ersetzt. Innovativ ist das nicht, aber wohl sicherer. Und weil Vater-Sohn-Geschichten auch wieder einmal eine Renaissance erleben, wurde dieser Aspekt in der Neufassung hervorgehoben.

Etwas weniger Aufsehen erregt eine andere Neufassung eines alten Stoffes: Der „Krieg der Knöpfee“ hat es wieder einmal in die Kinos geschafft. Und obwohl die Printfassung des Werkes schon 1912 erschienen ist, raufen sich die Jungs diesmal während des zweiten Weltkrieges. Und plötzlich gibt es auch noch eine junge Jüdin die versteckt, und ein paar Nazi-Sympathisanten die vertrieben werden müssen. Das mag daran liegen, dass Regisseur Christophe Barratier schon in „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ so nett von jungen Franzosen im besetzen Frankreich erzählt hat. Oder auch daran, dass der zweite Weltkrieg das einzige historische Ereignis ist, das zuzuordnen die Produzenten dem jugendlichen Publikum zutrauen. Tatsache ist, dass es die kleinen Unterschiede sind, die all die Kopien wieder reizvoll werden lassen. Auch wenn damit sicher nicht die Existenz aller Wiederverfilmungen gerechtfertigt werden kann.
Der Autor
derkoberg_e0b93f0909.jpg
DerKoberg


Forum

  • Mikrowellendrehbücher

    Tja, in der Tat gab es zuletzt einige Drehbücher aus der Mikrowelle Hollywoods zu sehen. Interessant erscheint mir der Gedanke, dass es ein Hinweis auf die Qualität einer Geschichte sein kann, wenn sie auch bei wiederholtem Erzählen spannend und mitreißend bleibt. Auch die Bibel wird Jahr für Jahr immer wieder neu erzählt und doch bleibt die Handlung für gläubige Menschen spannend bzw. finden sich womöglich sogar Suchende darin wieder.
    markus_lhnert2020_d56a9fa338.jpg
    18.07.2012, 12:15 Uhr