Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Des Königs neue Kleider

Kobergs Klarsicht: Des Königs neue Kleider

Im superrealistisch animierten Pelz – und mit 25 Jahren Reifung – wirkt der König der Löwen plötzlich nackt.
Beim anfänglichen Sonnenaufgang ist sie kurz aufgeflackert, die kindliche Begeisterung, mit der „Der König der Löwen“ irgendwo tief in den hinteren Schubladen des Gehirns verknüpft ist. Und dann war da schnell immer mehr Befremdung. Der Sohn vom Sohn vom Sohn vom Sohn muss also König werden, weil das die natürliche Ordnung ist. Und die darf man nicht stören. Und die glücklichen Tiere, die mit Timon und Pumbaa harmonisch im Paradies leben, haben einfach nicht verstanden, dass es im echten Leben um Bestimmung geht. Und um Hierarchie. Und darum, dass die Stärksten zu Sternen werden, während die anderen sich mit ihrem Schicksal als Beute abzufinden haben. „Der König der Löwen“ ist gar nicht gut gealtert.

Als Zeichentrick war das alles wohl ein Stück leichter zu schlucken als im neuen, superrealistischen Gewand der neuen Version von „Der König der Löwen“ . Aber vor allem wird klar, wie viel sich in den vergangenen 25 Jahren dann doch weiterentwickelt hat. So eine geballte Ladung an Patriachat und verstaubten Geschlechterstereotypen, gepaart mit als natürliche Ordnung verkauftem Neoliberalismus würde selbst Disney heute nicht mehr liefern, wenn’s kein aufgepeppter Klassiker wäre. Und selbst in den Remakes gab’s schon mehr Bewusstsein für soziale Weiterentwicklung. Im neuen „Die Schöne und das Biest“ hat Belle ja immerhin im Vorbeigehen die Waschmaschine erfunden. Reflektiert geht anders, aber ein Hauch von Wille war da.

Warum Nala, die Simba selbst als Erwachsene noch mühelos unterwirft, einen männlichen Erlöser sucht, statt Scar selbst vom Thronfelsen zu werfen, erklärt sich nur aus der natürlichen Ordnung. Ihre Rolle aufzuwerten hätte also bedeutet, an der Moral von der Geschichte zu rütteln. Und wenn die Ankündigung einer schwarzen Arielle im kommenden großen Remake schon einen Shitstorm auslöst, macht es aus ökonomischer Sicht wohl Sinn, den König weiter stolzieren zu lassen, statt ihn auf seine Nacktheit hinzuweisen.

Klar ist das alles nur eine Kindergeschichte. Aber das „nur“ ist hier irgendwie fehl am Platz. Gerade die großen Disney-Produktionen haben mehr als eine Generation geprägt und ohne Zweifel auch Weltbilder reproduziert, von Prinzessinnen und tapferen Kerlen, aber eben auch vom Gesetz der Natur, das Ungerechtigkeiten zum Teil des Systems werden lässt. Schöne Erinnerungen sind trotzdem geblieben. Und das vermittelte Weltbild habe ich mit dem Erwachsenwerden Stück für Stück noch einmal überdacht – aber wohl noch immer nicht restlos abstreifen können.

Simbas Geschichte hätte, wenn es nach mir geht, weiterhin bei den nostalgischen Erinnerungen vor sich hin schlummern können. Arielle wird da – Hautfarbe hin oder her – wahrscheinlich nicht anders. Auch dort ist die Ideologie hinter der Geschichte so haarsträubend, dass sie nicht unbedingt aus der Mottenkiste geholt werden muss.