Caines Corner
Caines Corner: Faire Filmbewertungen

Caines Corner: Faire Filmbewertungen

Leander Caine fragt sich in seiner aktuellen Kolumne, ob es möglich ist Filme fair zu bewerten?
Filmemacher werden mit den Worten zitiert: „Einen Film zu machen, ist wie Krieg führen“. Francis Ford Coppola meinte Ende der 70er-Jahre zu „Apocalypse Now“: „Dieser Film handelt nicht von Vietnam, er ist Vietnam“. Bevor ich es vergesse: Happy 80th Birthday Mr. Coppola! Dabei ist nicht nur die Finanzierung gemeint, sondern die komplette Entstehungsgeschichte. Gerade in diesen Tagen, wo ein Gigant wie Disney die Twentieth Century Fox geschluckt hat, versteht man vielleicht in Ansätzen, was da gerade passiert. Ich möchte aber eigentlich ein anderes Thema beschreiben, nämlich ob es möglich ist einen Film „fair“ zu bewerten?

Ich selbst bin ja jemand, der sowohl im Mainstream, aber auch im unabhängigen Film zu Hause ist. Ob amerikanisch, asiatisch oder europäisch – auch da bin ich flexibel. Aber das Budget entscheidet über die Werkzeuge, die man verwenden kann. Kann man einen 100 Millionen USD-Streifen (aktuelle Großproduktionen wie „Shazam!“) mit einem 7.000 USD-gedrehten Film („El Mariachi“) vergleichen?

Originalversion, Deutsch oder mit Untertiteln? Bei einer synchronisierten Version kann man sich ganz auf das Bild konzentrieren und nimmt auch sogenannte Kleinigkeiten wahr. Bei einem Film im Original muss man die gesprochene Sprache können. Wenn das nicht der Fall ist, dann geht immer etwas verloren, da man nicht alles verstehen kann. Bei untertitelten Streifen liest das Auge immer mit – wahrscheinlich zum Preis, dass man liebevolle Details übersieht. Aber im letzten Beispiel hat meinen angenehmen Effekt, nämlich, dass man die Sprache lernen kann. Ich selbst mag dieses Angebot am meisten.

Für mich ganz entscheidend ist meine Tagesverfassung. Bin ich voll ausgeruht oder schon etwas müde? Bin ich im Gedanken noch bei der Arbeit oder begleiten mich noch alltägliche Herausforderungen? Was für mich „grob fahrlässig“ ist, wenn ich mit einer 50%igen Wahrscheinlichkeit rechnen muss, dass ich ins Reich der Träume abgleiten werde. Das ist ganz klar nicht fair. Deshalb liebe ich Matinees. Da bin ich ausgeschlafen und voll aufnahmefähig. Und wenn ich trotzdem einschlafe, dann sage ich immer im Scherz: „Ich vertraue dem Film!“.

Aber das allerwichtigste ist die Leidenschaft zu einem Film! Und da muss man sich schon etwas mehr mit der Materie beschäftigen, eventuell wissen unter welchen Umständen das Werk entstanden ist, mit welchem Budget, ob Katastrophen, Krankheiten oder sonstige unerwartete Challenges zu bewältigen waren. Hat man Spaß mit schlechten darstellerischen Leistungen? Verzeiht man ein Mikro, das unbeabsichtigt zu sehen ist? Oder ein modernes Auto in einem Western? Obwohl der Bösewicht nach normalen Umständen hundertprozentig tot sein müsste, ist die zweite und dritte Auferstehung noch für eine positive Bewertung akzeptabel? Hier gilt für mich ganz eindeutig: Ich liebe auch schlechte Filme! Künstlerisch wertvolle Filme können fad sein, einfache Genre-Titel können Spaß machen.

Man macht es sich leicht, wenn man einen Film eine Kurzbewertung in z.B. Prozent gibt. Für mich sagt das über die Qualität nicht aus, sondern wie ein Zuschauer (oder wie bei UNCUT oder IMDB viele Zuschauer) einen Film in der Erstbegutachtung „gefühlsmäßig“ aufgenommen hat. Auch ich selbst beachte die oben beschriebenen Punkte nicht immer, sondern entscheide manchmal aus dem Bauch heraus. Und ich glaube, dass das richtig ist. Wenn ich ganz schnell wissen will, was die Masse denkt, finde ich Bewertungen interessant, bewerte sie aber nicht über. Der Massengeschmack ist sehr oft nicht kompatibel mit meiner Meinung. Falls mich eine Kritik zu einem besonderen Film interessiert, lese ich lieber nach. Vorher ist das Risiko einfach zu groß, dass in der Rezension zu viel verraten wird. Und ich gehe noch immer gerne ins Kino um überrascht zu werden.

By the way: Ist es nicht noch immer überraschend, dass ein großartiger Film wie „Die Verurteilten“ im IMDB-Ranking noch immer die klare Nr. 1 ist? Gerade in diesem Moment haben über 2.070.566 Zuschauer den Film mit 9,3 (von 10) bewertet. Das verdient sich (meinen) Respekt.