Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Sexgeschichten

Kobergs Klarsicht: Sexgeschichten

Wenn man nur immer früh genug „Tabu“ schreit, muss man sich mit Tabus nicht auseinandersetzen.
Nicht, dass sie nicht immer ein zentrales Thema wäre, die Sexualität, aber die Freude am vermeintlichen Tabu scheint gerade wieder eine statistische Spitze zu erreichen. Dabei gelingt der kolportierte Tabubruch im Zusammenhang mit Sex in Filmen immer seltener. Kein Wunder. Denn die in ihrer Gesamtheit doch recht konservative Filmindustrie kann mit der Grenzenlosigkeit des Internet natürlich nicht mithalten. Und während dieser Tage jeder Zwölfjährige ganz selbstverständlich Pornos im Netz aufstöbert, schlagen einige Filmkritiker immer noch mit verbotener Verzückung die Hände über dem Kopf zusammen, sobald sich ein Film sprachlich vom „Liebe machen“ entfernt.

Einer der jüngsten zu dieser Thematik passenden Filme ist Joseph Gordon-Levitts (Inception, The Dark Knight Rises) gelungenes Regiedebut „Don Jon“. Ein Film über Pornosucht, wie überall zu lesen ist. Aber wenn es hier primär um Pornosucht geht, dann drehen sich alle Filme mit Kevin James (King of Queens, Der Kaufhaus Cop) um Essstörungen. Nicht, dass derartige Themenfestlegungen von besonderer Bedeutung wären, aber sie zeigen doch, worauf sich das Publikum in seiner Wahrnehmung des Films stützt. Denn in „Don Jon“ geht es wohl eher um Geschlechterideale und die daraus resultierenden verschrobenen Erwartungen an die jeweils andere Seite. Die Pornos sind nur ein plakativer Teil davon.

„Tabubruch“ ist zu einem Modewort der Unterhaltungsmedien geworden. Und es scheint, dass dieser immer dort sicher nicht stattfindet, wo das Wort bemüht wird. „50 Shades of Grey“ ist ein moderner Schundroman, der mittlerweile von Teenagern gelesen wird, die früher im Bravo geblättert hätten. Und der Versuch, Filme wie „Shame“ oder „Don Jon“ über die Skandal-Schiene zu verkaufen, tut diesen Filme sicher auch nicht gut. Aber vor allem zeigt er, dass viele Kommentatoren entweder scheinheilig oder konservativ weltfremd sind. Denn solange der Tabubruch schon dort beginnt, wo Gordon-Levitt über Blowjobs philosophiert, können sich die echten Tabus weiterhin in ihren dunklen Winkeln suhlen, ganz ohne Angst, von irgendjemandem angesprochen zu werden.