Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Reality Overload

Kobergs Klarsicht: Reality Overload

Wenn die Bilder zu klar werden wirkt Unechtes plötzlich unecht.
Die Pixel glaubt man erkennen zu können, wenn die Bergriesen sich gegenseitig mit Steinen bewerfen. Und während der Nahaufnahmen von Zwergengesichtern fühlt man sich wie bei einem Meet-and-Greet mit Theaterschauspielern in voller Maske. Mit „Der Hobbit - Eine unerwartete Reise“ hat die filmische Fiktion eine neue Stufe des Realismus erreicht. Vermeintlich. Denn die klaren Bilder lassen die Fiktion bröckeln.

48 statt der bisher üblichen 24 Bilder zeigt uns Peter Jackson pro Sekunde und meint damit die nächste Stufe der immer rasanter aufeinander folgenden Kino-Revolutionen vollzogen zu haben. Und wer das nicht zu schätzen weiß, der hängt zu stur an seinen Sehgewohnheiten. Möglich; aber es bleibt der Eindruck, dass Maske und Animation mit den klaren Bildern noch nicht mithalten können und wir Zuseher so plötzlich die Möglichkeit bekommen, hinter den magischen Vorhang zu blicken – und so das Märchen zu entzaubern.

Freilich hat auch das 3D-Kino einige Anläufe gebraucht, um erstmals zu überzeugen. Aber so wirklich betört ist auch bis heute kaum jemand, von der letzten Revolution in den Kinosälen. Und wenn es jetzt die hohe Klarheit ist, die uns davon abhält, uns in den Geschichten aus Mittelerde zu verlieren, dann ist es der krampfhafte Versuch, der Realität technisch gerecht zu werden, der die wunderbaren Unwirklichkeiten zerstört.

Tatsächlich ist es wohl an der Zeit sich zu fragen, wie real wir denn wohl die Realität wahrnehmen. Schon allein aufgrund der Beschaffenheit unserer Augen ist es im echten Leben immer nur eine kleiner Ausschnitt des Bildes, den wir wirklich scharf sehen. Und wer die neue Bildschärfe während der Kameraschwenks lobt, möge doch einfach ein paar mal den Kopf hin und her werfen und dabei nach ähnlichen Schärfen Ausschau halten.

Das soll hier kein Generalangriff auf technische Neuerungen werden. Dafür sitze ich viel zu gerne im IMAX und lasse mich multimedial überrollen. Aber dass bewusst platzierte Unschärfen das Gehirn zum Mitgestalten animieren, ist kein Geheimnis. Und offenbar ist die Filmtechnik jetzt weit genug vorangekommen, um sich darüber Gedanken machen zu müssen, was für Erzähler schon längst Selbstverständlichkeit ist: Der Zauber einer guten Geschichte liegt oft auch im Verbergen von Einzelheiten.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • BS!

    “…wer die neue Bildschärfe während der Kameraschwenks lobt, möge doch einfach ein paar mal den Kopf hin und her werfen und dabei nach ähnlichen Schärfen Ausschau halten”

    falsches argument/medizinisch-physiologisch nicht haltbar: nicht das schütteln des eigenen kopfes verursacht schwindelgefühle, sondern das schwanken dessen was direkt vor deinen augen passiert. kleines experiment zum nachvollziehen: beweg heftig deinen kopf und versuche ein paar zeilen zu lesen – du wirst damit kein problem haben (was ich selbst IM FOKUS habe, wird, intakte sehschärfe vorausgesetzt, auch immer scharf bleiben). sobald aber jemand vor deiner nase den text schnell auf und ab bewegt, kannst du nicht mehr folgen. musst du dich länger so anstrengen, sind schwindelgefühle und kopfschmerzen vorprogrammiert.
    (kleines fotografen-1x1: mit unschärfe kannst du den betrachter durchs bild führen – aber wie verschwommen ein bild auch sein mag, ein punkt muss immer scharf sein, quasi als ankerpunkt fürs auge.)

    “die beschaffenheit unserer augen”:
    unsere augen sind so beschaffen, dass wir 60 bilder pro sekunde aufnehmen – die 24 aus der anfangszeit des films (bzw die 25 im TV: durch diese unterschiedliche bildrate entstand auch der eindruck, alle im TV gezeigten stummfilme wären mit zeitraffer gedreht) waren der mindeststandard, um einzelbilder überhaupt als BEWEGUNG wahrzunehmen. erhöht man diesen mindeststandard von 24 auf 48, erreicht man damit eine annäherung an die physiologische weise WIE wir sehen.

    WAS wir sehen, oder zu sehen bekommen, liegt einzig und allein bei den kreativen gestaltern des films: der originale PLANET OF THE APES war mir mit seinen gummimasken weitaus sympathischer und glaubwürdiger als alle seine “modernen” epigonen, hitchcocks MARNIE hat nicht trotz, sondern gerade durch die verfremdenden, kammerspielartigen kulissen eine inhaltliche tiefe dazu bekommen, die er mit plattem realismus nie erreicht hätte.
    das alles gehört aber zum KREATIVEN handwerk, und hat nichts, aber schon gar nichts mit TECHNISCHEN möglichkeiten wie der HFR zu tun

    @harry.potter: kannst du überhaupt schon den direkten vergleich ziehen?
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    08.01.2013, 18:13 Uhr
    • HFR

      HFR ist eine Chance und keine Pflicht. Die bisherigen Kinofilme wurden nicht deswegen mit 24 Bildern pro Sekunde gedreht, weil das so geplant war, sondern weil es keine andere Möglichkeit gab. Es war also nicht zuerst der „Filmlook“ da sondern zuerst die 24 Bilder pro Sekunde und erst dann wurde daraus der gewohnter „Filmlook“. So wie die Kratzer auf einem Film, die früher nie gewollt waren, aber auf jeder Filmrolle vorhanden sind. Heute werden solche Kratzer digital hinzugefügt, um das ganze mehr nach „Kino“ ausschauen zu lassen. Der Fehler wird hier mit der Zeit zum Standard.

      Das kann ich jetzt natürlich mangels Alter nicht beweisen, aber es ist gut vorstellbar, dass Menschen zu Beginn der Farbfilmära gemeint haben, dass einen Farbfilme nicht in eine magische Filmwelt entführen können, weil sie zu real wirken und dass nur Schwarz-Weiß-Filme den wahren Filmlook haben ;)
      Daher glaube ich dass man der Technik noch Zeit lassen muss, dann wird man sehen, ob man sich an diesen neuen (technisch sicher besseren, gefühlt aber einfach anderen) Look gewöhnt und das in Zukunft zum neuen „Standard“ wird…

      Technisch finde ich HFR toll. Und bei Dokumentation, Sexfilmen und Sportübertragungen sehe ich bereits jetzt ein breites Anwendungsgebiet. Bei Spielfilmen gibt es natürlich das schon oben beschriebene Problem, dass man oft (aber nicht immer) in eine eigene Filmwelt entführt werden will. Das wichtigste ist immer die Geschichte und nicht die Technik. Und bei der Technik ist nicht alles was möglich ist auch sinnvoll. Natürlich kann man zum Beispiel heute computergeneriert 3D-Bilder machen, die ausschauen wie reale Bilder. Bei computeranimierten Filmen wird aber dennoch immer noch oft ein comicartiger Stil verwendet. Und zwar absichtlich, um nicht von der Geschichte abzulenken. Technisch wäre es möglich Bilder zu machen, die in allen Bereichen scharf sind, dennoch verwendet man Tiefenunschärfe (ich weiß, dieses Wort gibt es nicht) um auf einen Bereich des Bildes hinzuweisen. Technisch wäre es möglich Filme mit 200 Bildern pro Sekunde zu drehen, dennoch wird man für manche Szenen (z.B. eine Traumsequenz) sogar mit 5 Bildern pro Sekunde auskommen. Alles ist also nur ein Stilmittel um die Geschichte zu erzählen.

      Daher finde ich auch 48 (und mehr) Bilder pro Sekunde sind eine Chance Geschichten zu erzählen. 24FPS sind kein Stilmittel sondern waren bisher einfach nur Standard. Erst jetzt kann man entscheiden, ob man einen Film bewusst mit nur 24 Bildern machen soll, oder eben mit augenfreundlicheren 60 Bildern. Aber das wichtige bleibt die Geschichte.
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      08.01.2013, 19:40 Uhr
    • @UNCUT

      “HFR ist eine Chance und keine Pflicht…”
      nona. und wer sich den preisaufschlag ersparen will, greife zur DVD.
      24 fps sind im normalfall ausreichend, um bewegungen darzustellen – und hätte man in vor-digitaler zeit mit 48 fps gedreht, wären die kosten für das trägermaterial doppelt so hoch gewesen. angesichts der ungeheuren ausschussrate bei x-maligen takes ein nicht zu unterschätzendes finanzielles handicap.
      der erste der meines wissens nach kratzer hinzugefügt hat (ganz ohne computer), war orson welles bei CITIZEN KANE. ähnliche perfektionisten: kubrick, tarantino (selbst die textur der BASTERDS-ausstattung hat gestimmt), und in gewisser weise auch cameron bei TITANIC.

      “Beginn der Farbfilmära”
      ich kann mich noch gut an die umstellung von S/W- auf farb-TV erinnern (“WOW, diese farben!”), und an die sprichwörtliche “röte des rots von technicolor": farbe war auch damals (vielleicht sogar mehr als heute) nie mimesis, sondern affekt – keine naturalistische abbildung der realität (denk an die exzessiven farben des abendhimmels in GONE WITH THE WIND), sondern träger von emotion und stilmittel gleichermaßen. trotzdem wird es gerade wegen ihrer affektiven bedeutung immer fälle geben, wo farbe unerwünscht (etwa um “historie” zu suggerieren) oder “unmöglich” wäre – wie in “SOME LIKE IT HOT”, wo lemmon und curtis in damenkleidern “zu tuntig” ausgesehen hätten (annie leibovitz hat die beiden jahrzehnte später, mit schminke und in farbe, abgelichtet – göttlich!).
      dass aber auch bei farbe vs S/W gewohnheiten eine große rolle spielen, ist nicht abzuleugnen: eine US-mom hat erzählt, ihr sprössling habe sich bei FRANKENWEENIE (hoffentlich nur anfangs!) über die “kaputte farbe” beschwert…
      dennoch, allen umstellungsschwierigkeiten zum trotz: kino ist immer noch “lichtspieltheater”!

      “Technisch finde ich HFR toll. Und bei Dokumentation, Sexfilmen und Sportübertragungen sehe ich bereits jetzt ein breites Anwendungsgebiet. Bei Spielfilmen gibt es natürlich das schon oben beschriebene Problem, dass man oft (aber nicht immer) in eine eigene Filmwelt entführt werden will.”
      bei dokus, sport und sex (von nagisa oshima vielleicht mal abgesehen) legt man(n) kaum künstlerische maßstäbe an. was du als künstlerische “führung” durch unschärfen im bild ansprichst, sind aber für gewöhnlich nicht die _ungewollten_ bewegungsunschärfen (die am stärksten bei seitwärtsbewegungen zu sehen sind – die, die mir zuweilen kopfweh bereiten und bei HFR minimiert werden sollen) oder verwacklungsunschärfen der shaky cam, sondern die schärfentiefe.

      “Tiefenunschärfe”
      schärfentiefe (nicht ganz korrekt auch als tiefenschärfe bezeichnet) ist der bereich vor und hinter dem scharf eingestellten (“fokussierten”) bildelement, der noch scharf abgebildet wird, und ist bewusst steuerbar durch auswahl von
      1) blendenöffnung (je offener die blende, desto kleiner ist der schärfebereich),
      2) brennweite (je kürzer, desto schärfer: weitwinkelobjektive liefern schärfere bilder als normal-, und diese schärfere bilder als teleobjektive), und
      3) entfernung zwischen kamera und objekt (alles altes fotografenhandwerk). die verschlusszeit spielt _dabei_ jedoch keine rolle!

      sind die bilder (wie beim HOBBIT moniert) zu scharf, könnte das – ich spekuliere – an weitwinkel, kleineren blendenöffnungen und großen einstellungsentfernungen liegen. kommen die masken zu “unecht” rüber, könnte das an zu harter ausleuchtung liegen (oder man verwende bessere masken!). sieht man die einzelnen pixel zu stark, passt vermutlich die auflösung nicht (oder man entschärfe das problem mit weichzeichnern).

      wie auch immer: problematisch ist es, neue techniken einzuführen, ohne die anderen parameter zu überprüfen und mit der geschichte in ein _stimmiges gesamtkonzept_ einzupassen.

      “computergenerierte bilder, die ausschauen wie reale Bilder”
      verzeih, diesen stand der technik sehe ich noch nicht (selbst wenn man wollte). das problem bei RISE OF THE PLANET OF THE APES waren die affen, die _grad so nah dran_ an der “realität” waren, um naturalismus vorzugaukeln (vorgaukeln zu wollen), aber doch noch zu weit entfernt, um “echt” oder “wahrhaftig” zu sein. beim HURT LOCKER hab ich zum ersten mal den unterschied zwischen bigelows echten und den hollywood-üblichen, CGI-gefakten explosionen gesehen, gehört (jetzt weiß ich was die sound-kategorien bei den oscars zu bedeuten haben), und gespürt (dazu reicht es allerdings nicht, sich den film auf DVD oder am PC reinzuziehen). da aber die meisten kids heutzutage erdbeeraroma aus sägemehl als “natürlicher” empfinden als die früchte selber, wundert mich die rückhaltlose begeisterung für CGI wenig.

      “Bei computeranimierten Filmen wird aber dennoch immer noch oft ein comicartiger Stil verwendet.”
      …vielleicht auch weil viele CGI-filme ihre herkunft aus der videogame-ecke nicht verleugnen, und damit kasse machen wollen??

      “Filme mit 200 Bildern pro Sekunde”
      schätze du meinst auch _mit einer abspielgeschwindigkeit von 200 fps_ – angesichts der 60 bilder, die das auge verarbeiten kann, wäre das wohl wirklich unsinnig.

      “24FPS sind kein Stilmittel…” (– sondern technischer standard)
      danke für die paraphrasierung meines obigen kommentars – nichts anderes habe ich behauptet.

      die rührendste metapher für die unverzichtbarkeit einer guten geschichte – eben nicht als vehikel einer neuer technikspielerei, sondern als tragendes fundament eines films, und umgesetzt mit umsicht und gespür – ist FRANKENWEENIE: versuchst du ein ausgelutschtes, “totes” genre aus _kalkül_ wiederzubeleben, erschaffst du, genau wie victors mitschüler, seelenlose monster. die technik bleibt immer dieselbe; den entscheidenden unterschied machen einzig seine tränen, seine liebe und hingabe – zum hund sparky im speziellen, wie zum kino im allgemeinen: mahnung und hoffnung zugleich…
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      10.01.2013, 17:02 Uhr
  • Treffend!

    Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Der besondere Zauber des Kinos liegt in seiner Unwirklichkeit, in der Träume fliegen lernen können und wir die Erde für 3 Stunden gegen Mittelerde austauschen können.
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    08.01.2013, 16:56 Uhr