Filmkritik zu Draft Day

Bilder: Lionsgate Fotos: Lionsgate
  • Bewertung

    GZSZ meets NFL

    Exklusiv für Uncut
    Der alljährliche im Frühjahr stattfindende NFL-Draft elektrisiert die sportlichen USA und den mit Football sympathisierenden Rest der Erdteile. Im 2014 von Ivan Reitman inszenierten Sportfilm „Draft Day“ geht es genau um diesen Tag, an dem in der ersten Draft-Runde die besten College-Nachwuchsspieler von den NFL-Teams selektiert werden. Es war der letzte Film, den Ivan Reitman auf dem Regiestuhl begleitete. Vor nicht langer Zeit schloss er am 12.02.2022 für immer die Augen. In einem Nachruf hat Uncut das Œuvre dieses populären Filmemachers gewürdigt.

    „Draft Day“ gehört jedoch nicht zu den Glanzstücken in Reitmans Filmographie. Sonny Weaver Jr. (solide: Kevin Costner) fungiert als General Manager der chronisch erfolglosen Cleveland Browns und soll den Spielerkader durch den Draft verbessern. Belanglose Nebenhandlungen betreffen seine Freundin (leider vernachlässigbar: Jennifer Garner), die ebenfalls im Front Office der Browns arbeitet, und seine nach dem Tod des Vaters einsame Mum (verschenkt: Ellen Burstyn). Der viel zu früh verstorbene Black Panther Chadwick Boseman als vielversprechender Linebacker und Frank Langella als Browns-Owner komplettieren den prominenten Cast.

    Zugutehalten müssen wir, dass den lange leidgeprüften Cleveland Browns eine Plattform geboten wird und die Sportstadt Cleveland entsprechende Würdigung erfährt. Auch die Stadien, Städte und Facilities (NFL-Büro- und Trainingsräume) sind erkennbar vielversprechend, wobei die Ästhetik kaum der Handlung folgt, sondern das ein oder andere Stadion rein aus Vermarktungszwecken den Weg in den Film gefunden hat. Die NFL hat hier ihre Tore geöffnet und der Film bildet diese Authentizität glaubwürdig ab, weshalb der NFL-Spirit adäquat repräsentiert wird. Reale Figuren wie der kontroverse Commissioner Roger Goodell oder Coach Jon Gruden lassen den Draft für den Film real werden. Hier holt eine negative Seite der NFL den Film unbeabsichtigt ein, denn Grudens homophobe, rassistische und toxisch maskuline E-Mails wurden im Oktober 2021 publik. Der Film will die Realität und bekommt sie auch.

    Auch die Inszenierung gelingt mitunter, durch eine herunterlaufende Uhr und Split Screens werden Dynamik und geringfügig Spannung erzeugt. Doch so authentisch das Setting, so daher geholt das komplett misslungene Drehbuch. Die Figuren triefen vor Klischees und insbesondere die Nebenhandlungen können es mit einer melodramatischen Seifenoper gekonnt aufnehmen. Nicht nur der merkwürdig unwürdige Altersunterschied zwischen den geheim verliebten Jennifer Garner und Kevin Costner irritiert, auch die unnötig konstruierte familiäre Hintergrundgeschichte wirkt deplatziert, ganz zu schweigen von den trivialen Motiven der Figuren. Das alles gepaart mit küchenpsychologischen Binsenwahrheiten und fertig ist das Rezept eines überaus schlechten Drehbuches. Dabei wäre hier deutlich mehr drin gewesen, Filme wie „Moneyball“ oder „An jedem verdammten Sonntag“ haben es auch geschafft.

    Fazit: Der Film floppte an den Kinokassen: bei einem Budget von 25 Millionen US-Dollar wurden weltweit „lediglich“ 29,5 Millionen eingespielt und das nicht mal zu Unrecht. Eine am Football desinteressierte Person wird dem Film rein gar nichts abgewinnen können und die Football-Fans schätzen womöglich den unterhaltsamen Blick hinter die Kulissen, werden den Streifen aber schnell vergessen. Letztlich handelt es sich um eine selbstverliebte Werbung für die NFL ohne cineastischen Mehrwert oder dramaturgische Relevanz. Eine Mischung aus Gute Zeiten, Schlechte Zeiten und dem Playstation-Spiel Madden, wofür Ivan Reitman mit seiner soliden Regie noch die geringste Schuld trifft.
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    (André Masannek)
    28.04.2022
    14:27 Uhr
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