Filmkritik zu The Novice

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  • Bewertung

    Alles für den Sieg

    Exklusiv für Uncut vom Tribeca Film Festival
    Vor wenigen Tagen erst als Gewinner in der Kategorie „Best US Narrative Feature Film“ im Zuge des Tribeca Film Festivals ausgezeichnet, erzählt der Sportthriller „The Novice“ die Geschichte einer jungen Studentin, die sich unbedingt selbst beweisen möchte, diszipliniert genug zu sein, ins Profi-Ruderteam ihrer Universität aufgenommen zu werden. In ihrem Spielfilmdebüt verarbeitet Regisseurin Lauren Hadaway, die auch für das Drehbuch verantwortlich war, eindrücklich ihre eigenen College-Erlebnisse. Hauptdarstellerin Isabelle Fuhrman, die vielen vielleicht als furchteinflößende Esther aus dem Horrorstreifen „The Orphan“ in Erinnerung geblieben sein könnte, wurde für ihre beeindruckende Performance als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet, auch die Kinematographie des Dramas konnte sich bei der Preisverleihung gegen seine Konkurrenten behaupten.

    Alex‘ erstes College-Jahr beginnt und die ehrgeizige Studentin hat sich ein hohes Ziel gesteckt: Teammitglied des Ruderteams zu werden. Obwohl es ihr gewissermaßen an natürlich gegebenen Talent fehlt, gelingt es ihr diese Unzulänglichkeiten durch hartes Training und selbstgeißelnde Disziplin wieder wettzumachen. Ihre permanente Obsession sich selbst etwas beweisen zu müssen und sich mit anderen zu messen, scheint Alex schon ihr Leben lang zu begleiten, doch die stetige harte Arbeit ist für sie nun beinahe zur Sucht geworden, die ihrem Körper schwer zusetzt. Das Training macht sich allerdings schnell bezahlt und Alex ist eine von nur zwei „Novizinnen“, die es ins Team schaffen. Um mithalten zu können intensiviert sie ihre körperliche Praxis bis ans Ende ihrer Kräfte und unterzieht dabei ihre Beziehung zu ihrer Freundin Dani einer harten Probe. Doch Alex kann nicht aufhören und muss immer wieder ihren eisernen Willen und ihr unbeugsames Durchhaltvermögen demonstrieren.

    Obwohl als Sportdrama kategorisiert, handelt es sich bei „The Novice“ gleichermaßen auch um eine Charakterstudie: Denn während es manche genießen, ihr Leben lang in jenem Gebiet zu glänzen, worin man die größte Begabung gefunden hat, und sich damit zurechtfinden, sucht Alex gezielt die Herausforderung. So wählt sie beispielsweise an der Uni Physik als ihr Hauptfach, wohl im Wissen, dass ihr dies am schwersten fällt. Wo andere bereit wären aufzugeben, beißt sie sich durch. Doch Alex‘ kämpferische Fassade bröckelt, und je mehr sie sich dem Rudertraining hingibt, umso offensichtlicher wird, dass Alex ihren übersteigerten Ehrgeiz wie eine Maske vor sich herträgt, um dahinter ihren Selbsthass und ihre Vulnerabilität zu verstecken, die sich ebenso durch selbstverletzendes Verhalten ihrerseits bemerkbar macht. Der springende Punkt, der Alex Charakter so glaubwürdig und anschaulich macht, ist die unvergleichlich gute Performance von Isabelle Fuhrman, die in dieser Rolle die beste Leistung ihrer (jungen) Karriere abliefert. Wie von einer inneren Kraft getrieben, die niemals gestillt werden kann, fasziniert und schockiert Fuhrman mit ihrer Energie und einer Intensität, die geradezu hypnotisch wirkt und den Film umso mehr zu einem immersiven Erlebnis werden lässt. Auch Schauspielkollegin Amy Forsyth (Coda, Beautiful Boy), die die Rolle ihrer Mitstreiterin Jamie verkörpert, gelingt es ihre Figur mit genug Tiefe zu verkörpern, um der späteren Rivalität der beiden Mädchen das nötige Interesse beizumessen.

    Hadaway erzählt Alex‘ Geschichte auf sehr wirkungsvolle Weise, untermalt von einem (über-)dramatischen Soundtrack, der genauso gut einem Horrorfilm hätte entspringen können. (Hier macht sich bemerkbar, dass Hadaway seit geraumer Zeit im Sound Department großer Produktionen mitgearbeitet hat) Vereint mit einer sensationell schönen und artistisch komplex gestalteten Bildkomposition, legt die Regisseurin ein fesselndes und vielversprechendes Erstlingswerk dar, das einem Lust auf mehr macht.
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    (Julia Pogatetz)
    20.06.2021
    23:01 Uhr