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  • Bewertung

    Elli, kannst du dich daran erinnern?

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Der Protagonist von Sandra Wollners Film musste sich diesen Fragen stellen, nachdem seine einzige Tochter eines Tages spurlos verschwand. Elli war erst zehn Jahre alt, als sie in den Wald gegangen und nie mehr wieder nach Hause gekommen ist. Das ist nun schon einige Zeit her. Ihr Papa hat sich seitdem ein unaufregendes aber angenehmes Leben aufgebaut, umgeben von vielen Maschinen, die ihm den Alltag erleichtern und versüßen, vom Tenniswurfautomat bis zum Tablet. Ellis Ersatz ist ebenfalls eine von ihnen, und zwar die die man am schwersten als solche erkennt. Ihre Aufgabe ist es, seine Trauer zu tilgen und seiner Einsamkeit entgegenzuwirken; und das auf jede erdenkliche Art und Weise. Die Paarung von Mensch und Maschine scheint letztendlich jedoch nicht für das ganze Leben bestimmt zu sein.

    Schon die ersten Minuten des Films lassen erblicken oder besser hören, dass es sich bei „The Trouble With Being Born“ nicht um einen leichten Familienfilm handelt, der in ein glückliches Ende mündet. Vielmehr spürt man den gesamten Film über ein gewisses Unbehagen, dass irgendetwas nicht ganz stimmig ist und nicht gut ausgehen wird. Die Beziehung zwischen scheinbarem Vater und Tochter wird von einem dunklen Schleier überschattet, obwohl sie so liebevoll den wunderbaren Sommer im Garten mit Pool gemeinsam genießen.

    Doch dann kommt die erste Szene, die einen auch dann stutzig machen sollte, wenn man sich komplett blind auf den Film eingelassen hat. Das Mädchen liegt bewusstlos im Pool mit Mund und Nase unter Wasser und lässt jede Mutter und jeden Vater vor Furcht erstarren. Das unvorstellbarste und schlimmste scheint eingetroffen zu sein: das eigene Kind ist ertrunken. Die Reaktion von Ellis Vater auf die Entdeckung kann jedoch alle Elternteile wieder aufatmen lassen. Oder sollten sie vielleicht noch verängstigter sein?

    Der Android ‚Elli‘ ist äußerlich kaum von einem echten Menschen zu unterscheiden, er spricht, geht, sitzt, liegt etc., wie wir es gewohnt sind. Er kann schwimmen, ohne dabei die Elektronik im Inneren komplett zu beschädigen und er hat sogar die Fähigkeit zu lernen. Er macht sich Geschichten zu eigen, die er von den Menschen hört, denen er dient und wiederholt sie so oft, bis er glaubt, es seien seine eigenen Erinnerungen. Nur kann bei dieser Implantierung von fremden Erinnerungen auch einiges schieflaufen. Elli 2.0 verheddert sich so sehr in den Geschichten der echten Elli, dass sie irgendwann einen ähnlichen Weg einschlägt und sich von ihrem Besitzer (weniger ihrem Beschützer) trennt. Der einzige Unterschied in ihren Schicksalen scheint zu sein, dass wir von dem Maschinenmenschen erfahren, was ihn draußen in der Welt erwartet.

    Das macht „The Trouble With Being Born“ auch sehr schwer anzuschauen, denn das Unbehagen, das sich in den ersten Sekunden einstellt, bleibt den ganzen Film über bestehen. Die teilweise sehr pittoresken Szenen im Garten und im mondänen Haus von Ellis Vater scheinen darüber nicht hinwegtäuschen zu können.

    Die Regisseurin Sabine Wollner sagt selbst von ihrem Film, dass er eher die Rückwärtsgewandtheit in die Vergangenheit zum Thema hat, als den Aspekt der künstlichen Intelligenz. Sie möchte viel mehr zeigen, dass es verheerende Auswirkungen haben kann, wenn man sich in den Erinnerungen verliert und aufhört, im Hier und Jetzt zu leben. Irgendwann verkümmert man zu etwas, was nicht viel mehr Menschliches an sich hat als ein Maschinenmensch.

    Gottseidank ist die Wissenschaft noch nicht so weit, eine derart glaubwürdige Nachbildung des Menschen zu kreieren. Sabine Wollner hat in ihrem Film etwas herumgetrickst und eine 19-jährige Schauspielerin für Elli eingesetzt und ihr Gesicht dann per Computeranimation auf den Körper eines jungen Mädchens transferiert. Die maschinelle Elli lässt auch hin und wieder eine Seite an ihr erblicken, die einem unerfahrenen, naiven Kind so gar nicht entspricht. Das macht allerdings einen der großen Unterschiede der beiden Ellis aus: was bei der echten Tochter als absolutes Tabu gelten würde, muss bei einer weder bluts- noch artverwandten Version nicht unbedingt verboten sein.

    Aber nur weil es (noch) kein konkretes Verbot gegen etwas gibt, heißt das nicht, dass es erlaubt oder sogar erwünscht ist. Es schadet deshalb nicht, neue Entwicklungen in der Forschung stets nach Moral und Ethik hin zu untersuchen. Denn vielleicht gibt es technische Hemisphären, in die wir gar nicht erst vordringen wollen.
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    (Nina Isele)
    29.03.2020
    13:59 Uhr