Filmkritik zu Gwendoline

Bilder: Constantin Film Fotos: Constantin Film
  • Bewertung

    Just Jaeckins fantastisches Meisterwerk ist wahrlich fesselnd

    Eldritch Advice
    „Sweet Gwendoline“ ist ein vom britischen Fotografen und Cartoonisten John Willie erschaffener Charakter aus der gleichnamigen Comicheftreihe, die 1947 zum ersten Mal im Erotikmagazin „Wink“ publiziert wurde. Gwendoline bedient das klassische Sujet der „Jungfrau in Nöten“ und findet sich daher stets in einer misslichen Lage wieder, die dazu führt, dass man sie verschleppt und sie daraufhin gefesselt und geknebelt auf ihre Rettung warten muss. Dadurch erreichte sie vor allem in der BDSM-Szene einen gewissen Kultstatus. In den späten 80er Jahren machte man dem französischen Erotikfilm-Regisseur Just Jaeckin ein Angebot die Abenteuer der „Sweet Gwendoline“ für einen Spielfilm zu adaptieren. Ein Angebot, das der vor allem durch „Emmanuelle“ (1974) und „Die Geschichte der O“ (1975) bekannte Filmemacher nur allzu gerne annahm. Doch stand ihm der Sinn nicht nach einem Genrefilm. Nein, vielmehr wollte er der Welt beweisen, dass er durchwegs auch andere Filmgattungen meistern kann. In Folge dessen ließ er den Plot der Comichefte links liegen, entschied sich dazu seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und schickte Gwendoline auf ein fantastisches Abenteuer in den Fernen Osten.

    In Begleitung ihres Dienstmädchens Beth, reist die hübsche Gwendoline nach China. Dort sucht sie nach ihrem Vater, der auf der Jagd nach einem seltenen Schmetterling verloren ging. Lang dauert es aber nicht, dass die beiden mutmaßlichen Retterinnen selbst in der Bredouille stecken. Kaum am Reiseziel angekommen, werden sie im heruntergekommenen Hafenviertel bereits von Mädchenhändlern überwältigt und an einem Verbrecherboss verkauft. Doch sie haben Glück im Unglück, denn ihr neuer Besitzer hat sich mit dem amerikanischen Abenteurer Willard angelegt. Als dieser kommt um seine Rechnung zu begleichen, erhalten auch Gwendoline und Beth ihre Freiheit zurück. Gemeinsam überzeugen sie Willard davon ihnen auf ihrer Suche behilflich zu sein. Diese Suche führt sie in das mysteriöse Land der Yik Yak. Dort herrscht eine sadistische Königin über ein Reich, das bei einem Unfall alle Männer verloren hat und deren Kriegerinnen alles tun würden um einen Mann für sich zu gewinnen.

    Ich muss sagen … ich könnte mir diesen Film täglich ansehen!

    Ein Film wie „Gwendoline“ kann nur dann entstehen, wenn die Produktionsfirma ihrem Regisseur absolute kreative Freiheit gewährt. Jaeckin machte davon reichlich Gebrauch und kreierte dadurch ein cineastisches Kunstwerk. Ja, es haben sich hie und da einige Fehler eingeschlichen, aber ob sich jetzt ein sichtbarer Vulkan in der Wüste von Yik Yak befindet oder nicht, nimmt dem Film nichts von seinem Unterhaltungsfaktor. Die Effekte befinden sich auf einem Niveau von „ok, sie konnten kein echtes Krokodil dafür hernehmen“ bis „das sieht viel zu gut für einen Low-Budget-Film aus“. Dieses Werk besticht optisch vor allem durch seine meisterliche Mischung aus realen Drehorten und ästhetisch hochwertigen Sets. Dadurch wirkt die Geschichte trotz ihrer fantastische Kulisse authentisch. Eine ebenso lobenswerte Mischung gelang Jaeckin mit seinem Genremix; die Elemente aus Sexploitation, Abenteuerfilm sowie Komödie wechseln sich spielerisch in einer perfekten Harmonie ab. Um diese Stimmung abzurunden, schuf Pierre Bachalet einen exotisch klingenden sowie sinnlichen Score, den man nur schwer wieder aus seinem Kopf bekommt, sofern man dies überhaupt will.

    Jaeckin beschreibt sein gewünschtes Verhältnis zu seinen Schauspielern wie eine Ehe. Herrscht am Seit ein familiäre Atmosphäre vor, so steigert dies seine Kreativität. Deswegen achtete der sich mittlerweile im Ruhestand befindende Regisseur nicht bloß auf das Aussehen, sondern darüber hinaus auch auf den Charakter der von ihm erwählten Talente. Als Fotograf für zahlreiche berühmte Modemagazine eignete sich Jaeckin ein gewisses Gespür für die äußerlichen sowie innerlichen Vorzüge seiner Models an. Ein Gespür, das ihm beim Casting für diesen Film nicht im Stich lassen sollte, als er Tawny Kitaen für die Rolle der Gwendoline unter Vertrag nahm. Selbst heute schwärmt er noch von dieser Entscheidung, „er habe etwas besonderes in ihren Augen gesehen“ und ich kann ihm nicht widersprechen. Kitaens Blick ist hypnotisierend und auch schauspielerisch schafft sie eine wunderbare Entwicklung von der „Damsel in Distress“ hin zur entschlossenen Kriegerin. Ihr Dienstmädchen Beth wird von der französischen Schönheit Zabou Breitman gemimt. Ihre temperamentvolle und anmutige Darbietung ist ein Denkmal ihres Talents. Das frühere Model Brent Huff komplettiert als Willard das herausragende Trio. Sein Charisma wird nur von seinem Charme übertroffen. Chapeau, Monsieur Jaeckin, Sie haben weise gewählt. Es fällt mir schwer mich an einem Film zu entsinnen, der über Protagonisten mit einer vergleichsweise perfekten Chemie verfügt.

    Ist dieser Film eines freitäglichen Filmabends würdig?

    Dies ist jene Art von Film, die mich daran erinnert, dass es sich hierbei um ein magisches Medium handelt in dem alles möglich ist. Wie wirr eine Mischung aus „Erotik“, „Abenteuer“, „Komödie“ mit einer Brise „Gore“ auch klingen mag, in den Händen eines talentierten Regisseurs kann daraus ein Meisterwerk entstehen. Bei einem nahezu perfekten Film wie „Gwendoline“ stört es mich auch nicht, dass die Comicvorlage größtenteils ignoriert und nur als Inspiration für diese Verfilmung verwendet wird. Jaeckin versteht es eine Welt zu erschaffen in der man nur allzu gerne eintauchen möchte, und das rechne ich ihm hoch an.

    Wir haben es hier mit einem Kleinod des fantastischen Films zu tun, der sich von seiner Art her am ehesten mit der „Flash Gordon“-Verfilmung von 1980 vergleichen lässt. Beide Filme verfügen über einen ähnlichen Charme, „Gwendoline“ weist im direkten Vergleich aber wesentlich weniger Tabus auf. Dieser Film hat mich von Anfang bis Ende durchgehend gefesselt und einen festen Platz in meinem Herzen gefunden. Wer sich in dieser Besprechung auch nur im Geringsten angesprochen fühlt, sollte sich dieses Werk in seiner ungeschnittenen Fassung nicht entgehen lassen. Ich selbst werde mich gewiss in Kürze wieder auf eine fantastische Reise mit Gwendoline, Beth und Willard begeben und erachte dieses Meisterwerk eines freitäglichen Filmabends würdig.

    Habt ihr Interesse an Horror und Trashfilmen sowie anderer cineastischer Kleinodien, empfehle ich euch meinen englischsprachigen YouTube Channel zu besuchen. Dort bespreche ich mindestens einmal wöchentlich ein Filmjuwel aus meiner Sammlung:
    https://goo.gl/oYL4qZ
    20190122_101644_221977ff1a.jpg
    (Thorsten Schimpl)
    02.03.2018
    23:01 Uhr
    https://www.youtube.com/VarangianVigilante

    Austrian YouTuber that loves to talk about his favorite movies, comics and pop-cultural stuff, while trying not to butcher the English language.