Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Nach der Heldenreise

Kobergs Klarsicht: Nach der Heldenreise

Wenn das Unmögliche geschafft ist, folgt das Dilemma.
Eine der herausragenden Qualitäten von „Der Herr der Ringe“ liegt im Ende der Erzählung. Da hätte in „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ durchaus ein Schlussstrich gezogen werden können, nachdem der Ring vernichtet wurde. Aber die Heimkehr der Hobbits ins Auenland thematisiert – im Buch weit stärker als im Film – ein Dilemma des Held- oder Heldin-Seins: die Rückkehr in den Alltag. Wenn im Auenland der größte Kürbis der Saison gefeiert wird, unwissend, dass die Welt gerade noch am Abgrund stand, dann ist es nur logisch, dass Frodo, nach allem was er erlebt und durchlitten, hat nicht bleiben kann.

Heldentaten verlangen nach Ausnahmeleistungen. Umso mehr gelitten, umso öfter dem Tod über die Klinge gesprungen wurde, umso herausragender ist die Leistung. Das gilt nicht nur für Fantasy-Helden sondern ganz allgemein. Was das für die Zeit nach der Tat bedeuten kann, zeigen etwa Sylvester Stallones Paraderollen „Rambo“ und „Rocky“. Beide finden auf ihre Weise nicht in den Alltag zurück und müssen immer wieder aufs Neue die Heldenreise antreten – hier deckt sich das Interesse der Film-Studios mit dem Dilemma der Figuren.

Wie real diese Geschichten werden können, zeigt dieser Tage der Kletter-Film „Free Solo“. So ehrlich wie kaum eine Extremsport-Doku zeigt er, wie die Menschen rund um den Helden leiden. Während der nur ein Ziel vor Augen hat, fürchtet sich sein Umfeld nicht nur vor dem möglichen Absturz, sondern auch davor, ein Teil dieser Geschichte zu sein und Verantwortung zu tragen, wenn sie schief geht.

Ob fiktiv oder real, auf der Leinwand wirken die Geschichten glorreich. Vor allem auch, weil sie üblicher Weise am Höhepunkt enden; und weil nur die Geschichten erzählt werden, die gut ausgehen. Aber wenn Kletterer Alex Honnold am Ende von „Free Solo“ selig in die Kamera lächelt, steigt die Sorge auf, hier einen jungen Rocky Balboa zu sehen, der so lange nicht aufhören kann, bis es dann doch irgendwann schief geht – weil die Kürbisernte so bedeutungslos wirkt, wenn man schon einmal Sauron besiegt hat.