Das große Uncut-Special von der Viennale 2018
Kobergs Klarsicht
>Kobergs Klarsicht: Jo eh!

Kobergs Klarsicht: Jo eh!

Wen kümmern die Widersprüche zwischen Leinwand-Moral und Alltagsleben?
Rechtzeitig zum Zwölfstundentag kommt mit „Christopher Robin“ wieder einmal ein Film ins Kino, der uns daran erinnert, wie fehlgeleitet doch die Leistungsgesellschaft ist. Ganz so wie Robin Williams im guten alten „Hook“ kommt diesmal Ewan McGregor als gealterter Christopher Robin in den Hundert-Morgen-Wald von Winnie Puuh und seinen Freunden zurück. Wieder hat der Held im Zuge des Erwachsenwerdens auf den Zauber seiner Kindheit vergessen und verlangt vom eigenen Nachwuchs – den er aufgrund der vielen Arbeit natürlich kaum kennt – Disziplin und Zielgerichtetheit. Keine Zeit zum Nichts-Tun, bei dem laut Puuh aber doch immer das Beste Irgendwas herauskommt.

Mit jedem neuen Film, der mit dieser Weisheit daherkommt, werde ich ein bisschen ratloser. Nicht, weil das keine schönen Filme wären. Das sind sie sehr wohl. Sondern weil wir als Gesellschaft so stur in genau die Richtung laufen, vor der all diese Filme warnen. Das ist doch, als liefe im Flieger in den Irakkrieg „Der schmale Grat“ oder beim Identitären-Stammtisch „American History X“. Und danach würden dann alle zustimmend nicken und so weitermachen wie bisher.

Wenn dann wieder wo gegen die manipulativen Unterhaltungsmedien gewettert wird, wünsche ich mir manchmal, es wäre so. Tatsächlich können Filme ihre Lebensweisheiten oft mit der Subtilität einer Schlagbohrmaschine auf uns einprasseln lassen und wir nicken zustimmend, ohne den Widerspruch zu unserem Tun zu erkennen. Klar ist Krieg ein furchtbare Sache. Klar sollten alle Menschen sich Gegenseitig respektieren. Klar ist die Familie wichtiger als die Arbeit. Aber was hat das mit mir zu tun?

Selbst die erwachsen gewordenen Peter Pans und Christopher Robins da draußen, die von der Freiheit ihrer eigenen Kindheit schwärmen, lassen ihre Nachkommen fast nirgends mehr unbeaufsichtigt aus dem Haus. Die Welt da draußen ist eben gefährlicher geworden. Ist sie laut Studien nicht, aber Wurscht. Wenn die Kinder zuhause sind, können sie ohnehin effektiver für’s Bildungssystem optimiert werden. Weil wenn die Volksschulnoten nicht passen, bleiben die Türen der Gymnasien zu. Also gilt es früh zu fördern und selbst auf der Uni noch pflichtbewusst die Elternabende zu besuchen. Dafür belohnt sich die Familie nach einer anstrengenden Woche mit einem Kinobesuch, wo sie sich dann von Disney erzählen lassen, wie schön es doch bei Winnie Puuh ist, der am liebsten egal wohin geht um dort nichts zu tun.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Großartiger Artikel,

    der dem Leser die Augen öffnet!
    leandercaine_0fc45209c9.jpg
    30.08.2018, 06:47 Uhr
    • jo eh

      Ja, der Artikel öffnet die Augen. Toll geschrieben.

      Aber am nächsten Tag macht man dann eh wieder weiter wie gewohnt ;) Jo, eh!
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      30.08.2018, 08:25 Uhr