Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Eroberungszüge

Kobergs Klarsicht: Eroberungszüge

Zum komplexen Zusammenspiel von realer und fiktiver Romantik – und wider die Realität
Wir machen es uns ohnehin schon nicht leicht, mit unseren Idealen von Liebe und Romantik. Von der besten Freundin bis zum biochemischen Widerpart und vom spaßigen Alleinunterhalter bis zum Fels in der Brandung muss da schon ein ganzer Katalog an Kriterien erfüllt sein. Seit „How I Met Your Mother“ wissen wir, dass die Abneigung von „Star Wars“ als Trennungsgrund hieb- und stichfest ist und während seit „Twilight“ heftig debattiert wird, ob makellose Männer eher traurige Augen oder einen Sixpack haben sollten, fragt sich der Rest der testosteronhaltigen Menschheit ob es denn wohl hoffentlich mehr Frauen auf dieser Welt gibt, als Vampire und Werwölfe zusammen.

Filme und Serien prägen unser Verständnis von Romantik. No na. Und doch scheint unter Teilen der Bevölkerung ein stilles Übereinkommen darüber zu existieren, dass man das aber nicht alles wirklich so haben will. Ohne empirische Belege in petto gehe ich davon aus, dass eine signifikante Mehrheit potenzieller Angebeteter mich plötzlich nicht mehr kennen würde, würde ich wie in „Pretty Woman“ aus dem Dach einer weißen Limousine steigen um zum Klang pathetischen Frauengesangs mit einem Strauß Rosen im Maul eine Feuerleiter hochzuklettern. Dasselbe Ergebnis erscheint wahrscheinlich, wenn der übermotivierte Eroberer frei nach „Notting Hill“ die Pressekonferenz seiner Herzensdame für stupide Was-wäre-wenn-Spielchen missbraucht. Aber in den Filmen ist das immer irrsinnig schön.

Der zentrale Unterschied zwischen Realität und Fiktion liegt wohl im Grad der Klarheit. Wenn Richard Gere und Hugh Grant endlich der Arsch hochkriegen und in die Offensive gehen, weiß Julia Roberts (ja, es ist in beiden Fällen sie) – gemeinsam mit hunderttausenden wässrigen Augenpaaren – dass das der Eine ist, der da kommt, der Richtige. Wüsste sie es nicht, würde sie wohl auch beschämt den Blick senken und hoffen, der Moment möge schnell vorübergehen.

Während eine vermutlich bescheidene Minderheit tatsächlich von hollywoodesken Szenen der ausufernden Romantik träumt, bemühen sich immer wieder Filmschaffende, die echten, die tatsächlichen Gefühle der Menschen da draußen auf Film zu bannen. Wie etwa John Carneys „Once“ oder auch der etwas aktuellere „Frances Ha“ von Noah Baumbach – wunderschöne Filme, die ihr Publikum dann doch oft etwas ernüchtert zurück auf die Straße schicken. Weil die Realität dann eben doch nüchtern ist. Und weil wir es oft gar nicht mehr gewohnt sind, im Kino auf Facetten der Realität zu stoßen.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Painful Reality

    Ein bisschen zu real waren mir Ryan Gosling und Michelle Williams in Blue Valentine. Der Filme hat mich richtig unglücklich gemacht. Aber vermutlich finde ich ihn auch deswegen besser als alles andere, was ich jemals mit Julia Roberts gesehen hab (mit Ausnahme von Hautnah!).
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    10.09.2014, 18:46 Uhr