Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Rettet dem Stativ

Kobergs Klarsicht: Rettet dem Stativ

DerKoberg wünscht sich, dass Kameras wieder öfter irgendwo angeschraubt werden.
Im Jahr 2001 bin ich siebzehn geworden. Und ich war zu dieser Zeit nicht besonders oft im Kino. Aber Steven Soderberghs „Traffic - Macht des Kartells“ habe ich gesehen. Und ich war begeistert. Es war wohl der erste Film, bei dem ich auf die Metaebene hinaufgeklettert bin um mir Gedanken über seine Machart zu machen. Und mit meinem vermeintlich analytischen Talent konnte ich erkennen, dass hier immer wieder das Bild wackelte; wohl um das mexikanische Chaos besser von den festen Strukturen der Vereinigten Staaten abzuheben.

Das also war er, mein erster bewusster Kontakt mit Handkamerafahrten auf Kinoleinwand: Ein gekonnt eingesetztes Stilmittel, im Geiste verbunden mit meinem Stolz, selbiges auch erkannt zu haben.
Und dann sah ich das schon etwas ältere „The Blair Witch Project“ und erkannte ein Konzept; etwas später war es dann „Die Bourne Identität“ und ich entdeckte einen Trend. Und dann kamen zwei neue „Bond“-Filme, zwei weitere „Bourne“-Teile, „Green Zone“, „Fair Game“ und es hätte nicht auch noch „World Invasion: Battle Los Angeles“ gebraucht, um in mir eine tiefe Sehnsucht nach jenem fragilen Dreibeiner – diesem Wunder auf Teleskopstangen – aufkommen zu lassen, der gemeinhin nüchtern als Stativ bezeichnet wird.

Freilich würden auch einige Filme von etwas mehr Ruhe in der Kameraführung profitieren. Denn ähnlich wie die Musik ist auch die Kamera oft am besten, wenn sie nicht wahrgenommen wird. Und nachdem die erste Faszination kurz nach der Jahrtausendwende schon wieder verflogen ist, macht die Handkamera nur noch dort Sinn, wo sie auch wirklich etwas beizutragen hat.

Doch ganz ungeachtet der krummen Wirbelsäulen strapazierter Kameraleute, die ihre schweren Aufnahmegeräte plötzlich pausenlos schultern müssen, ist es unschön, den Stativen nach jahrzehntelangen wertvollen Diensten die Treue zu versagen. Selbst dann, wenn all die Opfer der immer häufiger auftretenden „Motion Sickness“ neuerdings wohl bei jedem Kinobesuch ein Speibsackerl in der Jackentasche haben.

Also: Auf mit den Türen jener verstaubten Abstellkammern der großen Filmstudios, in denen sie nun lieblos an die Betonwände gelehnt sind und heraus mit den Stativen. Auf dass es auch bald wieder Straßenkämpfe und Verfolgungsjagten auf der Leinwand gibt, bei denen man nicht das Gefühl hat, in vollem Kampfgeschirr und mit Zigarette im Mund hinter den Helden her zu stolpern.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Rettet dem Statik/Kamerakran

    Dem kann ich nur zustimmen. Habe diese verwachelte Kameraführung auch satt. Wobei es muss ja keine fixes Stativ sein, eine guter Kamerakran oder eine Steadycam würden auch schon Wunder wirken.

    Und wo wir schon beim Thema sind, ich finde auch die immer schneller geschnittenen Actionszenen nervig. Heutzutage sind viele Actionstreifen ja schneller geschnitten als ein Musikvideo und man erkennt eigentlich gar nichts mehr vor lauter Schnitte.
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    28.04.2011, 12:12 Uhr
    • Beispiel

      Sage nur: "JAMES BOND 007 - EIN QUANTUM TROST"
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      28.04.2011, 16:09 Uhr
  • Nieder mit der Shakycam!

    Toller Artikel den ich hiermit vollinhaltlich unterstützen möchte! In bestimmten Ausnahmefällen würde ich eine wackelnde Handkamera ja als Stilmittel akzeptieren, leider kann ich in den meisten Einsatzfällen keinerlei stilistische Notwendigkeit erkennen :-(
    Und so muss ich unter Kopfschmerzen und Übelkeit Filme auf Leinwand ertragen, wo beim besten Willen nicht vorhersehbar war dass die Kameraführung einer Achterbahnfahrt ähneln wird.
    In diesem Sinne: Rettet dem Stativ!! ;-)
    27.04.2011, 10:40 Uhr
  • Kleiner Finger-ganze Hand-Syndrom

    Wer kennt nicht das Gefühl, dass etwas gutes Neues nach einiger Zeit "langweilig" wird?
    -> Spitzenartikel pro Stativ!
    leandercaine_0fc45209c9.jpg
    27.04.2011, 09:52 Uhr
  • Ehre dem Titel

    der hat nämlich einen sehr netten Eye rhyme :)
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    27.04.2011, 02:12 Uhr