Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Winterdepression

Kobergs Klarsicht: Winterdepression

Die 7. Staffel von Game of Thrones macht erzählerisch zwei Schritte zurück.
Vor ein bisschen mehr als einem Jahr habe ich an dieser Stelle Serien als die besseren Filme gefeiert. Serien haben Zeit, wo Filme immer öfter hetzen, habe ich dort geschrieben. Sie zeichnen Charaktere, die sich nachvollziehbar wandeln und finden zwischen all dem Drama mehr Raum für ruhige Momente. Und dann erscheint die siebte Staffel von „Game of Thrones“ und ich werde den Eindruck nicht los, dass hier der Meister seine Schüler nachahmt.

Da wird der Erzählrhythmus auf „Batman vs. Superman“ hochgedreht und die bislang so grandios aufrecht erhaltene Logik der Handlung wird auf „Transformers“ reduziert. Dabei ist die Tatsache, dass auf Westeros offenbar eine Billig-Fluglinie eröffnet hat, noch am schmerzlosesten zu ertragen. Aber wenn jeder Charakter jederzeit überall auf der Karte auftauchen kann, verliert das Mitdenken seinen Reiz und genau hier tut der neue Stil der Serie wirklich weh – gerade weil er an schon länger laufende Entwicklungen im Blockbuster-Kino erinnert: Ich fühle mich als Zuseher nicht mehr ernst genommen, sondern nur noch bespaßt. Und damit endet die Unterhaltung wieder mit dem Abspann und nicht mit angeregten Gesprächen und lustvollem Grübeln über vermeintliche Andeutungen. Wenn die großen Wendepunkte aus glücklichen Zufällen bestehen und immer wieder die allerletzte Sekunde strapaziert werden muss, sind wir zurück beim Schema F, nach dem so viele platte Action-Filme funktionieren.

Die größte Tragik besteht aber nicht im Zusammenspiel von physikalischen Unwahrscheinlichkeiten und vorhersehbaren Zufällen, sondern in der verlorenen Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen der einzelnen Figuren. Und auch wenn die letzte Folge hier wieder ein bisschen Boden gut gemacht hat, gibt „Game of Thrones“ an diesen Punkt seinen Vorteil gegenüber abendfüllenden Filmen weitestgehend auf. Nach sechs abgedrehten Staffeln bleibt plötzlich keine Zeit mehr, um Charakter- und Gesinnungswandlungen einzelner Figuren glaubwürdig einzuleiten und zu erklären. Einzelne, bestenfalls in einer kurzen Szene entwickelte, mehr als dumme Ideen prägen den weiteren Verlauf und damit die Zukunft einer lieb gewonnenen Fiktion. Und wir, das Publikum, können nur achselzuckend zusehen, weil mitdenken angesichts der erzählerischen Willkür fast keinen Sinn mehr macht.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Filme sind die besseren Serien

    Wer sieht sich eine Serie zweimal an? Schade um die viele Zeit, denkt man sich meistens, wenn die Qualität im Lauf der Staffeln abnimmt oder ernüchtert eine Wiederholung sieht.

    Das Budget ist limitiert, wie man bei GoT merkt, wenn Jons Direwolf einfach eine Staffel lang nicht auftaucht, weil man das Geld für Drachen braucht. Wenn Schlachten nicht gezeigt werden. Wenn das Geld für gute Schreiber fehlt ;) ...

    Vielleicht wäre es wieder an der Zeit, mehr gute Filme zu machen statt viel zu vieler Serien, die ihr Niveau nicht halten können oder erst gar nicht ihr Potenzial ausschöpfen ...
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    02.09.2017, 22:29 Uhr
    • BB

      Denn die meisten Serien haben ja eine sehr interessante Prämisse, aber richtig sehenswert sind trotzdem die wenigsten.
      Ich sehe gerade wieder hie und da die "Breaking Bad"-Wiederholungen auf ORF und habe eigentlich keine Lust, mir den ganzen Walter-Gus-Kartell-Eiertanz noch mal zu geben. Vor allem aufgrund der ganzen lahmen Alltagsszenen im Familienkreis.
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      02.09.2017, 22:34 Uhr