Neu im Kino
Neu im Kino (KW 30/2017)

Neu im Kino (KW 30/2017)

Unter den Neustarts der Kinowoche darf man sich auf die neuesten Werke zweier hochbeliebter Filmemacher, sowie auf das Regie-Debüt eines UNCUT-Schreiberlings freuen.

Dunkirk

Christopher Nolan ist neben Filmemachern, wie Spielberg, Tarantino oder Woody Allen einer der Namen, der auch einem Massenpublikum geläufig sein sollte. Nachdem die Karriere Nolans mit experimentellen Independent-Filmen begann, die narrative Strukturen auf den Kopf stellten („Following“, „Memento“), verschlug es den heute 46-jährigen Londoner Mitte der 2000er-Jahre ins Blockbuster-Milieu. Im Gegensatz zu vielen anderen Regisseuren konnte Nolan jedoch auch mit seinen Hollywood-Werken sowohl den Mainstream als auch die schärfsten Kritiker abholen – ihm war der schwierige Spagat zwischen Kunst und Kommerz gelungen. In seiner auf den Batman-Comics basierenden „The Dark Knight“-Trilogie (2005-2012) entsandt er Bruce Wayne auf einen Selbstfindungstrip und ließ in einen von modernen Ängsten geplagten Gotham City Anarchie ausbrechen, in „Inception“ (2010) beschäftigte er sich mit der Manipulation von Träumen und in „Interstellar“ (2014) ließ er Matthew McConaughey mit physikalischer Akkuratesse durch Wurmlöcher reisen. Kein anderer lebender Regisseur schafft es solch komplexe Themen in Multimillionen-Dollar-Produktionen zu verpacken. Mit „Dunkirk“ hat Nolan nun seinen allerersten Film mit Zweiter-Weltkriegs-Thematik gedreht. Basierend auf den wahren Ereignissen will Nolan hiermit den Zuschauern die Schlacht von Dünkirchen näherbringen, während der nach dem Einzug von Hitlers Streitmächten im Jahre 1940 tausende alliierte Kämpfer in der nordfranzösischen Küstenstadt eingeschlossen wurden.

Die ersten Reaktionen zum Film überschlugen sich bisher nur so vor Lobeshymnen und bezeichneten Nolans zehnten Spielfilm als audiovisuelles Meisterwerk, das einem durch die technische Brillanz das Gefühl geben soll, man wäre mitten im Geschehen. Um das „Mittendrin“-Gefühl zu verstärken drehte Nolan sein neustes Werk auf 70mm-Film, jedoch gibt es bisher leider noch keine für Österreich angekündigte Projektion in dieser Form.

Baby Driver

Durch die kultige „Cornetto“-Trilogie („Shaun of the Dead“, „Hot Fuzz“, „The Worlds End“; 2004-2013) sowie der von Popkultur nur so strotzenden Adaption der Comic-Reihe „Scott Pilrgim vs the World“ (2010) konnte der britische Filmemacher Edgar Wright über die Jahre hinweg eine Vielzahl an Fans für sich gewinnen. Besonders markant an dessen Filmen ist sein kinematografischer Stil, denn Wright legt im Gegensatz zu vielen anderen Comedy-Regisseuren sehr viel Wert auf die Ästhetik seiner Werke und lässt zahlreiche Pointen auf rein visueller Ebene ausklingen. Als er aufgrund von kreativen Einschränkungen nach jahrelanger Arbeit am Drehbuch, den Regieposten am Marvel-Streifen „Ant Man“ abgab, wollte sich der mit unsagbaren filmhistorischen Wissen ausgestattete Autorenfilmer seinem Passionsprojekt widmen. Bereits Mitte der 90er-Jahre kreierte Wright inspiriert von Walter Hill’s „The Driver“ (1979) Erstentwürfe für eine Heist-Comedy, die von Musik angetrieben wird. Über 20 Jahre später gelang es ihm nun das Konzept unter dem Titel „Baby Driver“ auf die Leinwand zu verfrachten. Erzählt wird vom jungen Fluchtwagenfahrer Baby (Ansel Elgort), dessen Alltag seit er in jungen Jahren einen Tinnitus bekam, von Kopfhörern und einer Vielzahl an Songs begleitet wird. Da er sein Leben an die Klänge seiner Playlist angepasst hat, gelingt es ihm, sämtlichen Verfolgern problemlos davonzufahren. Da Baby noch bei Gangsterboss Doc (Kevin Spacey) in der Schuld steht, soll er bei einem letzten großen Coup als Fluchtwagenfahrer zur Seite stehen. Als Baby sich jedoch in einem Diner in die Kellnerin Debora (Lily James) verliebt, plant dieser dem Gangster-Leben zu entfliehen, was mehr Probleme auf den Tisch bringt, als er sich erhoffte. Herausgekommen ist bei „Baby Driver“ ein von Wright-typischen nahezu unsichtbaren Szenenübergängen, handgemachten Autoverfolgungsjagden und kreativen Einfällen geprägtes Action-Musical, in dem ein jedes kleinste Detail des Schnitts mit der Musik harmoniert und die weltweiten Höchstwertungen in meinen Augen mehr als nur verdient hat! Vor zwei Wochen wurde der Film im Rahmen der Sneak Preview zum 19. Geburtstag von UNCUT gezeigt und stieß auch hier zum Großteil auf positive Rückmeldungen. Die Exklusivkritik folgt in Kürze!

Sie nannten ihn Spencer

Bis vor wenigen Monaten war Karl-Martin Pold (UNCUT-User: KMP) an dieser Stelle noch für den wöchentlichen „Neu im Kino“-Bericht verantwortlich. Seit Anfang Dezember jedoch war dieser derart mit der Fertigstellung seines harterarbeitenden Kino-Debüts eingedeckt, dass ich seit damals alle drei Wochen abwechselnd mit Harry.Potter und der Stadtneurotikerin die Neustarts zusammenfasse. Acht Jahre lang arbeitete der Wiener an einer Dokumentation über die unglaubliche Biographie des italienischen Schauspielers Carlos Pedersoli aka Bud Spencer, der letztes Jahr im Alter von 86 Jahren leider das Zeitliche segnete. Gemeinsam mit seinem Schauspielkollegen Terrence Hill avancierten die beiden mit ihren Actionkomödien zwischen den 70er- und 80er-Jahren besonders im deutschsprachigen Raum zu Kult-Ikonen. Im Leben des Carlos Pedersoli war Schauspiel jedoch bei weitem nicht der einzige Weg, den der Italiener einschlug: Er war zudem Schwimmer, Olympionike, Jurist, Fabrikant, Sänger, Komponist oder gar Politiker – um nur ein paar von Spencers unzähligen Talenten zu nennen. Um das Dokumentarfilm-Projekt von Fans für Fans realisieren zu können, sammelte Pold über die Jahre hinweg Unterstützungsgelder mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne auf Startnext. Nebenbei wurden über die Jahre hinweg vielerlei Interviews mit zahlreichen Bekannten und ehemaligen Kollegen Spencers gedreht – sogar Interviews mit Spencer und Hill selbst konnte man ergattern. Vermischt wurden die dokumentarischen Elemente mit einem Road Movie-artigen Touch: Pold begleitet den Film hinweg die großen Bud-Spencer-Fans Markus Zölch und Jorgo Papasoglou bei der Erfüllung ihres Lebenstraums: ihr Idol höchstpersönlich kennenzulernen. Um ihr Ziel zu erreichen, begaben sich die beiden mit dem Regisseur auf einen Trip quer durch Europa. Ein absolutes Muss für Spencer- und Hill-Fans!

Weitere Neustarts

Des Weiteren startet Sally Potters schwarz-weiß-gefilmte Tragikomödie „The Party“, in der eine Poltikerin (Kristin Scott Thomas) ein paar Gäste zu sich einlädt, um ihren Karrieresprung zu feiern. Als jedoch ihr Gatte (Timothy Spall) mit ebenfalls überraschenden Neuigkeiten aufwartet, kippt die anfänglich fröhliche Stimmung Schritt für Schritt immer mehr, bis die Feier komplett aus dem Ruder gerät. UNCUT-Kritikerin „susn“ hat die Komödie bereits bei der Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale gesehen und konnte dem Film in ihrer Exklusivkritik nur Positives abgewinnen. In weiteren Rollen sind unter anderem Patricia Clarkson, Cillian Murphy und Bruno Ganz zu sehen.

Bruno Ganz ist ebenfalls ab Ende dieser Woche als Hauptdarsteller in der deutschen DDR-Tragikomödie „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ im Kino zu sehen. Hier spielt Ganz einen einst ausgezeichneten Helden der Arbeiterklasse, der bei der Feier seines 90. Geburtstagstags mit verschiedensten Ansichten zur einstigen Deutschen Demokratischen Republik konfrontiert wird.

Zudem startet mit „Ostwind: Aufbruch nach Ora“ die bereits dritte Verfilmung des deutschen Jugendbuch-Franchise, in der Mika mit ihrem Pferd nach Spanien reist, um einer Hordean Wildpferden wieder Freiheit schenken zu können.

Weiters startet nun auch zu hierzulande der weltweit verschmähte Horrorstreifen „Wish Upon“ von John R. Leonetti (Annabelle), in dem eine Teenagerin eine Schatulle findet, die ihr vermeintlich mehrere Wünsche erfüllen kann, jedoch tödliche Nachwehen zur Folge hat.

Unter den Neustarts erwartet uns auch noch das russische Drama „Paradies“ von „Tango & Cash“-Regisseur Andrey Konchalovskiy, das vom brisanten Zufallstreffen einer russischen Widerstandskämpferin, eines französischen Kollaborateurs und eines deutschen SS-Offiziers während des Zweiten Weltkriegs handelt.

Zu guter Letzt sei noch der Österreich-Start von „Max - Agent auf vier Pfoten“ zu erwähnen, der als Fortsetzung zum hierzulande nur im Home Entertainment erschienen „Max“ (2015) dient und den Schäferhund Max diesmal für einen Einsatz ins Weiße Haus schickt.

Bei dieser Vielzahl an Neustarts sollte wieder etwas für eine/n jede/n dabei sein.
Ich wünsche UNCUT-LeserInnen eine großartige Zeit im Kino!
Der Autor
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