Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Faltenfreie Klassiker

Kobergs Klarsicht: Faltenfreie Klassiker

Große Filme bleiben große Filme, aber sie altern auf recht unterschiedliche Weisen.
Vor vielen Monaten habe ich an dieser Stelle einmal gebeichtet, dass ich „Apocalypse Now“ nie gesehen habe und habe über Filme sinniert, die man angeblich gesehen haben muss. Gut. Und jetzt habe ich ihn endlich gesehen und kann nur sagen: Diesen Film muss man gesehen haben. Coppola lässt hier Bilder und Atmosphären entstehen, die sich festsetzen und immer wieder auf’s Neue im Kopf auftauchen, um langfristig nachzuwirken.

Ich möchte an dieser Stelle behaupten, dass „Apocalypse Now“ einer jener Klassiker ist, die – vom zeitgeschichtlichen Setting vielleicht abgesehen – heute genau so gut funktionieren würden, wie vor fünfunddreißig Jahren. Ich muss nicht wissen, wann und wie dieser Film entstanden ist, um beeindruckt zu sein und ich muss ihn auch nicht als historisches Artefakt betrachten, um seine Qualität zu erkennen. Und das ist nicht selbstverständlich.

Filme wie „Spartacus“ oder Hitchcocks „Psycho“ haben mich beeindruckt, aber eben vor allem aufgrund ihrer filmhistorischen Relevanz. Sie zu sehen hat sich nach Bildung angefühlt, nach einem faszinierenden, aber auch ein wenig anstrengenden Wühlen in der Geschichte dieses Mediums. „Apocalypse Now“ hingegen, hat mich, ähnlich wie „Casablanca“ oder „Der Pate“, Jahrzehnte nach seinem Erscheinen in seinen Bann gezogen und hätte ich nicht gewusst, dass ich hier einen bedeutenden Film sehe, wäre ich mit derselben Faszination vor dem Fernseher gesessen.

Warum ist das so? Warum fühlen sich manche Filme nach ein paar Jahrzehnten alt an und andere nicht. Ganz sicher hat das viel mit Ästhetik, mit Bildkompositionen und all dem zu tun. Historische Kriege sind ein gewohntes Setting, auch für moderne Filme, während Horror für gewöhnlich in der Gegenwart dargestellt wird und diese hat sich seit Hitchcock dann doch signifikant verändert.

Mir drängt sich aber auch die Vermutung auf, dass das etwas mit der weiteren Rezeption des jeweiligen Films zu tun hat. „Spartacus“ und „Psycho“ haben – ähnlich wie etwa auch „Scarface“ – eine ganze Welle von Filmen massiv beeinflusst und so sind ihre Szenen wieder und wieder überarbeitet und weiterentwickelt worden – und wirken vor diesem Hintergrund ähnlich, wie „Doom“, verglichen mit heutigen Shooter-Spielen: Sie waren hoch innovative Meilensteine, aber sie wurden nach und nach von ihren Nachfolgern übertroffen.

Apocalypse Now“ und „Casablanca“ hingegen, hatten natürlich auch ihren Einfluss, wurden in meinen Augen aber weit weniger offensichtlich nachgeahmt; eben auch, weil sie keinem klassischen Genre angehören. Sie stehen viel stärker für sich selbst, trotzen den Vergleichen und funktionieren so bis heute.

Der Pate“ ist da natürlich ein schlechtes Beispiel. Aber den habe ich wohl einfach früh genug gesehen, um ihn noch nicht mit all den anderen Mafia-Filmen zu vergleichen, die mir seitdem noch über den Weg gelaufen sind.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Man verändert sich

    Finde es sehr interessant Filme zu unterschiedlichen Zeitpunkten anzuschauen und diese neu zu bewerten. Ob als Kind, Teenager oder Erwachsener - die Filme sind immer die gleichen, aber man selbst hat sich verändert! Wenn ein Film immer gut und interessant bleibt, dann handelt es sich um persönliche Kultfilme. Davon gibt es zum Glück zahlreiche!
    Und ich möchte betonen, dass auch sogenannte "schlechte" Filme ihren Reiz haben. Ja, ich möchte sogar klar zum Ausdruck bringen: Ich liebe auch schlechte Filme!
    Es gibt ja auch das Phänomen, dass mit fortgeschrittenem Alter seinerzeitig schlecht wahrgenommene Filme jetzt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet spannend, außergewöhnlich oder einfach nur witzig geworden sind. Und das wiederum hängt von der erwähnten eigenen Entwicklung ab!
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    12.03.2015, 12:15 Uhr
  • zeitlos

    zeitlosigkeit, eine universell gültige geschichte und individualistische bildsprache machen klassiker zwar nicht "faltenfrei", lassen sie aber so gut altern wie den besten rotwein – spartacus ist ein gutes beispiel, wie stark etwa die massenszenen den stempel der zeit und des massengeschmacks aufgedrückt bekommen haben. kein vergleich mit 2001 – odyssee im weltraum, oder anderen, "echten" kubrick-produktionen.

    horrorstories spielen auch heute nicht zwangsläufig in der gegenwart, man denke nur an die frau in schwarz... aber die machart hat sich sehr stark verändert: keine spur mehr von sorgfältigem aufbau von suspense und atmosphärischem grauen, dafür jump scares en masse (egal, ob sie sinn machen oder nicht). doch grad deshalb funktioniert hitchcocks psycho bei mir noch genauso gut wie beim ersten mal (ganz im gegensatz zum remake, einer blassen 1:1-kopie in farbe).

    apocalypse now: hab ich's nicht gesagt? ;)
    auch hier ein zeitloses thema – der mensch ändert sich ja doch nicht...
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    11.03.2015, 04:16 Uhr