Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Flachwassertauchgang

Kobergs Klarsicht: Flachwassertauchgang

Vorgetäuschte Tiefsinnigkeit ist ärgerlicher, als selbstbewusster Schwachsinn.
Auf der Schulsportwoche in der fünften Klasse haben wir einen Tauchkurs gemacht. Am Faaker See. Da standen dann zwei Hände voll Schüler auf einem Steg, mit Neopren und Sauerstoffflaschen, ausgerüstet für echten Tiefgang. Und keine dreieinhalb Meter unter der Oberfläche stießen wir dann auf den schlammigen Boden des Sees wo wir mit Zeigefinger und Daumen einen Ring formen und danach wir wieder auftauchen mussten.

In „Irrational Man“ erzählt Woody Allen von einem Philosophieprofessor (Joaquin Phoenix) der in der konsequenten Reflexion die Freude am Leben verloren hat und sie am Rande eines menschlichen Abgrundes wiederfindet. Kant wird da zitiert. Und Sartre und Kierkegaard und Heidegger und Simone de Beauvoir. Die Geister des Existenzialismus werden heraufbeschworen und Woody Allen holt tief Luft, bevor er abtaucht.

Ich mag den Blödsinn, ich mag den Pathos und ich mag die Tiefsinnigkeit. Was ein Film aber tun sollte, ist durchzuhalten, was er zu Beginn zu sein versucht. Oder natürlich positiv zu überraschen, wie etwa „From Dusk Till Dawn“, für die wenigen Glücklichen, die nicht vorab schon wussten, worauf der Roadtrip der Gecko-Brüder hinausläuft. Über „Lucy“ habe ich mich an dieser Stelle schon einmal beschwert: Da wird eine aufwendige Theorie des menschlichen Gehirns und dessen Auslastung aufgestellt, um letztendlich alles in akzeptabler Action mit einer Brise Kitsch verpuffen zu lassen.

Joaquin Phoenix als von der Belanglosigkeit des Lebens verbitterter Existenzialist, das klingt schlüssig. Und der szenische Wechsel von moralphilosophischen Vorlesungen zum lustlosen Leben des Professors schreit nach einer geistreichen Gegenüberstellung von Theorie und Praxis. Aber Woody Allen tut das, was Luc Besson in „Lucy“ getan hat und Neill Blomkamp in „Elysium“. Er sagt: „Das wäre doch einmal spannend, da drüber nachzudenken“, und tut’s dann nicht oder eben nur als Schnorchler an der Oberfläche. Immerhin ist er ja noch Woody Allen und muss einen Gutteil seines Films mit der unschuldigen Erotik junger Frauen befüllen.

„Schade um all die schönen Ideen.“ Das ist ein wiederkehrendes Gefühl nach dem Kinobesuch. Liegt’s an der mangelnden Konsequenz oder an der Angst, das Publikum mit dem theoretischen Unterbau zu überfordern? „Interstellar“ hat das durchgehalten aber gerade einmal seine Produktionskosten wieder eingespielt. Vielleicht fehlt einfach der Markt. Aber bevor ich mit Sauerstoffflasche im Schlamm des Faaker Sees stehe, bleibe ich lieber ganz unausgerüstet an der Oberfläche.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Dumm und Dümmehr

    Habe keine Erwartungen... denn so kann dich auch nichts enttäuschen! Sehr schade, was du über "The Irrational Man" schreibst.. denn ich verstehe das Gefühl. Bei Lucy hatte ich es ebenso, und sicherlich noch bei unzähligen anderen Filmen, die mir gerade nicht einfallen. Dieses ungenützte Potential ist einfach nur schrecklich... und am liebsten möchte man aufspringen und selbst den Film ändern. Du hast recht, da ist mir ein blödsinniger Film wie "Dumm und Dümmehr" etc. lieber, denn da weiß man, was einen erwartet... und wird noch überrascht, wenn sich die doch ein oder andere tiefsinnige Szene im Film versteckt.
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    18.11.2015, 20:18 Uhr
  • From Dusk Till Dawn

    Ich gehöre zu den wenigen Glücklichen. Ich habe „From Dusk Till Dawn“ damals im Rechbauerkino gesehen und hatte wirklich keine Ahnung was da komme. War natürlich eine erstklassige Überraschung, und eine Wendung mit der ich überhaupt nicht gerechnet habe...
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    17.11.2015, 20:37 Uhr