Kobergs Klarsicht
Kobergs Klarsicht: Notlösungen

Kobergs Klarsicht: Notlösungen

Wenn ein Gericht misslungen ist, hilft oft nur noch die Sahnesoße.
Musik sei das Glutamat der Filmschaffenden, hat mir eine deutsche Nachwuchsregisseurin einmal erklärt. Wenn all die anderen Zutaten zu wenig Würze in die Sache bringen, lassen sich Emotionen immer noch mit dem Pathos der Musik evozieren. „Jein“, habe ich mir damals gedacht. Klar lassen sich mit der richtigen Musik einige Schwächen kaschieren, aber es gibt doch auch so viele eindrucksvolle Filme, in denen Musik und Bild wunderbar harmonieren, ohne sich gleich gegenseitig die Kompetenz streitig zu machen. „Magnolia“ beispielsweise. Regisseur und Drehbuchschreiber Paul Thomas Anderson hat seine Geschichte ja angeblich synchron mit der Musik von Jon Brion entwickelt. Ist da jetzt also der eine der Geschmacksverstärker des anderen oder sind es einfach zwei Zutaten die gemeinsam ein g’schmackiges Ganzes ergeben?

Letztes Wochenende bin ich Dank des Fernsehprogramms endlich einmal über „Vicky Cristina Barcelona“ gestolpert, der mir bislang immer entwischt war; ein divers aufgenommener Film, der in den letzten zwei Uncut-Foreneinträgen einmal 10 und einmal 100 Prozent bekommen hat. Wenn die Musik das Glutamat ist, dann ist die Erzählerstimme die Sahnesoße, die man über jedes missglückte Gericht kippen kann, um ihm doch noch ein wenig Geschmack zu entlocken.

Ich nehme durchaus an, dass Woody Allen seinen Erzähler als Stilmittel einzusetzen versucht hat. Aber mir fehlt das Verständnis für die Idee dahinter. Der Film erzählt in seinen Bildern keine Geschichte und lässt seinen wunderbaren Darstellerinnen und Darstellern keinen Raum. Jede entscheidende Wende muss aus dem Off erklärt werden und wenn Rebecca Hall als Vicky gefühlte Minuten lang in die Dunkelheit starren muss, während ihr Mann mit seinen Freunden diniert, wird auch Zusehenden mit dem empathischen Vermögen meiner Filzstiftdose klar, dass sie sich in diesem Umfeld nicht mehr wohl fühlt.

Musik kann Szenen erschlagen und Emotionen wecken, wo es den Darstellenden nicht gelingen will. Aber Erzähler wie jener aus „Vicky Christina Barcelona“ degradieren den Film zu einer beweglichen Dia-Show. Freilich tröstet mich der Anblick von Scarlett Johansson und Penélope Cruz auch über 90 Minuten Langeweile hinweg und Javier Bardem ist immer seine Screentime wert. Aber von Filmen mit so viel Potential erwarte ich mir, dass ich kleine Sympathieverschiebungen und versteckte Unsicherheiten an den Augen und Gesten der Darstellenden ablesen darf. All die Geschmacksverstärker kann man doch immer noch über den nächsten Transformer-Film kippen.
Der Autor
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DerKoberg


Forum

  • Stichwort Transformers

    ... in dem Shia LaBoeuf natürlich wieder mitspielt ... bzw. zu den Computereffekten relativ sinnlos on screen kommentiert. Vielleicht sollte man ihn ins Off verschieben? ;-)
    markus_lhnert2020_d56a9fa338.jpg
    17.07.2013, 11:01 Uhr