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Heidi@Home: Echtzeit in Serie?

Heidi@Home: Echtzeit in Serie?

Vom Aushängeschild „24“, das das Konzept hochhält und gleichzeitig unterläuft bis zu seiner Aktualisierung in „Dates“.
Unter Echtzeit versteht man in Film (und Literatur) eine Übereinstimmung der dargestellten Zeit mit der tatsächlichen Erzähldauer. Es handelt sich um eine spezielle Erzählform, die gewissen Gesetzmäßigkeiten folgt und einen relativ starren Rahmen vorgibt.

Andy Warhol hat im Filmbereich diese Methode ausgereizt, in dem er in seinem Werk „Empire“ acht Stunden lang den oberen Teil des Empire State Buildings filmte. Ohne Ton und in schwarz-weiß. Sein Anspruch an diese Arbeit war, der Zeit beim Verstreichen zuzusehen. In „Sleep“ filmte er sechs Stunde lang einen nackten, schlafenden Mann. Wenn man so will, hat Warhol die Lange-Weile des Alltags eingefangen und abgebildet. Seine Werke waren dokumentarisch. Fiktionale Filme in Echtzeit wären etwa Hitchocks „Rope“ oder Linklaters „Before Sunset“ auch hier ist die Erzählweise langsam, hier gibt es aber natürlich Handlung und Dialoge, die Spannung erzeugen.

Auch in Serien wird das Echtzeit-Prinzip hin und wieder angewendet. Das berühmteste Beispiel dafür ist sicher die Serie „24“, die aber eigentlich das Konzept unterwandert. Zwar ist die Struktur sehr strikt, jede Stunde des Tages entspricht einer Serienfolge und Jack Bauer löst einen Konflikt innerhalb eines Tages. Allerdings ist hier nichts von Langsamkeit zu spüren, im Gegenteil: hier wird eine große Menge an Handlung und Plot-Twists in ein eng festgesetztes Zeitkorsett gepresst. Es geschieht permanent etwas, die Geschichte schaukelt sich mehr und mehr hoch, die Ereignisse überstürzen sich. Manchmal wird ein Split Screen verwendet, um sogar mehrere Handlungsorte gleichzeitig zu zeigen. Man kann das als Metapher für die Reizüberflutung unserer Zeit sehen, man könnte aber auch feststellen, dass „24“ hochgradig unrealistisch ist und das Konzept nur als Vorwand benutzt, um die Pulsfrequenz beim Zuseher zu erhöhen, weil im Hintergrund eine Uhr tickt.

Konträr dazu ist die Serie „In Treatment“ aufgebaut, die auf der israelischen Serie „BeTipul“ basiert. Hier ist die Arbeitswoche eines Psychotherapeuten das Thema; jede Folge ist dabei eine Sitzung und es gibt Therapiestunden von Montag bis Freitag, was sich über mehrere Wochen zyklisch wiederholt. Mancher Fernsehsender hat die Ausstrahlung auch an die gezeigten Wochentage angepasst und die Serie von Montag bis Freitag gezeigt (so etwa auch der ORF im Nachtprogramm). Die Inszenierung ist minimalistisch: es gibt einen Raum, in der die jeweilige Folge spielt, und meist nur zwei Personen, Therapeut und Patient, die miteinander sprechen. Hier stehen ganz eindeutig die Personen und das Gespräch im Mittelpunkt. Action braucht es keine. Es gibt einen klaren Anfang und ein Ende.

Manch populäre Serie hat die eine oder andere Echtzeit-Folge im Programm, beispielsweise Seinfeld mit „The Chinese Restaurant“. In dieser Episode wird das Versprechen, Seinfeld sei „the show about nothing“ besonders souverän eingelöst. Denn in dieser Folge geht es tatsächlich um nichts. George, Jerry und Elaine müssen im Chinarestaurant quälend lange auf ihren Tisch warten. George versucht in dieser Zeit, seine Freundin telefonisch zu erreichen, Jerry hat ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Onkel, den er für dieses Essen versetzt hat und Elaine riesigen Hunger. In der Serie „Mash“ handelt eine Folge von der Operation an der Aorta eines verwundeten Soldaten. Bei „Friends“ beschäftigt sich die Folge „The One Where No One’s Ready“ mit dem Versuch von Ross, seine Freunde rechtzeitig zu einer Veranstaltung in seinem Museum zusammen zu trommeln, was durch zahlreiche Missgeschicke und Animositäten torpediert zu werden droht.

Das Echtzeit-Konzept in Serien hat also gewisse Vorzüge, nämlich eine überschaubare Sequenz sehr detailreich und in die Tiefe gehend zu beleuchten, aber auch den Nachteil, meistens keine nennenswerte Handlung oder Entwicklung in wenigen Minuten unterzubringen, wenn man nicht den Anspruch an Realitätsnähe verlieren will.

Die neue englische Serie „Dates“, die auf SAT1 Emotions läuft, versucht, die Zuckerseiten zu übernehmen, sich aber nicht sklavisch an das Konzept zu halten. Kammerspielartig treffen sich zwei Menschen, die sich online kennengelernt und verabredet haben, zu ihrem ersten richtigen Date. Die handelnden Personen finden sich in Laufe einer Staffel in unterschiedlichen Konstellationen wieder. Es ist sehr reizvoll, wie die Unentrinnbarkeit der Situation porträtiert wird, das langsame aneinander Herantasten, die Unsicherheiten, Gesprächspausen, Sätze, die ins Leere gehen. Wie im richtigen Leben auch. Man kann merkbar aus dem „Hier und Jetzt“ nicht flüchten. Es müssen aber keine Punchlines und Gags geliefert werden, es darf ganz unspektakulär zugehen. Andererseits gibt es bei „Dates“ keinen Zwang, wirklich jede Folge ausschließlich in dieser Konstellation, an einem Ort, ohne Zeitsprünge handeln zu lassen. Manchmal vergeht sogar eine Nacht, von der der Zuseher nichts weiß.

Das ist erfrischend und eventuell eine Inspiration für andere Produktionen, wie man Echtzeit-Elemente einbringen, dem Stoff damit besonderen Tiefgang und Intensität geben, dabei aber trotzdem beweglich bleiben kann.
Die Autorin
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Heidi@Home


Forum

  • 24

    Am Anfang war mir die Echtzeitserie 24 absolut nicht sympathisch. Ich könnte absolut nichts damit anfangen. Doch das ist bei vielen Serien so, wenn man gerade erst damit beginnt. Doch dann kam der Knackpunkt und ich verschlang jede einzelne Folge gespannt wie ein Bogen. Ich lies natürlich sämtliche logische Fehler außer acht... Denn in diese Stunde sind natürlich Werbeunterbrechungen mit eingerechnet. Ich liebe Ideen zu diesem Experiment weiterhin und finde es genial, dass 24 sogar um eine weitere Staffel verlängert wurde. Mit Dates konnte ich leider nichts anfangen.
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    31.05.2015, 19:18 Uhr