Heidi@Home
Heidi@Home: Was ist ein Wochenende?

Heidi@Home: Was ist ein Wochenende?

Die Serie „Downton Abbey“ als weitere Variation des Motivs „Upstairs, Downstairs“
Als Kind habe ich die Anfang der Siebziger Jahre gedrehte englische Serie „Das Haus am Eaton Place“ (im Original „Upstairs, Downstairs“) geliebt und alle Folgen nicht nur einmal gesehen. Knapp vierzig Jahre später ist der legitime Nachfolger dieser Produktion gefunden und er heißt „Downton Abbey“. Auf ATV ist die Serie neu am Sonntag in der Primetime zu sehen.

Im Gegensatz zu „Upstairs, Downstairs“ ist hier die Location kein Stadthaus in London (Belgravia), sondern ein Landsitz in Yorkshire, außerdem handelt es sich um die adelige Sippe rund um den Earl von Grantham – während die Londoner Bellamys eine betuchte bürgerliche Familie waren. Aber abgesehen von diesen kleinen Abweichungen gibt es sehr viele Parallelen. Beispielsweise setzt „Downton Abbey“ mit dem Untergang der Titanic ein, bei der der Verlobte der ältesten Tochter stirbt. Zwar hätte man nicht wirklich von einer Liebesheirat sprechen können, allerdings wäre die Ehe notwendig gewesen, um Namen und Besitz zu halten. Bei „Upstairs, Downstairs“ verunglückt die Hausherrin Mrs. Bellamy auf der Jungfernfahrt der Titanic tödlich – sie war die Seele des Sitzes am Eaton Place, die auch die Familie zusammengehalten hat. In beiden Serien waren mit diesem geschichtlichen Ereignis also tiefgreifende Konsequenzen für den Plot verbunden.

Auch die Protagonisten weisen viele Ähnlichkeiten auf. Neben der jeweiligen „Herrschaft“ gibt es hier wie da eine Menge an Bediensteten. Da wie dort gibt es eine rundliche joviale Köchin, die das Herz am rechten Fleck hat und eine einfach gestrickte Küchenhilfe, die etwas unbeholfen durch die Szenerie stolpert und viele Fragen stellt. Es gibt in beiden Serien eine etwas schroffe Kammerzofe, die Autorität besitzt und einen Butler, der großen Einfluss auf seinen Herren hat. Hier wie da Bedienstete, die sich eher mit der Herrschaft identifizieren und andere, die sich in (stiller) Auflehnung üben. Dabei sind sowohl die Bellamys als auch die Granthams moderate Herrschaften, die ihre Untergebenen, im Rahmen der Möglichkeiten, fair behandeln. Beispielsweise respektieren sie die Privatsphäre und entschuldigen sich, wenn sie die Räumlichkeiten der Dienstboten betreten oder sie beim Essen stören. Oft betrachten sie die Diener und sich selbst als Träger von sozialen Rollen, die bestmöglich eingehalten werden müssen. Dennoch gibt es aber auch Familienmitglieder, die sich tatsächlich als etwas Besseres vorkommen – in „Downton Abbey“ ist es die Mutter des Earls, die alleine beim Wort „Wochenende“ die Nase rümpft („Was ist ein Wochenende?“) und von Lohnarbeit – soweit es sie und die ihren betrifft – überhaupt nichts hält.

Eines der Grundmotive in „Downton Abbey“ ist die Frage nach dem Lebenssinn von Bediensteten. Sind sie nur am Leben, um anderen das Dasein zu erleichtern? Was bleibt am Ende übrig, wenn sie auf Familie und Freunde verzichten, um ganz solidarisch mit den Arbeitgebern zu sein, ohne je wirklich dazu zu gehören? Bereits im Pilotfilm von „Downton Abbey“ wird von älteren Angestellten die Frage aufgeworfen, ob es jemanden reut, diesen Weg eingeschlagen zu haben und die Antwort fällt ambivalent aus. Diese Problematik kennt man nicht nur von „Upstairs, Downstairs“, sie spielt auch in Filmen wie „Was vom Tage übrig blieby“, „Gosford Park“ oder auch der Serie „Fackeln im Sturm“ eine Rolle.

Doch wie schon Johann Nepumuk von Nestroy in seinem Stück „Zu ebener Erd' und erster Stock“ durchexerzierte, ist auch das Leben der Herrschaft nicht immer rosig. Sie muss ihre finanziellen Sicherheiten wahren, um Privilegien erhalten zu können, auch sie hat sich Zwängen zu unterwerfen. So wird bereits am Beginn klar, dass schon die Heirat des Earls von Grantham anno dazumal aus finanziellen Motiven geschossen wurde; auch wenn sich die Verbindung letztendlich erfreulich entwickelte. Von der nächsten Generation wird ebenfalls bis zu einem gewisse Maße erwartet, ihr Leben in den Dienst des Standes zu stellen – auch sie sind nicht frei, das zu tun, was sie tatsächlich wollen, und obendrein stehen sie unter permanenter Beobachtung der Dienerschaft. Gerade ihre schwachen Momente können sie vor ihren Angestellten oft nicht verbergen und laufen damit ständig Gefahr, erpress- und angreifbar zu werden.

„Downton Abbey“ hat mit der zweifach Oscar ausgezeichneten Maggie Smith nur einen wirklichen Star im Cast, die anderen Darsteller sind zwar keine Unbekannten, haben aber kaum Star-Appeal, was ich recht reizvoll finde. Für Soap-affine Fans von Kostümfilmen und Period-Pieces jedenfalls einen Blick wert.