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Heidi@Home: Die Mockumentary

Das Genre erobert die TV-Serie: ist es Allzweckwaffe oder bald schon Auslaufmodell?
Der Begriff „Mockumentary“ setzt sich aus dem englischen (to) mock, vortäuschen, und documentary, Dokumentation, zusammen. Diese Bezeichnung bekommt ein fiktiver Dokumentarfilm, der eine echte Dokumentation oder das ganze Genre parodiert und überzeichnet.

Als erstes fällt einem in diesem Zusammenhang wahrscheinlich Orson Welles ein, der den H.G. Welles Roman „Krieg der Welten“ 1938 als Hörspiel adaptierte und in Form einer tatsächlichen Begebenheit in das laufende Radioprogramm integrierte. Manche Zuhörer nahmen den berichteten Angriff von Außerirdischen für bare Münze. In der jüngeren Vergangenheit erregte die Mockumentary „I'm Still Here“ Aufmerksamkeit, die Schauspieler Joaquin Phoenix akribisch und ohne Angst vor Peinlichkeiten vorbereitete. Er verkündete 2008 seine Schauspielkarriere beenden zu wollen und Rapper zu werden. Verstörende öffentliche Auftritte inklusive. 2010 erfolgte die filmische Auflösung.

Nun scheinen auch mehr und mehr TV-Serien auf diesen Zug aufzuspringen. Das mag daran liegen, dass Pseudo-Dokumentationen und Reality Soaps den Fernsehmarkt überschwemmt haben und die Zuschauer diesen speziellen Stil gewöhnt sind und mögen. Mockumentarys sind leicht konsumierbar, man kann schnell und unkompliziert einsteigen, fühlt sich sofort mitten im Geschehen und befriedigt einen gewissen Voyeurismus. Der Stil zeichnet sich durch verwackelte Bilder, Interviews, schnelle Schnitte, gewollt schlechte Ausleuchtung und Ton und oft bewusst laienhafte schauspielerische Darstellung aus.

Vorreiter war sicherlich die Ricky Gervais Produktion „The Office“. Als Workplace-Sitcom wird hier der Arbeitsalltag in einem Großraumbüro in einem Londoner Vorort beleuchtet. Zwischen den einzelnen Szenen im Office gibt es immer wieder Einzelinterviews mit den Angestellten zu sehen, bei denen sie über ihre Kollegen sprechen. Speziell die von Gervais selbst dargestellte Hauptfigur David Brent steht aufgrund seiner rassistischen, sexistischen und unangebrachten Witze im Zentrum der Kritik. Die Serie war so erfolgreich, dass zahlreiche Ableger in anderen Ländern entstanden, u.a. eine US-Version mit Steve Carell in der Hauptrolle. Starke Parallelen gibt es auch zur deutschen Serie „Stromberg“, deren Produzenten verpflichtet wurden, die Inspiration von Gervais im Abspann zu erwähnen.

Auch aktuell läuft in Großbritannien eine Ricky Gervais Mockumentary-Serie, „Derek“, in der er einen naiven, aber herzensguten Pfleger in einem Altenheim porträtiert. Andre Produktionen des Genres wären beispielswese „Modern Family“, die das Zusammenleben in verschiedenen Familienformen zum Thema hat, „Parks and Recreation“ – Handlungsort: das Grünflächenamt einer fiktiven amerikanischen Stadt oder „Angry Boys“, über junge Männer und ihre Träume, Ängste und Pläne im 21. Jahrhundert. Im deutschsprachigen Raum ziehen die Polizeiserie „Mit dem Wahnsinn auf Streife“ oder „Schlawiner“ (eine österreichische Produktion) nach.

Der Trend ist also da, und immer mehr springen auf diesen Zug auf. Doch hat dieses Genre längerfristig Zukunft? Ein mögliches Problem könnte darin liegen, dass dem formalen Korsett mehr Bedeutung zukommt als dem Inhalt. Dass man sich zu sehr auf die Äußerlichkeiten konzentriert und deshalb vor allem die Charakterzeichnung und Weiterentwicklung darunter leidet. Das Genre lädt dazu ein, zu ironisieren und zu parodieren. Das macht eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Stoff manchmal schwierig bzw. gehen die stofflichen Vorgaben oft in eine bestimmte, klar definierte Richtung. Darüber hinaus könnte der Überraschungseffekt verloren gehen, wenn zu viele Produktionen dieser Machart auf den Bildschirm zu sehen sind. Eine Übersättigung ist meines Erachtens eine ernstzunehmende Gefahr.

Wie seht Ihr das? Seid Ihr Fans des Genres und welche Mockumentary-Serie mögt Ihr besonders?
Die Autorin
heidi
Heidi@Home


Forum

  • Stromberg

    Man lernt nie aus. Ich dachte immer „Stromberg“ sei ein ganz normales Lizenzprodukt vom britischen „The Office“, so wie eben auch die amerikanische Version. Anscheinend wurde hier aber nur ohne zu fragen kopiert...
    treadstone71
    20.11.2013, 11:34 Uhr
    • Obersalzberg

      Normalerweise ist ja die Kopie einer Kopie meist nicht mehr so gut, aber die Stromberg-Parodie „Obersalzberg“ von Switch Reloaded finde ich eine ganz besonders gute Mockumentary ;)
      uncut
      20.11.2013, 22:39 Uhr