Filmkritik zu She Said

Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    Eine unbequeme Wahrheit

    Exklusiv für Uncut
    Macht. Selten wird ein Begriff im Alltag so unterschiedlich benutzt wie der Macht-Begriff. Was ist Macht? Max Weber schreibt: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen.“ Was bedeutet das? Jede zwischenmenschliche Beziehung beruht auf Hierarchie und damit auf einem Machtgefälle, das dazu dient, der gegenüberliegenden Person den eigenen Willen aufzuzwingen. Beispiele: die Beziehung zwischen Eltern und Kind, zwischen Angestellten und leitenden Personen und seit jeher auch die Beziehung zwischen Frau und Mann. Nach Jahrzehnten feministischer Kämpfe um rechtliche Gleichstellung gelangen mehr und mehr die verdeckten, die familiären, die in den Hinterzimmern dieser Welt stattfindenden Abhängigkeitsverhältnisse zum Vorschein. Als Beispiel für sexualisierten Machtmissbrauch sondergleichen brachte der 2017 enthüllte Skandal um den gigantischen US-Filmproduzenten Harvey Weinstein die MeToo-Bewegung ins Rollen, er gilt als „seismic shift“, als gesellschaftliche Zäsur. Maria Schrader hat nun die journalistische Hintergrundarbeit um die beiden den Skandal enthüllenden „New York Times“-Journalistinnen in „She Said“ filmisch umgesetzt.

    Carey Mulligan kennt dieses feministische Metier. Bereits 2020 glänzte sie oscarnominiert in „Promising Young Woman“ und 2015 schon begleitete sie den Beginn der Frauenbewegung in Großbritannien als „Suffragette“. Sie spielt die Investigativ-Journalistin Megan Twohey, die sich an der beginnenden Recherche von Jodi Kantor zur Weinstein-Akte beteiligt. Diese wiederum wird von Zoe Kazan, bekannt aus „The Big Sick“, so herausragend porträtiert, dass das Fein- und Mitgefühl in den Gesprächen mit den betroffenen Frauen völlig zur Geltung kommt. Angestellt bei der New York Times ermitteln die beiden Journalistinnen im besagten Fall und veröffentlichen nach aufwühlenden Interviews einen Online-Artikel im Oktober 2017, in dem sich mehrere Belästigungs- und Vergewaltigungsopfer erstmals zusammenschlossen und gemeinsam von ihren Erfahrungen berichteten. Emotionale Ankerpunkte sind genau diese mit Rückblenden gespickten aufwühlenden Erinnerungen. Bemerkenswert im Cast ist der Auftritt von Ashley Judd, die sich selbst spielt als ein bezeugendes Weinstein-Opfer. Judd wurde wegen einer Warnung der Weinstein-Brüder eine Rolle in der erfolgsgekrönten Trilogie „Der Herr der Ringe“ verwehrt. In solchen Fällen drückt sich die Macht Weinsteins aus, indem er den Willen der Darstellerinnen bricht und bei Ablehnung der Avancen die jeweiligen Karrieren zerstört.

    „Ich finde es fantastisch, dass wir unseren Film in dem Moment enden lassen, in dem der Artikel veröffentlicht wird. Der Rest ist Geschichte. Alles, was danach passiert, haben wir erlebt und miterlebt.“ Mit diesen Worten beschreibt die Regisseurin Maria Schrader („Vor der Morgenröte“, „Ich bin dein Mensch“) die Dramaturgie ihrer ersten US-Produktion „She Said“, die sich in erster Linie mit der journalistischen Arbeit befasst und die Opfer zu Wort kommen lässt. Dabei repräsentiert die ruhige Kamera von Natasha Braier eine unaufdringliche Klarheit von hoher Präzision, die die Dialoge besonnen aufnimmt und den Geschädigten den nötigen Respekt zollt. Zusammen mit den wohldosierten Schnitten ergibt sich eine der Materie entsprechende Offenheit. Insbesondere unangenehme Sequenzen bezwingt der Film nicht durch rohe, personalisierte Gewalt, sondern durch subtile Einstellungen eines Hotelzimmers oder durch aus dem Off mit Originalmitschnitten unterlegte Hotelgänge. Die Bedeutung des Gesagten soll hervorgehoben werden, die Relevanz der Stimme. Sie ist es auch, die den sich wiederholenden Dialog-Settings die Einzigartigkeit jeder Person entgegensetzt. Bisweilen drängen zum Ende hin gängige Suspense-Konventionen in die Handlung, was die letzten Minuten hollywood-like inszeniert erscheinen lässt, der hohen Authentizität aber nur bedingt schadet. Während der Corona-Lockdowns standen die Redaktionsräume der NY Times leer und konnten als reale Drehorte herhalten.

    Inhaltlich zehrt der Film vom fantastischen Drehbuch. Rebecca Lenkiewicz hat das Sachbuch der beiden Journalistinnen „She Said – Breaking the Sexual Harassment Story That Helped Ignite a Movement“ aus dem Jahr 2019 adaptiert und hervorragende Arbeit geleistet. Die Dialoge sind scharf, respektvoll, aufwühlend und wahren trotzdem eine wichtige Distanz. Lenkiewicz arbeitet vor allem die Strukturen hinter dem Missbrauch heraus: durch Geheimhaltungsvereinbarungen (Non-Disclosure Agreements) schaffte es Weinstein, dass er weder polizeilich noch juristisch belangt werden konnte; die Opfer wurden mundtot gemacht, um seine Stellung nicht gefährden. Es wird gezeigt, wie es ist in dieser sexistischen patriarchalen Welt als Frau zu arbeiten, Angst, Scham, Trauma, Unterdrückung gehen hier Hand in Hand. Darüber hinaus spricht der Film vielseitige Themen wie Medienkorruption, postnatale Depression, Suizid und Care-Arbeit an. Neben dem beruflichen Kampf gegen Ungerechtigkeiten leben die beiden Journalistinnen im familiären Kreis möglichst gleiche Rollenverteilung vor. Das Private ist immer auch politisch.

    Maria Schrader gelingt mit „She Said“ nicht nur ein intelligenter Film über Investigativjournalismus, nicht nur ein präzis-ehrliches zeitgeschichtliches Dokument über sexualisierten Machtmissbrauch, sondern auch ein zutiefst emotional intensives, sensibles Werk über die Notwendigkeit eines solidarischen feministischen Kollektivs. Nur mit einer gemeinsamen Stimme und Vertrauen können eingerostete patriarchale Machtstrukturen aufgebrochen werden. Der Weinstein-Skandal sorgte dahingehend für grundlegende Veränderungen im Umgang mit Frauen im Filmgeschäft. Doch, wenngleich „She Said“ hoffnungsvoll und optimistisch endet, bleibt die erschütternde Aussage von Jodi Kantor: „Stell dir mal vor, wie viele Harveys es da draußen gibt…“
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    (André Masannek)
    27.12.2022
    12:50 Uhr
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