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    (K)ein Freund für die Ewigkeit

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Der Mensch gilt in der Regel als ein soziales Tier: die meisten von uns sehnen sich geradezu nach zwischenmenschlichem Austausch und dem schieren Gefühl von Akzeptanz einer anderen Person oder Gruppe. Freundschaft ist gewiss eines der wertvollsten Güter des Lebens, aber – wie so einige Kostbarkeiten - für gewöhnlich von zerbrechlicher Natur. Der potentielle Verlust nahestehender Menschen ist eine weitverbreitete Furcht, doch eine, der wir alle früher oder später ins Gesicht sehen müssen. Die Liste, warum soziale Gefüge in die Brüche gehen, ist lang und oft irrational: man verzankt sich, zieht in eine neue Stadt oder verliert sich schlicht und einfach aus den Augen. Was also tun, wenn einem urplötzlich und ohne gutem Grund die Freundschaft gekündigt wird? Mit dieser unbequemen Frage muss sich Pádraic (Colin Farell) befassen, der Protagonist im neuen Spielfilm des irischen Dramatikers Martin McDonagh.

    Auf der abgelegenen Insel Inisherin führt er im frühen 20. Jahrhundert ein eigentlich unkompliziertes Leben. Es braucht nicht viel, um den Milchmann glücklich zu machen: unbekümmert wandert er durch die felsigen Landschaften, sorgt sich liebevoll um seinen Miniaturesel und macht gelegentlich einen Abstecher in das lokale Pub. Teil seiner Tagesroutine ist es, sich ebendort mit seinem vermeintlich besten Kumpel, dem etwas älteren und weiseren Colm (Brendan Gleeson), auf ein Bier zu treffen. Auf einmal zeigt ihm der passionierte Geiger aber die kalte Schulter – ein Umstand, der Pádraic besonders nahegeht. Warum verhält sich sein langjähriger Freund plötzlich so abweisend ihm gegenüber? Der eigentlich so sorgenfreie Einheimische sieht sich auf einmal mit menschlichen Abgründen konfrontiert, die sein komplettes Weltbild erschüttern. Er wird auf einen dunklen Pfad entsandt, auf dem abgetrennte Finger, brennende Häuser und andere Grausamkeiten seinen Alltag grundlegend auf den Kopf stellen.

    Bei „The Banshees of Inisherin“ handelt es sich um die erst vierte Spielfilmarbeit von Martin McDonagh, der ursprünglich aus der Theaterszene stammt. In seinem neuen Film verrührt der 52-Jährige einmal mehr bitterbösen Galgenhumor mit den tieftraurigen Beobachtungen eines ländlichen Mikrokosmos. Nach einem erfolgreichen Zwischenausflug nach Hollywood mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist der gebürtige Ire für sein aktuelles Werk wieder in die Heimat zurückkehrt. Mit Colin Farrell und Brendan Gleeson hat sich der Regisseur ein exzellentes Duo aus Charakterdarstellern zurück ins Boot geholt, das er bereits 2007 in einem anderen seiner Filme zur Höchstform geleitet hatte: „Brügge sehen und sterben?“. Die erneute Zusammenarbeit kommt weit ruhiger und vergleichsweise antiklimaktisch daher, entfaltet aber einen ähnlich kraftvollen Sog. Wie kaum ein anderer, balanciert McDonagh weiterhin spielerisch zwischen pechschwarzer Komik und nahegehender Tragik – auch wenn hier die Lacher mit jeder Minute an Laufzeit, die verstreicht, vermehrt im Halse stecken bleiben. Anfangs noch makabre Späße haben drastische Folgen für den Plotverlauf. Die Wandlung vom überglücklichen Simpel hin zum verbitterten Realisten spielt Farrell mit hinreißender Naivität – Gleeson gibt das kalte Gegenstück nicht minder überzeugend und lässt auch Momente von menschlicher Wärme aufblitzen. Pádraic wird zum Paradebeispiel dafür, wie Ablehnung und Isolation selbst das unbekümmertste Gemüt brechen können. In einer Nebenrolle geht Kerry Condon als dessen intellektuell überlegenere aber überaus sorgsame Schwester Siobhán auf. Anhand von melancholisch-poetischen Aufnahmen spiegelt sich der Sprung von Sorglosigkeit zu Tristesse auch in der Bildsprache wider.

    Letztlich kann das alles ebenfalls als zugegeben etwas schwammige Kriegsparabel gelesen werden. Im Hintergrund hört man immer wieder Bomben auf der irischen Hauptinsel in die Luft gehen, wo 1923 der Bürgerkrieg herrschte. Inisherin erscheint hingegen als paradiesischer Zufluchtsort fern von Hass und Totschlag, oder? Fehlanzeige! Die Abkapselung vor Leid und Terror erweist sich als Utopie, das Unentrinnbare holt einen früher oder später ein – in welcher Form auch immer. Und diese zunächst unerwartete Schwermut lässt McDonaghs eindringliche Dramedy über zerplatzte Männerfreundschaften noch lange nach der Sichtung nachhallen.