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    Freundschaft ist ein Vogerl

    Von Juni 1922 bis in den Mai des Folgejahres tobte auf Irland ein verlustreicher Bürgerkrieg zwischen jenen, die den Irischen Freistaat befürworteten, und jenen, die natürlich dagegen waren. Das hieß auch, dass ein Teil Nordirlands immer noch unter britischer Hoheit blieb. Ein Kompromiss, den viele nicht eingehen wollten. Diesen entbrannten Bruderkrieg konnte man von den vorgelagerten Inseln Irlands manchmal beobachten – und auch hören. Explosionen, donnernde Salven. Auf Inisherin, einer der irischen Küste vorgelagerte, fiktive Insel in der Galwaybucht, hat laut Martin McDonagh (Three Billboards outside Ebbing, Missouri) der Krieg scheinbar wenig Einfluss. Das Leben nimmt dort seinen Lauf, ein Tag folgt dem anderen und endet im Pub an der Steilküste. Es wird musiziert, dann, nächsten Morgen, wird das Nutzvieh versorgt, und pünktlich um 14 Uhr am Nachmittag holt einer wie Padraic seinen besten Freund von zuhause ab, um gemeinsam ein oder mehrere Guinness zu heben. Viel mehr passiert hier nicht. Langweilige Menschen tun langweilige Dinge. Aber das ist schön so. Und vertraut. Und jeden Tag aufs Neue Grund genug, dafür aus den Federn zu kommen. Doch eines Tages, es ist der erste April des Jahres 1923 – der Krieg am Festland liegt in den letzten Zügen – ist alles anders. Padraics Freund Colm kündigt die Freundschaft. Einfach so. Das dumme Gerede des einen, so meint er, stehle ihm viel zu viel Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens. Für Kunst. Und Musik. Padraic versteht das nicht, da er nichts getan hat, was sein Gegenüber so harsch und gemein werden lässt. Doch für Nettigkeit ist noch niemand in die Geschichte eingegangen, so Colm. Padraic lässt jedoch nicht locker. Will wissen, was da vorgeht und kann es nicht akzeptieren, dass der brummige Geigenspieler einfach nur seine Ruhe haben will. Wer nicht locker lässt, provoziert. Und der Krieg jenseits des Meeres scheint auf die Gemüter der beiden Sturköpfe abzufärben.

    Mit The Banshees of Inisherin (Banshees sind weibliche Geister aus der irischen Mythologie) hat McDonagh wohl einen der ungewöhnlichsten Filme über Freundschaft geschaffen, die man sich nur vorstellen kann. Und obendrein gleich noch eine Allegorie gesetzt, die das Wesen des Krieges widerspiegeln soll, wie Schatten auf einer Höhlenwand. In Wahrheit gibt es keinen Grund für Konflikte, es sind lediglich die Folgen von Ignoranz, Kränkung und fehlender Weitsicht. Von krankhafter Sturheit und fehlendem Respekt. Dabei wird klar: Die Absenz der Nettigkeit hat vieles verursacht, was sich locker hätte vermeiden lassen. Sowohl im Kleinen als auch in der Weltpolitik. McDonagh sucht die Wurzel des Übels im Kleinen und zaubert daraus einen zutiefst komischen, aber auch so richtig makabren Schwank, der in herzhaften Dialoggefechten und dann wieder lakonischen Szenen seine Vollendung findet. The Banshees of Inisherin ist so urtümlich irisch wie der St. Patricks Day, suhlt sich in grünen Landschaften, irischer Volksmusik und jeder Menge Schwarzbier. Lässt die Brandung an die Felsen brechen und das Vieh ins Haus. Blut wird fließen, grimmige Konsequenzen durchgezogen, als wäre Verbohrtheit ein hehres Ziel. Und bei diesem Duell zwischen dem Harten und dem Zarten laufen nach Brügge sehen… und sterben die beiden Vollblütakteure Brendan Gleeson und Colin Farrell zur Höchstform auf. Bei Gleeson war mir ohnehin längst klar: dieser Mann war nicht nur als Harry Potter-Einauge Mad Eye Moody eine Offenbarung, sondern viele seiner Filme – vorrangig das Priesterdrama Am Sonntag bist du tot – wurden erst durch die Wucht seines Schauspiels nachhaltige Werke. Bei Colin Farrell ist nach dieser Performance nun auch jeder ZWeifel ausgeräumt: der diesjährig bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnete Brite setzt uns seine bislang beste und eingängigste Leistung vor. Der verstörte, ungläubige Blick, als Padraic erfährt, dass ihn Colm nicht mehr mag, zählt jetzt schon für mich zu den stärksten Interpretationen eines emotionalen Zustands. Und dann dreht er nochmals auf – ist wütend, resignierend, in seiner Einfältigkeit liebevoll charmant und dann wieder herausfordernd. Bis alle Stricke reißen. Wenn das passiert, ist der Bürgerkrieg einfach so auch in dieser beschaulichen Idylle angekommen. Und über allen Absurditäten wandelt eine Banshee die Wege und Hügel entlang, wie eine der Hexen aus Shakespeares Macbeth, die in die Zukunft sehen können.

    The Banshees of Inisherin ist ein Buddy-Movie der besonderen Art. Nicht nur kauzig, schräg und so schwarz wie der tägliche Ausschank, sondern auch auf mehreren Ebenen eine zu Herzen genommene Zurschaustellung einer Menschenwelt, die ohne Respekt und Achtsamkeit nicht funktioniert.
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    30.10.2022
    17:22 Uhr
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    Männerfreundschaften

    Das Trio Martin McDonagh, Colin Farrell und Brendan Gleeson, welches sich bereits vor über zehn Jahren bei "Brügge sehen... und sterben?" als Erfolgsgarant bewiesen hat, liefert mit "The Banshees of Inisherin" erneut eine Tragikkomödie der Extraklasse. Schwarzer Humor, tolle Darsteller* innen, aber auch eine Geschichte, die ans Herz geht, tragen ihr übriges dazu bei. Dank der wunderschönen irischen Landschaft kann der Film auch auf visueller Ebene überzeugen!
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    29.10.2022
    17:13 Uhr
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    (K)ein Freund für die Ewigkeit

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Der Mensch gilt in der Regel als ein soziales Tier: die meisten von uns sehnen sich geradezu nach zwischenmenschlichem Austausch und dem schieren Gefühl von Akzeptanz einer anderen Person oder Gruppe. Freundschaft ist gewiss eines der wertvollsten Güter des Lebens, aber – wie so einige Kostbarkeiten - für gewöhnlich von zerbrechlicher Natur. Der potentielle Verlust nahestehender Menschen ist eine weitverbreitete Furcht, doch eine, der wir alle früher oder später ins Gesicht sehen müssen. Die Liste, warum soziale Gefüge in die Brüche gehen, ist lang und oft irrational: man verzankt sich, zieht in eine neue Stadt oder verliert sich schlicht und einfach aus den Augen. Was also tun, wenn einem urplötzlich und ohne gutem Grund die Freundschaft gekündigt wird? Mit dieser unbequemen Frage muss sich Pádraic (Colin Farell) befassen, der Protagonist im neuen Spielfilm des irischen Dramatikers Martin McDonagh.

    Auf der abgelegenen Insel Inisherin führt er im frühen 20. Jahrhundert ein eigentlich unkompliziertes Leben. Es braucht nicht viel, um den Milchmann glücklich zu machen: unbekümmert wandert er durch die felsigen Landschaften, sorgt sich liebevoll um seinen Miniaturesel und macht gelegentlich einen Abstecher in das lokale Pub. Teil seiner Tagesroutine ist es, sich ebendort mit seinem vermeintlich besten Kumpel, dem etwas älteren und weiseren Colm (Brendan Gleeson), auf ein Bier zu treffen. Auf einmal zeigt ihm der passionierte Geiger aber die kalte Schulter – ein Umstand, der Pádraic besonders nahegeht. Warum verhält sich sein langjähriger Freund plötzlich so abweisend ihm gegenüber? Der eigentlich so sorgenfreie Einheimische sieht sich auf einmal mit menschlichen Abgründen konfrontiert, die sein komplettes Weltbild erschüttern. Er wird auf einen dunklen Pfad entsandt, auf dem abgetrennte Finger, brennende Häuser und andere Grausamkeiten seinen Alltag grundlegend auf den Kopf stellen.

    Bei „The Banshees of Inisherin“ handelt es sich um die erst vierte Spielfilmarbeit von Martin McDonagh, der ursprünglich aus der Theaterszene stammt. In seinem neuen Film verrührt der 52-Jährige einmal mehr bitterbösen Galgenhumor mit den tieftraurigen Beobachtungen eines ländlichen Mikrokosmos. Nach einem erfolgreichen Zwischenausflug nach Hollywood mit „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist der gebürtige Ire für sein aktuelles Werk wieder in die Heimat zurückkehrt. Mit Colin Farrell und Brendan Gleeson hat sich der Regisseur ein exzellentes Duo aus Charakterdarstellern zurück ins Boot geholt, das er bereits 2007 in einem anderen seiner Filme zur Höchstform geleitet hatte: „Brügge sehen und sterben?“. Die erneute Zusammenarbeit kommt weit ruhiger und vergleichsweise antiklimaktisch daher, entfaltet aber einen ähnlich kraftvollen Sog. Wie kaum ein anderer, balanciert McDonagh weiterhin spielerisch zwischen pechschwarzer Komik und nahegehender Tragik – auch wenn hier die Lacher mit jeder Minute an Laufzeit, die verstreicht, vermehrt im Halse stecken bleiben. Anfangs noch makabre Späße haben drastische Folgen für den Plotverlauf. Die Wandlung vom überglücklichen Simpel hin zum verbitterten Realisten spielt Farrell mit hinreißender Naivität – Gleeson gibt das kalte Gegenstück nicht minder überzeugend und lässt auch Momente von menschlicher Wärme aufblitzen. Pádraic wird zum Paradebeispiel dafür, wie Ablehnung und Isolation selbst das unbekümmertste Gemüt brechen können. In einer Nebenrolle geht Kerry Condon als dessen intellektuell überlegenere aber überaus sorgsame Schwester Siobhán auf. Anhand von melancholisch-poetischen Aufnahmen spiegelt sich der Sprung von Sorglosigkeit zu Tristesse auch in der Bildsprache wider.

    Letztlich kann das alles ebenfalls als zugegeben etwas schwammige Kriegsparabel gelesen werden. Im Hintergrund hört man immer wieder Bomben auf der irischen Hauptinsel in die Luft gehen, wo 1923 der Bürgerkrieg herrschte. Inisherin erscheint hingegen als paradiesischer Zufluchtsort fern von Hass und Totschlag, oder? Fehlanzeige! Die Abkapselung vor Leid und Terror erweist sich als Utopie, das Unentrinnbare holt einen früher oder später ein – in welcher Form auch immer. Und diese zunächst unerwartete Schwermut lässt McDonaghs eindringliche Dramedy über zerplatzte Männerfreundschaften noch lange nach der Sichtung nachhallen.
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    07.09.2022
    10:34 Uhr