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  • Bewertung

    Ein therapeutisches Experiment als Psychodrama

    Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
    Der kanadische Regisseur Denis Côté ist mit seinen Filmen ein gern gesehener Gast auf internationalen Filmfestivals. Sein jüngstes Werk „Un été comme ça – That Kind of Summer“ war bei der heurigen Berlinale im Wettbewerb um den Goldenen Bären vertreten und in Österreich nun im Rahmen der Viennale zu sehen.

    Côté stellt in „Un été comme ça“ ein ungewöhnliches Therapieformat ins Zentrum seiner Erzählung. Drei junge Frauen, deren psychiatrische Diagnosen mit Hypersexualität in Verbindung stehen, verbringen 26 Tage gemeinsam mit einer Therapeutin, einem Sozialarbeiter und einer Köchin in einem abseits vom städtischen Trubel gelegenen Anwesen. Ruhe, gemeinsame Aktivitäten und Gespräche sollen Léonie, Eugénie und Geisha helfen, sich mit ihrem von der Norm abweichenden Verhältnis zu Sex oder vielmehr mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das Programm findet erst zum zweiten Mal statt und wird von der deutschen Gasttherapeutin Octavia geleitet, da die Gründerin gerade ein Kind erwartet.

    „Es könnte ein wenig lang werden“, wird den Teilnehmerinnen am Anfang der 26 Tage gesagt. Das trifft trotz des ungewöhnlichen Themas und der vielversprechenden Ausgangssituation zum Teil auch auf den Film selbst zu. Côté hat sich für „Un été comme ça“ ein eher sprödes Gebiet ausgesucht, das weder leicht zugänglich noch leicht verdaulich ist. Nach der Vorstellung des Therapieformats lernen Zuschauer*innen schon Léonie, Eugénie und Geisha und deren Diagnosen kennen. Eugénie kann sich ihrer Zwangsgedanken sexueller Natur kaum erwehren, Geisha kämpft mit sexuellen Zwängen und Léonie ist süchtig nach gewaltvollem Sex mit unzähligen Partnern. Ihrer Therapeutin vertrauen die jungen Frauen bald mehr über ihr Leben und ihre Gefühle an. Diese Vorgeschichten sind eng mit ihrem problematischen Verhältnis zu Sexualität verbunden. Das An- und Aussprechen von Erlebnissen, Fantasien und Gedanken ist ein Schritt im Therapieprogramm, das keine endgültige Heilung verspricht. Côté schlachtet dieses Element schier endlos aus, was letztendlich psychologisch-voyeuristisch daherkommt: Wenn die Teilnehmerinnen ihre Lebensgeschichten erzählen, können sowohl die anderen Figuren als auch die Zuschauer*innen vor der Leinwand mithören und tief ins Innerste der jeweiligen Erzählerin eintauchen. Das ist anfangs interessant, wird jedoch immer mehr gesteigert – bis die Geschichten und Szenen nur noch wie eine Ansammlung an möglichst außergewöhnlichen, gewalttätigen und ausgefallenen sexuellen Praktiken und Erlebnissen wirken. Gewollt provokant vielleicht?

    Die Kamera ist ständig nah bei den Protagonistinnen, was den voyeuristischen Effekt verstärkt. Gefühlsregungen werden fast ausschließlich anhand von Close-ups gezeigt und festgehalten. An Detail- und Nahaufnahmen wird nicht gespart. Côté orientiert sich bei der Inszenierung von „Un été comme ça“ am semidokumentarischen Verité-Stil. Unterstützt wird dieser Anspruch des Wahrheitskinos von der Herangehensweise der Schauspielerinnen an ihre Rollen. Laure Giappiconi, die Eugénie verkörpert, erzählt bei der Viennale, dass es künstlerischen Austausch mit Regisseur Côté gegeben habe. Sie erklärt, dass sie und einige Kolleginnen zudem die Psychologie hinter den Figuren recherchiert und Gespräche mit Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Sexarbeiter*innen geführt hätten.

    Man kann Côté und seinem Team definitiv nicht vorwerfen, leichtfertig und allzu ausbeuterisch mit dem heiklen Thema umzugehen. Auch wenn häufig Nacktheit, aggressive Sexualität und sexuelle Praktiken zumindest angesprochen, manchmal explizit gezeigt werden, ist der Blick ein neugieriger, nicht verurteilender. Anhand von Vorgeschichten und analytischen Gesprächen wird versucht, zu zeigen, was hinter Gang-Rape-Fantasien, einem Faible für Bondage oder Sex-Sucht stecken kann.

    „Un été comme ça“ ist kein angenehmer, eher ein nachdenklich stimmender Blick auf als abnormal abgestempelte (und psychiatrisch diagnostizierbare) sexuelle Verhaltensweisen von Frauen. Obwohl der Film keinen herabwürdigenden Blick auf die Protagonistinnen wirft, ihre Geschichten eher so genau und fassbar wie möglich herausarbeitet, hat er einen bitteren Beigeschmack. Der Fokus auf diese außergewöhnlichen sexuellen Praktiken und den sexualisierten weiblichen Körper sowohl im Dialog als auch im Bild scheint die Figuren eher auf ihre Diagnosen zu reduzieren. Das mag gewollt sein, zeigt den gewaltigen Einfluss von Zwangsgedanken und Ähnlichem auf den Alltag. Es nimmt den Protagonistinnen aber gleichzeitig viel von ihrer Individualität, von ihrer Persönlichkeit.

    Das Erzähltempo des Films ist eher gemächlich, es gibt wenig Konfliktpotenzial, das die Handlung vorantreiben könnte. Das sorgt ein wenig für Spannungsarmut. Vielleicht hat die Ausgangssituation von „Un été comme ça“ auch einfach zu viel versprochen… In den anfänglichen Gesprächen zwischen der Gründerin des Programmes und der deutschen Gasttherapeutin ist etwa deutliche Anspannung zu spüren, das mögliche Scheitern wird angesprochen. Côté entwickelt diese Idee kaum weiter beziehungsweise lässt das Therapieprogramm eher reibungslos ablaufen: Gespräche, Aktivitäten wie Spaziergänge und gemeinsame Mahlzeiten wechseln einander ab. Bis auf ein bisschen Alkohol, die einmalige Konsumation illegaler Drogen und provozierendes Flirten mit dem Sozialarbeiter, dem einzigen Mann im Haus, benehmen sich die weiblichen Teilnehmerinnen eher brav. Sie öffnen sich und erzählen, sind nicht aufmüpfig oder schalten gar auf stur. So kann wenig Entwicklung stattfinden.

    Spannung bietet „Un été comme ça“ hauptsächlich aufgrund der kontroversen Thematik rund um die (ab)normale Sexualität von Frauen. Das Eintauchen in die Psyche der Teilnehmerinnen gibt einen interessanten Einblick, nutzt sich mit Fortdauer des Films jedoch ein wenig ab und wirkt wie auf Provokation getrimmt. Die Ausgangssituation des Films verspricht definitiv mehr als das Drama schlussendlich einlöst.
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    30.10.2022
    21:06 Uhr
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