Filmkritik zu Erde

Bilder: Stadtkino Fotos: Stadtkino
  • Sandkastenspiele im Großformat

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Mit seinem neuen Film „Erde“ zeichnet Regisseur Nikolaus Geyrhalter ein Bild von Großbaustellen rund um den Globus und damit auch die Handschrift, die der Mensch auf der Erde hinterlässt. Große Männer in großen Maschinen sind da zu sehen, die wenn man die Massen an Material betrachtet, wieder sehr klein wirken. Anfangseinstellungen zu jeder neuen Baustelle sind Luftaufnahmen, die die Location in ihren Umrissen zu fassen versuchen. In diesen Bildern wirken die Maschinen, die zur Ressourcengewinnung benutzt werden wie Spielzeuge in einer riesigen Sandkiste.

    Die Baustellen die in Film zu sehen sind befinden sich dabei in Kalifornien, Österreich, Ungarn, Italien, Spanien und Kanada. Man nähert sich jeder Baustelle auf dieselbe Weise: Zunächst gibt es die Aufnahmen aus der Luft, dann werden die Maschinen abgebildet, die zum Abbau des Materials verwendet werden, um zum Schluss den Menschen hinter alldem zu begegnen. Diese Herangehensweise hat etwas von einem Zoom, der einem langsam aber sicher die Details, die sich im Bild verstecken, zu erkennen gibt.

    Die Details, die ich hiermit meine, sind die Einstellungen derjenigen Menschen zum Ressourcenabbau, die auf diesen Baustellen arbeiten. Die Aussagen, der zum allergrößten Teil männlichen Arbeiter, reichen dabei von Machtgefühl, über Skepsis zu schlichter Resignation. Hier scheint Geyrhalter auch einen Bogen zu ziehen. Zu Beginn sind die Aussagen noch eher scherzhaft oder abweisend, im Sinne von: Wenn wir es nicht machen würden, würde es jemand anderes machen. Mit Fortgang des Films werden die Protagonisten aber nach und nach selbstkritischer.

    Interessant ist dabei, dass jeder der Arbeiter sich über den Eingriff in die Natur bewusst ist und sich eine andere Entwicklung wünschen würde. Die beinahe einhellige, aber leider unvermeidbare, Antwort auf das Ganze ist, dass es zu viele Menschen mit zu vielen Bedürfnissen auf der Welt gibt. So muss einfach immer mehr Platz für neue Wohnungen geschaffen, immer mehr Kohle für Energiezwecke abgebaut und immer mehr Material für alle möglichen Waren geliefert werden.

    Ein Arbeiter gibt im Laufe des Films einmal auf die Frage: „Are there any limits?“ die einfache Antwort: „No, only the ones you gave yourself.“ Unser Fortschrittsbewusstsein drängt unsere Gesellschaft in viel höherem Tempo voran als noch vor ein paar Jahren und diese Entwicklung steigt zunehmen an. Eine große Skepsis gegenüber dem menschlichen Handeln weht einem mit dem Film „Erde“ regelrecht entgegen. Und man wird auf eindrückliche Weise daran erinnert, dass wir diesen rigorosen Ressourcenabbau nicht auf alle Zeiten betreiben können. Im Film geht es einmal um den Fall des römischen Reiches, dass obwohl hochentwickelt trotzdem zerbrochen ist. Man will sich gar nicht vorstellen wie hoch der Fall unserer Gesellschaft mittlerweile wäre. Wie alle Filme von Nikolaus Geyrhalter ein zutiefst eindringliches Werk, das nach Verbreitung schreit und diese auch verdient hat. Absolute Kinoempfehlung!
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    (Daniel Pramberger)
    06.04.2019
    16:37 Uhr

Erde

Österreich 2019
Regie: Nikolaus Geyrhalter
AT-Start: 17.05.2019  (noch 21 Tage)