Uncut live von der Berlinale 2019

Filmkritik zu Flatland

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Verspielte Western-Farce mit politischen Untertönen

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2019
    Was eigentlich der schönste Tag ihres Lebens sein sollte, artet für die junge Südafrikanerin Natalie (Nicole Fortuin) zur reinen Qual aus. Nachdem ihr frischgebackener Ehemann sie in ihrer Hochzeitsnacht gegen ihren Willen zu Sex nötigt, haut sie von zuhause ab und begeht dabei im Affekt einen Mord an einem Priester, der schon bald Konsequenzen mit sich ziehen wird. Gemeinsam mit ihrer hochschwangeren Kindheitsfreundin Poppie (Izel Bezuidenhout) und ihrem geliebten Pferd flüchtet sie vor dem Gesetz quer durch die südafrikanische Prärie. Es dauert nicht lang und schon bald ist den beiden die Polizistin Beauty (Faith Baloyi) dicht auf den Fersen, die zur selben Zeit selbst von Geistern aus der Vergangenheit eingeholt wird.

    Der südafrikanischen Filmemacherin Jenna Cato Bass ist mit ihrem neuen Werk „Flatland“, das heuer die Panorama-Schiene der Berlinale 2019 eröffnen durfte, ein rasanter Genre-Mix mit hoch-relevanten gesellschaftspolitischen Untertönen gelungen.

    Bass hat es in ihrem Film tatsächlich gemeistert, mehrere Genres miteinander zu kreuzen, ohne dabei den organischen Verlauf der Handlung zunichte zu machen. Der Film beginnt noch als seriöses Drama, wird dann zwischendurch zum leichtfüßigen Roadmovie, bekommt dann in der zweiten Hälfte wieder einen ordentlichen Schuss Ernsthaftigkeit verliehen und wird spätestens im letzten Drittel zu einem waschechten Neo-Western, in dem sogar das Genre-klassische Shootout nicht fehlen darf. Der Film schafft es das authentische Flair, das anfangs etabliert wird - trotz der unterschiedlichen Genres, in die der Plot abschweift - weitestgehend zu bewahren und hinterfragt dabei stets gesellschaftliche Normen des 'modernen' Südafrikas. So zeigt Bass in ihrem Film mit einer rauen Prise Realismus auf, wie sexistische und rassistische Verhaltensweisen auch noch im Südafrika des 21. Jahrhunderts an der Tagesordnung stehen. Dabei werden stereotype Geschlechterverhältnisse klassischer Western-Filme dekonstruiert und starke Frauenfiguren geschaffen, die den patriarchalen Machtstrukturen ihres Landes strotzen. Schauspielerisch kann der gesamte Cast überzeugen, besonders sind aber die feinfühligen und durchwegs natürlichen Schauspieldarbietungen von Nicole Fortuin und Faith Baloyi hervorzuheben. Auch auf technischer Ebene weiß der Film mit einer stylishen Umsetzung zu punkten, dessen lebhafte Kinematographie ein authentisches Setting erzeugt. Ebenfalls weiß die musikalische Untermalung zu überzeugen, die zumeist aus Songs besteht, die im Film selbst im Radio zu hören sind und auf diegetischer Ebene passend zum Einsatz kommen.

    Es sei jedoch durchaus zu kritisieren, dass der Film zunehmend an Fokus verliert und sich am Ende nicht mehr ganz im Klaren zu sein scheint, welcher Charakter denn nur der eigentliche Protagonist ist.

    Abseits dessen lässt sich aber sagen, dass Jenna Cato Bass mit „Flatland“ eine kurzweiligen wie auch hoch-unterhaltsame Neo-Western-Farce mit erfrischend ungewöhnlichem Südafrika-Setting und einer hoch-relevanten Prise Gesellschaftspolitik geschaffen.

    Ein würdiger Auftakt für das diesjährige Panorama-Programm!
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    (Christian Pogatetz)
    08.02.2019
    09:00 Uhr