Filmkritik zu Joker

Bilder: Warner Bros Fotos: Warner Bros
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    Send in the Clowns

    Exklusiv für Uncut von den Filmfestspielen in Venedig
    Wohl kaum ein anderer Comic-Bösewicht genießt popkulturell betrachtet so viel Beliebtheit wie Batmans liebster Widersacher: der Joker. Auch in Kino- und TV-Produktionen gab es die populäre DC-Figur schon in mehreren Inkarnationen zu sehen: angefangen bei Jack Nicholson in Tim Burtons 80er-Jahre „Batman“-Verfilmung, über Mark Hamills phänomenaler Synchronarbeit in der animierten Serie (und den „Arkham“-Videospiel), hin zu Jared Letos desaströser Interpretation der Figur im Totalausfall „Suicide Squad“. Jedoch keine andere Darstellung des anarchischen Psychopathen mit Clownsschminke wurde derart mit Lobpreisungen überschüttet wie die des 2008 verstorbenen Heath Ledger, dessen unvergessliche Performance posthum sogar mit einem Oscar als „Bester Nebendarsteller“ geehrt wurde. Aufgrund Ledgers schauspielerischer Meisterleistung traute sich – abgesehen vom kläglich gescheiterten Leto – seither kein anderer Schauspieler an die Figur heran. Die anfängliche Skepsis war also hoch, als vor wenigen Jahren die Nachricht eintrudelte, dass ein eigener Joker-Film veröffentlicht werde, der die Ursprünge des Charakters ergründen soll. In Anbetracht dessen, dass einer der wichtigsten Merkmale des Chaos-Clowns stets war, dass man zu keinem Zeitpunkt wissen sollte, wo er ursprünglich herkommt und wie er zu dieser gebrochenen Figur verkommen ist, klang die Vorstellung eines entmystifizierten Jokers umso bedenklicher. Als bekannt wurde, dass niemand geringeres als Schauspiel-Ass Joaquin Phoenix sich der Neuinterpretation des Charakters annehmen würde, verschwand zumindest ein Teil der vorangegangen Skepsis. Was aber weiterhin für verwirrte Blicke sorgte war die Wahl der Regie, die seltsamerweise auf Todd Phillips fiel, der sich zuvor nur einen Namen für Komödien wie der „Hangover“-Reihe oder „War Dogs“ machte. Je mehr Marketingmaterial vom Film jedoch veröffentlicht wurde, desto mehr lösten sich die Vorbehalte dem Projekt gegenüber in Luft auf. Die Trailer machten den Anschein, als würde sich der Film meilenweit entfernt von einer Blockbuster-Materialschlacht bewegen und dem Charakter ein ehrenwürdiges, düsteres Porträt bieten.

    Gestern durfte der Film im Rahmen des Wettbewerbs der 76. Filmfestspiele von Venedig seine Weltpremiere feiern. Kann das fertige Produkt nun also die großen Versprechen der Trailer einhalten? Die simple Antwort darauf lautet: „Ja – und wie!“

    Bevor es aber ans Eingemachte geht: Wovon erzählt der Film denn eigentlich? Todd Philipps widmet sich hier in einem wundervollen 80er-Jahre-Setting dem Clown Arthur Fleck (Phoenix), der eigentlich nur Freude und Spaß verbreiten will, für sein exzentrisches Verhalten und missverstandenes mentales Gebrechen meist aber nur Spott und Häme auf sich zieht. Obwohl Arthur noch mit seiner Mutter Penny (Frances Conroy) zusammenlebt, wünscht er sich nichts sehnlicher als eines Tages Stand-up-Comedian zu werden und findet dafür Inspiration in seinem großen Vorbild, dem Talkshow-Host Murray Franklin (Robert De Niro). Da der gebrochene Clown einfach nicht seinen Platz in der Gesellschaft Gothams zu finden scheint und seine Unglückssträhne kein Ende findet, begeht er eine Tat, die eine Kettenreaktion an fragwürdigen Handlungen auslöst.

    In Zeiten von gigantischen Superhelden-Universen der Marke Marvel und DC, fühlt sich „Joker“ schon beinahe wie eine kleine Sensation an. Der Film wirft sich nämlich keinem größeren Comickosmos unter, sondern schafft es komplett auf eigenen Beinen zu stehen. Hardcorefans, die ihre Comicverfilmungen gern detailgetreu haben, sollten aber Acht geben: denn auch, wenn sich „Joker“ lose an Charakteren des Batman-Kosmos bedient, basiert er auf keiner bestimmten vorher dagewesenen Vorlage und gibt dem anarchischen Clown eine völlig neue Origin-Geschichte. Wer allgemein eher klassische Superheldenunterhaltung erwartet, die man sich leicht anschauen kann, sollte auch vorgewarnt sein: Hier handelt es nämlich vielmehr um eine richtig düstere, bedrückende und überraschend gewaltsame Charakterstudie, die lediglich im Deckmantel einer Comicadaption agiert.

    Narrativ wie auch stilistisch orientiert sich Philipps Film klar an Scorsese-esquen Charakterdramen der 70er- und 80er-Jahre, wobei vor allem die Einflüsse von „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“ auffallen. Gleich von Anfang an werden wir als Zuschauer in die durch ein authentisches Setdesign realisierte Welt des Protagonisten hineingezogen und folgen diesem bis zum erschütternden Finale. Dabei gewährt Philipps schon zu Beginn einen Einblick in dessen gebrochene Psyche. Eröffnet wird der Film nämlich von einer längeren Aufnahme, in dem wir Arthur dabei zuschauen wie er mit Clownsmaske falsche Grimassen schneidet, während im Hintergrund via Radio über den Verfall der Gesellschaft in Gotham City berichtet wird. Das Einzigartige des Ganzen: Obwohl der Zuschauer schon erahnen dürfte, welche Wandlung Arthur noch durchlaufen wird, schafft es Philipps einen empathischen Zugang zur Figur zu finden, der einen zunächst mit dem sichtlich gebrochenen und an starken psychischen Problemen leidenden Mann mitfühlen lässt. Arthur fühlt sich hintergangen von der Gesellschaft - als hätte er keinen Platz in der Welt - und muss für sein oft missinterpretiertes unkontrollierbares Lachen, das von einer psychischen Erkrankung ausgeht, auch ab und an Prügel einstecken. Dadurch, dass wir zu Beginn Mitgefühl für den Hauptcharakter verspüren, ist es in späterer Folge umso unangenehmer mitanzusehen, wie dieser nach für nach in einen Loch voller bedenklicher Entscheidungen fällt, aus dem er nicht mehr rauskommen kann und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immer mehr ineinander verschwimmen. Die Konsequenzen, die seine Taten mit sich bringen, behält Arthur aber durch sein verzerrtes Weltbild nicht mehr im Auge und realisiert die Folgen erst spät.

    Ähnlich wie (vermutlich) leider zahlreiche Leute, den Film nach seiner weltweiten Veröffentlichung falsch aufnehmen und für böse Zwecke missbrauchen werden, passiert dasselbe innerhalb des verkappten Mikrokosmos des Charakterdramas. Zwar wird hier ab und an ein Klassenkampf zwischen Reich und Arm suggeriert – der wohlhabende Gegenpol zu Arthur ist niemand geringeres als eine neue Version von Thomas Wayne – aber dennoch lässt Philipps hier die klassischen Grenzen zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘ so sehr ineinander übergehen, dass es dem Zuschauer kaum mehr möglich ist, sich auf eine Seite zu stellen. „Joker“ geht erzählerisch gesehen für eine Blockbusterproduktion große Risiken ein und präsentiert in seiner ungeschönten Härte eine Gewaltdarstellung, die durch den Realismus, in dem der Film sich bewegt, brachial und angsteinflößend daherkommt.

    Das Ganze würde einen jedoch nur halb so sehr in seinen Bann ziehen, wäre da nicht ein fantastischer Joaquin Phoenix in der Hauptrolle. Phoenix ist die Antriebskraft des Films und die Intensität, die von seinem körperlich wie auch sichtlich psychisch forderndem Spiel ausgeht, saugt einen als Zuschauer regelrecht auf. Wenn wir nun beispielsweise einen abgemagerten Phoenix dabei zuschauen, wie er - um ein befreiendes Gefühl zu bekommen - in unheimlicher Manier herumtanzt, wird es deutlich sichtbar mit welcher Hingabe Phoenix sich der Figur angenähert hat. Ebenso Lob gebührt Robert De Niro, der sich als Talkshow-Host Murray Franklin (eindeutig eine Hommage an De Niros eigenen Counterpart aus „The King of Comedy“) in einer schauspielerischen Höchstform zeigt, in der wir die Hollywoodlegende schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen haben und in seinen Szenen mit unwiderstehlicher Energie und Charisma punktet.

    Wir haben Todd Philipps wohl zu lange als Filmemacher unterschätzt. Was für ein Film eignet sich da also für einen (einstigen?) Comedy-Regisseur wohl besser, um der Welt sein Können zu zeigen, als eine Charakterstudie über einen Mann, der realisiert, dass er von seiner Umwelt eher ernst genommen wird, wenn er aufhört, andauernd der Clown zu sein?

    „Joker“ wird für einige seiner gewagten Entscheidungen in der realen Welt wohl von manchen Personen toxischer Natur falsch interpretiert werden und sicherlich auf geteilte Meinungen stoßen. Wer aber schon lange auf einen Comicfilm wartet, der sich nicht zwanghaft in irgendein cinematisches Universum einreihen will, in Realismus verankert ist und sich nicht davor scheut, einen Hauptcharakter bei moralisch verwerflichen Handlungen zuzuschauen, wird hier belohnt werden.

    „Joker“ ist eine tiefgehende Charakter-Studie im Deckmantel einer Comicadaption, die trotz mehrerer Anleihen an andere Filme seine eigene narrative und ästhetische Identität besitzt, mutige Wege geht und von einer darstellerischen Meisterleistung seitens Joaquin Phoenix zur Großartigkeit erhoben wird. Todd Philipps hat den Film geschaffen, den ein Charakter wie der Joker verdient: Pure Anarchie!
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    (Christian Pogatetz)
    01.09.2019
    13:30 Uhr