Die Oscarnominierungen 2019 stehen fest.

Filmkritik zu Tully

Bilder: Thim Filmverleih Fotos: Thim Filmverleih
  • Bewertung

    Die Schattenseiten des Mutterseins

    Exklusiv für Uncut
    Schwanger mit dem dritten Kind und heillos überfordert, trauert Marlo (Charlize Theron) den unbeschwerten Tagen ihrer Jugend hinterher. Während ihr Bruder Craig (Mark Duplass) und dessen Frau das perfekte Leben führen, kämpft Marlo jeden einzelnen Tag. Der Ehemann Drew (Ron Livingston) arbeitet tagsüber, nachts spielt er Videospiele im Bett, und so bleibt der Haushalt und die Kindererziehung an Marlo hängen. Die beiden älteren Kinder, Sarah und Jonah, fordern Marlo von früh bis spät. Ihr Bruder will sie unterstützen, und schenkt Marlo zur Geburt des dritten Kindes eine Night Nanny. Anfangs ist Marlo vehement dagegen, doch mit der Zeit merkt sie, dass es vielleicht keine so schlechte Idee ist, etwas Unterstützung zu bekommen. Marlo blüht auf. Tully (Mackenzie Davis), die Nanny, kümmert sich mit einer gewissen Unbekümmertheit nicht nur um das Neugeborene, sondern achtet auch darauf, dass es der dreifachen Mutter selbst gut geht. Sie wird zu einer guten Freundin und Vertrauten, die Marlo an ihre eigenen Zwanziger erinnert. Alles scheint wieder im Lot - doch für immer so bleiben kann es auch nicht.

    „Tully“ ist das jüngste Werk des erfolgreichen Dream-Teams Diablo Cody (Drehbuch) und Jason Reitman (Regie), und reiht sich, wenn auch ungeplant, in eine Trilogie verdienter Erfolge ein: beginnend mit „Juno“ (2007), gefolgt von „Young Adult“ (2011), in dem Charlize Theron bereits überzeugte. Alle drei Filme haben eine starke weibliche Hauptfigur, und zeigen diese Figuren in verschiedenen Altersgruppen und Lebensabschnitten. Charlize Theron verschafft der Rolle der Marlo eine Tiefe und Realität, die man nur selten sieht. Diablo Cody hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauenrollen zu schreiben, die sie so noch nicht gesehen hat, und das ist ihr mit „Tully“ wieder einmal gelungen. Filme über Männer in den Mittvierzigern, die eine Midlife-Crisis durchmachen, gibt es zu Genüge, doch Frauen sind bisher zu kurz gekommen.

    Das sensible Thema von postpartaler Depression wird hier normalisiert - und man sieht, dass nicht jeder Film, in dem es um Mütter und Familienleben geht, eine heile Welt zeichnen muss. „Tully“ kommt ganz ohne Glanz und Glamour aus, der sonst so über die Kinoleinwand flimmert. Der Film zeigt sowohl die schönen und berührenden, vor allem aber die hässlichen und anstrengenden Momente des Mutterseins mit allem was dazugehört. Und das mit einer guten Prise Witz und Sarkasmus. Denn so nervenaufreibend gewisse Momente auch sind, lässt sich die Komik dieser Momente einfach nicht leugnen.

    „Tully“ ist realistisch, berührend, und zeigt eine erfrischend normale Welt mit einer Hauptfigur, die ihr Leben nach den eigenen Regeln lebt und mit Veränderung zu kämpfen hat. Wir sehen wie schwer es ist, sein Glück zu finden, aber dass es nicht unmöglich ist.
    (Barbara Sorger)
    30.05.2018
    14:15 Uhr
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