3 Einträge
4 Bewertungen
83.8% Bewertung
  • Bewertung

    Eine Ode an die Mutterschaft

    Jason Reitman galt einst als eine der heißen neuen Stimmen des Independent-Kinos. Der Sohn von „Ghostbusters“-Regisseur Ivan Reitman präsentierte sich mit mehrfach preisgekrönten Werken wie „Juno“ (2007) oder „Up in the Air“ (2007) zu Beginn seiner Karriere als Filmemacher mit sehr feinfühligen Gespür für die authentische Darstellung sensibler Alltagsprobleme. In den letzten Jahren schien Reitman jedoch ein wenig in einer kreativen Blockade festzustecken, denn seine letzten beiden Filme „Labor Day“ (2013) und „Men, Women and Children“ (2015) strotzten nur so vor mittelmäßiger Melodramatik. Nach vierjähriger Spielfilm-Pause kehrt Reitman nun mit dem Drama „Tully“ wieder zum Filmemachen zurück. Dabei handelt es sich um die erste Zusammenarbeit zwischen Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody (gewann den Oscar für das Drehbuch zu Reitmans „Juno“) seit dem 2011 erschienenen „Young Adult“.

    Das Ergebnis? Das kann sich durchaus sehen lassen! Mit „Tully“ finden sowohl Reitman als auch Cody tatsächlich zu alter Stärke zurück und liefern einen empathischen wie zugleich auch unbeschönigten Blick auf die Höhen und Tiefen des mütterlichen Daseins. Tonal schwankt das Drama zwischen rauen Realismus und einer fast schon märchenhaften Erzählweise, was jedoch nicht immer Hand in Hand geht. Besonders im letzten Drittel erwartet den Zuschauer ein stark an den Haaren herbeigezogener Plotpunkt, der zwar als geschickte Metapher gelesen werden, sich jedoch dramaturgisch nicht in das authentische Flair einreiht und dadurch (zumindest auf mich) stark forciert wirkte. Dabei handelt es sich jedoch um meinen einzigen gröberen Kritikpunkt. Abgesehen davon ist Reitmans neues Werk eine wundervoll mitfühlend erzählte Charakterstudie, die ihre realistische Atmosphäre besonders aus dem fantastisch facettenreichen Spiel von Charlize Theron in der Hauptrolle bezieht. Sehenswert!
    chrostv_39178447dd.jpg
    04.06.2018
    23:48 Uhr
  • Bewertung

    Schwester innerlich

    Über die Interpretation des Films kann man sicherlich diskutieren. Über den Mut zur Fettleibigkeit von Charlize Theron (Marlo), sonst eine der schönsten Frauen der Welt, nicht. Und um es gleich vorweg zu nehmen, es soll auch hier nicht verraten werden, wer oder was die titelgebende Tully hier ist.
    Die meisten verstehen den gestressten Alltag einer überforderten Mutter von zwei kleinen Kindern, der Bub ist autistisch, das neugeborene, dritte Kind schreit viel und lässt Mutter kaum schlafen. Der Haushalt versifft. Sex mit dem überarbeiteten Ehemann Drew (Ron Livingston) gibt es schon lange nicht mehr. Kurz vor ihrem Zusammenbruch kommt die Lösung in Form einer Night Nanny (Mackenzie Davies).
    Ab jetzt ändert sich alles: die Nanny räumt auf, backt, putzt, Mutter bekommt ihren Schlaf. Sie und das Kindermädchen werden echte Freundinnen, alles läuft wie geschmiert. Mein Nachbar war z.B. begeistert von dem flotten Dreier, den man gar nicht so genau sehen kann. Als die Mädels einen Draufmachen, erklärt das Kindermädchen, dass sie aufhören wird. Doch bevor die geht, verunglücken beide mit dem Auto. Marlo total lädiert wacht im Krankenhaus auf. Zuvor hatte sie noch ihre möglichen Träume/die Nanny leicht verschwommen unter Wasser in Form einer Nixe davondriften sehen (diese Einstellung sah man mehrmals zuvor!) Völlig unversehrt sitzt die Nanny an ihrem Bett. Als an der Krankenhauspforte Marlos Mädchenname verlangt wird, nennt ihn Drew.
    Vergleichbar mit dem ‘Zug des Lebens‘ von Radu Michaileanu könnte alles nur ein Problem in Marlos Kopf gewesen sein. Es gibt mehrere Hinweise, die darauf hindeuten. Aber wie kann das sein, fragte sich und mich mein Nachbar? Ansichtssache!
    8martin_e22b775d46.jpg
    02.06.2018
    13:07 Uhr
  • Bewertung

    Die Schattenseiten des Mutterseins

    Exklusiv für Uncut
    Schwanger mit dem dritten Kind und heillos überfordert, trauert Marlo (Charlize Theron) den unbeschwerten Tagen ihrer Jugend hinterher. Während ihr Bruder Craig (Mark Duplass) und dessen Frau das perfekte Leben führen, kämpft Marlo jeden einzelnen Tag. Der Ehemann Drew (Ron Livingston) arbeitet tagsüber, nachts spielt er Videospiele im Bett, und so bleibt der Haushalt und die Kindererziehung an Marlo hängen. Die beiden älteren Kinder, Sarah und Jonah, fordern Marlo von früh bis spät. Ihr Bruder will sie unterstützen, und schenkt Marlo zur Geburt des dritten Kindes eine Night Nanny. Anfangs ist Marlo vehement dagegen, doch mit der Zeit merkt sie, dass es vielleicht keine so schlechte Idee ist, etwas Unterstützung zu bekommen. Marlo blüht auf. Tully (Mackenzie Davis), die Nanny, kümmert sich mit einer gewissen Unbekümmertheit nicht nur um das Neugeborene, sondern achtet auch darauf, dass es der dreifachen Mutter selbst gut geht. Sie wird zu einer guten Freundin und Vertrauten, die Marlo an ihre eigenen Zwanziger erinnert. Alles scheint wieder im Lot - doch für immer so bleiben kann es auch nicht.

    „Tully“ ist das jüngste Werk des erfolgreichen Dream-Teams Diablo Cody (Drehbuch) und Jason Reitman (Regie), und reiht sich, wenn auch ungeplant, in eine Trilogie verdienter Erfolge ein: beginnend mit „Juno“ (2007), gefolgt von „Young Adult“ (2011), in dem Charlize Theron bereits überzeugte. Alle drei Filme haben eine starke weibliche Hauptfigur, und zeigen diese Figuren in verschiedenen Altersgruppen und Lebensabschnitten. Charlize Theron verschafft der Rolle der Marlo eine Tiefe und Realität, die man nur selten sieht. Diablo Cody hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauenrollen zu schreiben, die sie so noch nicht gesehen hat, und das ist ihr mit „Tully“ wieder einmal gelungen. Filme über Männer in den Mittvierzigern, die eine Midlife-Crisis durchmachen, gibt es zu Genüge, doch Frauen sind bisher zu kurz gekommen.

    Das sensible Thema von postpartaler Depression wird hier normalisiert - und man sieht, dass nicht jeder Film, in dem es um Mütter und Familienleben geht, eine heile Welt zeichnen muss. „Tully“ kommt ganz ohne Glanz und Glamour aus, der sonst so über die Kinoleinwand flimmert. Der Film zeigt sowohl die schönen und berührenden, vor allem aber die hässlichen und anstrengenden Momente des Mutterseins mit allem was dazugehört. Und das mit einer guten Prise Witz und Sarkasmus. Denn so nervenaufreibend gewisse Momente auch sind, lässt sich die Komik dieser Momente einfach nicht leugnen.

    „Tully“ ist realistisch, berührend, und zeigt eine erfrischend normale Welt mit einer Hauptfigur, die ihr Leben nach den eigenen Regeln lebt und mit Veränderung zu kämpfen hat. Wir sehen wie schwer es ist, sein Glück zu finden, aber dass es nicht unmöglich ist.
    30.05.2018
    14:15 Uhr