Müll Mates
Müll Mates - Commando

Müll Mates - Commando

Die zehnte Ausgabe der Uncut-Trash-Aficionados! Dies ist wohl der beste Anlass um sich im Speziellen mit unserem Lieblingsfilm „Phantom Kommando“ und im Allgemeinen mit der politischen Komponente des 80er-Jahre-Actionkinos auseinanderzusetzen
Lieber P,

ein Film der unsere Freundschaft (des schlechten Geschmacks) von Anfang an begleitet hat, ist der 80er-Jahre-Actionfilm „Phantom Kommando“. Natürlich spielt einer der größten Stars dieses Genres, Lieblingssteirer Arnold Schwarzenegger, die Hauptrolle. Man sollte die Actionfilme der 80er aber nicht auf dessen kluge Filme „Terminator“ oder „Running Man“ reduzieren, denn im Gegensatz dazu ist ein Großteil der Storys der Filme dieser Gattung bloß Mittel zum Zweck – und das ist, möglichst viele (blutige) Gefecht- und Kampfszenen zu zeigen. Dazwischen garniert man diese am liebsten mit markigen Sprüchen und einer kleinen Liebesgeschichte, bei welcher der Protagonist das Weibchen am Ende mit nachhause nimmt. Deswegen ist für mich „Phantom Kommando“ das beste Beispiel des 80er-Jahre-Actionkinos, das diese Art und Weise des Erzählens gar nicht zu kaschieren versucht, sondern, ganz im Gegenteil, abfeiert. Auch der Soundtrack, ist einer der ehrlichsten dieses Genres. Oscarpreisträger James Horner („Titanic“) liefert hier ein wahres Feuerwerk an Steel Drum-, Saxophon- und Synthie-Sounds ab, für welches er in Wahrheit den Oscar bekommen hätte sollen. Oder wie siehst du das?

Don't disturb my friend, he's dead tired,
J
Ey J,



„Phantom Kommando“ – eine Eskalation von einem Film. Bereits der Anfang gibt die Richtung vor und passt wie kein zweiter zu unserer Kolumne. Denn es ist bezeichnenderweise ein Müllwagen, der eine Überhöhung auf sämtlichen Ebenen eröffnet. Das von dir erwähnte Abfeiern von Randomness zeigt sich dabei auch technisch. Dabei sticht vor allem die kontinuierliche Ignorierung der Achse ins Auge. Denn was jeder Filmstudent im Schnitt zu vermeiden lernt, setzt Regisseur Mark L. Lester wohl gezielt ein. Und so sorgen gezählte 28 Achsensprünge für teilweise völlige Desorientierung im Geschehen (Exkurs: Ein Achsensprung ist ein Filmschnitt, mit dem eine imaginäre Handlungsachse, beispielsweise zwischen zwei Gesprächspartner, übersprungen wird). Dazu kommen noch 12 nicht gerade schön anzusehende Zooms - und teilweise sogar Zooms in Zooms. Und so fährt ein Auto schon mal von links nach rechts, nur um im nächsten Bild wieder von rechts nach links zu fahren. Arnie schießt irgendwo hin und irgendwo fallen Typen mit aufgeklebten Bärten um, die Soldaten des südamerikanischen Fake-Landes Val Verde verkörpern sollen. Ja genau: jenes Val Verde, in dem auch „Predator“ spielt und das unter anderem in „Stirb langsam 2“ vorkommt - eben Filme, die auch von Steven E. De Souza geschrieben oder von Joel Silver produziert wurden. Dass Arnie aus einem fliegenden Flugzeug in knietiefes Wasser springt und 80s-Parade-Bösewicht Bennet alias „Freddie Mercury des Actionkinos“ ein klimperndes Kettenhemd trägt, das sich bei genauerer Betrachtung als Strickpulli entlarvt, passt da nur ins Konzept. Fun Facts über Fun Facts - ich glaube man merkt bereits, dass wir große Fans des Films sind...

Why don't they just call him Girl George?
P
Lieber P,

absolut! Und wenn du schon den Antagonisten ansprichst: Das Mainstream-Kino war immer schon dafür bekannt, abseits der gesellschaftlichen Norm stehende Individuen als Bösewichte einzusetzen. Bennett ist jedoch in einer solchen Art und Weise homoerotisch inszeniert, dass der Film seine scheinbare homophobe Ideologie offen Preis gibt. So (technisch) schlecht inszeniert man „Phantom Kommando“ halten kann oder muss, trotz allem sollte man die subversive Kraft der Überhöhung nicht minder Wert schätzen. Soll meinen: Auch, dass Schwarzeneggers John Matrix, eine Szene nachdem er, um sich zu verstecken, den Beifahrer-Sitz aus dem Fahrzeug gerissen hat, sich wieder in der selben Sitzhöhe wie die Fahrerin des Wagens befindet, sollte einen nicht daran hindern, zu sehen, dass der Film seine vermeintliche Weltanschauung mittels Übererfüllung der Genre-Erwartungen („Phantom Kommando“ liefert beispielsweise 88 Tote) unterläuft. Eben etwas, was man von anderen Filmen der meisten Beteiligten nicht sagen kann, welche das, was sie so erzählen, auch tatsächlich ernst meinen.

Fuck you, asshole,
J
こんにちは J,

lass mich das mit der Weltanschauung nochmals aufgreifen und den Film in einen globalen Kontext setzen. Denn in diesem Zusammenhang komme ich zu einer politischen Komponente, die im Actionkino der 80er-Jahre allgegenwärtig ist. Immerhin darf man nicht vergessen, dass die Produktionszeit dieser Filme mit der Endphase des Kalten Krieges zusammen fällt. Eine Zeit, in der die USA unter der Führung von B-Movie-Star Ronald Reagan versuchten, den Jahre andauernden internationalen Schwanzvergleich mit der Brechstange zu gewinnen. Höher, schneller, weiter war das Motto der Innen- und Außenpolitik - und natürlich auch auf kultureller Ebene. Verdeutlicht wird dies in einer Publikation des einflussreichen amerikanischen Militärstrategen Ralph Peters. Laut Peters sind gerade jene Filme, die von der intellektuellen Elite verschmäht werden, die populärste Waffe der USA. Denn amerikanische Actionfilme werden überall auf der Welt gesehen – und sind leicht zu verstehen, da sie sich visueller Narrative bemächtigen, die keinen Dialog benötigen, da sie auf universell bekannten Heldenmythen basieren. Peters zufolge sei es somit die Aufgabe Hollywoods das Schlachtfeld vorzubereiten. „Fremde Nationen glauben wirklich, dass wir all das tun können, was man auf der Leinwand sieht“, schreibt er. Heißt also: Actionstars sollen durch ihre körperliche Überlegenheit das Selbstbewusstsein des eigenes Staates stärken und den amerikanischen Mann als überlegen auch in der kollektiven Wahrnehmung fremder Nationen verankern. Der Feind soll schon lange auf kultureller Ebene besiegt und zermürbt werden, bevor es noch zu einer Auseinandersetzung kommt. Die Waffen für diesen medialen Krieg nannten sich Schwarzenegger, Stallone, Lundgren & Co, schossen aus dem Boden der Hollywood-Kinolandschaft wie die Eierschwammerl bei Regenwetter und metzelten in explosiven Guy-on-a-mission-Trips allen möglichen kulturellen Stereotype ab – allzu absurd, dass es sich bei diesen Vorzeigekriegern des Land-of-the-Free oft selbst um Migranten handelte. Aber das passt ebenfalls in die Selfmade-Romantik jenseits des Atlantik. Auch der Filmwissenschaftler Georg Seeßlen greift die erwähnten Helden auf, die er als „neue Barbaren“ bezeichnet: Diese versuchen zwar kurz, sich sprachlich durchs Leben zu kämpfen, lassen aber bald nur mehr ihre Waffen sprechen. Verhandeln war gestern – in den 80ern zählt die Wiederentdeckung der maschinisierten Körperlichkeit. Und diese wird zusammen mit der Schönheit des Todes gefeiert, wie seit den 30er-Jahren in Deutschland nicht mehr. Gewalt wird ästhetisiert. Das Ziel der Mission selbst rückt in den Hintergrund, der Akt des Tötens übernimmt das „Commando“ – natürlich eingebettet in großem Unterhaltungskino, filmischer Randomness und ummantelt mit einem gehörigen Trashfaktor. Eine explosive Mischung?

I lied,
P

Mehr dazu auf Uncut:
Phantom Kommando
Der Autor
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Müll Mates


Forum

  • Dead tired

    Aufgrund unserer Diskussionen habe ich mir kürzlich PHANTOM KOMMANDO zwei Mal angeschaut und komme zum endgültigen Urteil: der Film ist ein unterhaltsames, aber durch gewalttätiges Zeitdokument der 80er Jahre!
    Hier noch eine Idee für die Fortsetzung:
    John Matrix hat sich in Val Verde zur Ruhe gesetzt als der Zwillings-Bruder von Bennet auftaucht um sich zu rächen. In einem Gay-Nachtklub kommt es zum finalen Showdown ... :-)
    Was meint Ihr dazu?
    leandercaine_0fc45209c9.jpg
    18.09.2014, 12:23 Uhr
    • I'll be back

      Die Idee ist toll! Allerdings würde die Reihe dann in einer Endlosschleife enden. Denn immerhin beginnt ja PHANTOM KOMMANDO bereits damit, dass sich John Matrix in den Bergen zur Ruhe gesetzt hat, bis plötzlich Bennet auftaucht...

      Durchaus interessant wäre jedoch auch ein Prequel zum Film: John Matrix erzählt z.B. wie er zusammen mit seinem Freund Bennet die Revolution in Val Verde unterstützte (bei genauerer Betrachtung politisch sehr brisant, da die USA während des Kalten Kriegs tatsächlich in Südamerika "geheim" allerlei Systemumbrüche herbeiführten)oder vom Tod seiner Frau. Das alles würde ich gerne sehen...

      Übrigens: Phantom Kommando 2 gibt es bereits - nennt sich allerdings STIRB LANGSAM :)
      patzwey_83fc2ada0d.jpg
      19.09.2014, 15:06 Uhr
    • Brockeback Commando

      Ein Prequel ist eine Spitzenidee - hier ist mein Storyvorschlag:
      Matrix und Bennet haben einen Spezialauftrag in Val Verde und bereiten ein Attentat vor. Beim ewigen Warten kommen sich die zwei harten Burschen näher und verbringen eine leidenschaftliche Nacht miteinander.
      Als Matrix Bennet am nächsten Tag klarmacht, dass er seine Frau nicht verlassen werde, dreht Bennet durch und gefährdet damit die ganze Operation ...
      Gefällt Dir dieser Geistesblitz besser? ;-)
      leandercaine_0fc45209c9.jpg
      19.09.2014, 23:18 Uhr
    • Du solltest den Film produzieren!

      Gefällt mir sogar sehr gut! Um ehrlich zu sein, habe ich auch bereits an eine Affäre der beiden gedacht. Denn anders lässt sich Bennets obsessiver Hass auf Matrix innerhalb der erzählten Geschichte nicht logisch erklären.
      patzwey_83fc2ada0d.jpg
      19.09.2014, 23:42 Uhr
    • Agreed

      Du schreibst das Drehbuch und ich produziere!
      Wer soll den jungen Matrix spielen? Arnies unehelicher Sohn?
      Wer den Jungen Bennet?
      Was ist mit der Regie?
      Auf jeden Fall möchte ich ein Team haben, das an den Erfolg des Films glaubt :-)
      leandercaine_0fc45209c9.jpg
      20.09.2014, 10:28 Uhr