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Heidi@Home: Das Ende der Serie als soziales Phänomen?

Wie die Netflix-Serie „House of Cards“ unsere Seh- und Kommunikationsgewohnheiten verändert.
Am Sonntag wurden in Los Angeles die Emmy Awards vergeben. Die Verleihung brachte einige Überraschungen, wenn diese auch anderer Natur waren, als man bei der Bekanntgabe der Nominierungen erwartet hatte. Diesmal war nämlich erstmals eine Online-Serie für eine erkleckliche Anzahl an Emmys nominiert.

Ich spreche von „House of Cards“ von der Produktionsfirma Netflix, und die Anzahl der Nominierungen belief sich auf neun – darunter in den Hauptkategorien Regie, Outstanding Drama und beste Hauptdarsteller männlich (Oscarpreisträger Kevin Spacey) und weiblich (Robin Wright). Letztendlich hat es „nur“ für die Auszeichnung für David Fincher (beste Regie) gereicht, dennoch ist das Unternehmen Netflix eindeutig auf dem Vormarsch und revolutioniert das Fernsehen auf seine Weise.

Netflix war ursprünglich als Unternehmen eine reine Online-Videothek bzw. bot Video on demand an. Markttechnisch sehr geschickt, beobachtete Netflix illegale Downloads und bot die am häufigsten heruntergeladenen Serien und Filme dann kostenpflichtig an. Entgegen der Erwartungen von Branchenkennern ließ sich damit gut Geld verdienen. Mittlerweile ist Netflix aber auch ein Unternehmen, das für Qualitätsfernsehen aus quasi eigenem Anbau steht. Das Unternehmen dreht seit kurzem eigene Serien mit erstklassigen Schauspielern, Regisseuren und Autoren. Und: Netflix will sich als Weiterentwicklung des erfolgreichen Pay per view Senders HBO positionieren, der Anfang der Nullerjahre mit Sensationsprodukten wie „Sex and the City“, „The Sopranos“ oder „The Wire“ die Zuseher zu den Bildschirmen zurückgeholt hat.

Netflix geht noch einen Schritt weiter: es stellt die einzelnen Serienfolgen nicht nacheinander online, sondern alle Folge einer Staffel gleichzeitig. Das verändert natürlich die Konzeption einer Season maßgeblich, denn das Erzählen verändert sich dadurch; man muss den Spannungsbogen nicht vom Anfang bis zum Ende einer Folge erstrecken, man muss nicht einmal in Saisonen denken. Die Zeit der Cliffhanger ist damit so gut wie vorbei, ebenso die Rücksichtnahme auf bestimmte jahreszeitliche Fixpunkte (wie die traditionelle Thanksgiving- oder Halloween-Folge, die sehr viele Fernsehserien gerne im Programm hatten). Die Produktionen können detailverliebter, schräger und weniger pointiert agieren als es bisher der Fall war.

So weit so gut, denn obwohl es dem Zuseher ganz überlassen bleibt, in welchem Rhythmus er die Serie konsumiert und wo: die Entfesselung der Sehergewohnheiten ist auch ein Problem. Gerade bei Internet-affinen Zusehern. Diese diskutieren Serien gerne vorher, zwischendrin und nachher auf sozialen Netzwerken. Gut beobachten kann man das beim Serien-Dinosaurier „Tatort“, der Sonntagabend in Echtzeit v.a. auf Twitter abgefeiert wird. Da wird gelästert und gelobt, gemeinsam gelacht und geflucht. Das wird allerdings schwierig, wenn man nicht mehr weiß, wer seine Lieblingsserie zeitgleich sieht und mit wem man sich dabei unterhalten kann. Auch in Bezug auf mögliche Spoiler. Man möchte sich nicht spoilern lassen, gleichzeitig aber auch nichts verraten. Muss man eine Serie wie „House of Cards“ möglichst schnell konsumieren, um mitreden zu können und widerspricht nicht das gerade dem Gedanken, seinen Fernsehkonsum nach eigenem Gutdünken gestalten zu können? Und fehlt es einem nicht doch irgendwie, dass man an einem bestimmten Wochentag, zu einer bestimmten Zeit eine gewisse Serie ansieht, wissend, dass das hunderttausend andere Seher auch gerade tun?

Die Lösung mag eine Weiterentwicklung der Kommunikation auf sozialen Kanälen sein. Etwa in eigenen Foren oder Second Screen-Plattformen wie GetGlue oder Miso, wo über bestimmte Folgen diskutiert werden kann und man sich bewusst entscheidet, dort mitzureden, nachdem man selbst eine bestimmte Folge gesehen hat. Oder auch eine Verabredung zum gemeinsamen Schauen als eine Art social event. Das klingt aufwendig und im ersten Moment wieder sehr unspontan, aber die Möglichkeiten sind eben trotz allem (noch) beschränkt, wenn man sich mit anderen über die aktuelle Online-Lieblingsserie unterhalten will. Eventuell müsste eine Initiative zum „Social TV“ von den Sender selbst ausgehen, doch diese haben ihren Fokus noch nicht darauf ausgerichtet.

So oder so kann man sich nur eine Weiterentwicklung auch auf dieser Ebene wünschen, denn sonst bleibt einem nichts anderes übrig, als auf Twitter weiterhin das Programm der old school Sender zu kommentieren und sei es, dass man sich wegen der Sehnsucht nach gemeinsamen Austausch gerade solche Sendungen ansieht, die man sonst gar nicht präferieren würde – Harald Schmidt würde es „Unterschichtenfernsehen“ nennen.

Wo seht Ihr eine Lösung? Oder ist euch das Diskutieren über aktuelle Serie auf sozialen Netzwerken gar nicht so wichtig? Seht Ihr überhaupt noch Serien im herkömmlichen Free-TV oder greift Ihr auf andere Medien zurück?
Die Autorin
heidi
Heidi@Home


Forum

  • DVD

    Ich gehöre schon zu den Dinosauriern, die TV-Serien (mit Freude) auf DVD anschauen!
    leander-caine
    29.09.2013, 13:42 Uhr
  • apple TV

    Also ich bin schon lange aufs Apple TV umgestiegen. Gute Serien on Demand Zu der Zeit, wo ich in Ruhe Zeit finde. Das hatte natürlich auch mit unserem Nachwuchs zu tun, mit dem Du "20:15 Uhr" vergessen kannst. Ich mag es, keine Werbung vorspulen oder aushalten zu müssen. Diskutiert hab ich über Serien online eigentlich nie. Schade, dass man Netflix und HBO hierzulande nicht schauen kann. Das deutschsprachige Fernsehen hat für mich eigentlich keine Relevanz mehr.
    IMG_20180307_183904
    24.09.2013, 21:24 Uhr