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  • Bewertung

    Gertrud von Arabien

    Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2015
    Peter O’ Toole ist mit der Darstellung des „Lawrence von Arabien“ in die Filmgeschichte eingegangen. Wahrscheinlich gar nicht so sehr, weil der Film insgesamt so unbestritten mitreißend erzählt gewesen wäre, sondern weil Lawrence als einzelne Figur in zahlreichen Filmszenen mit dem Witz, dem Einfühlungsvermögen und einem unbezahlbaren Wissen um die Beeinflussung Mächtiger ausgestattet war. Dazu kamen malerisch schöne Bilder, aufgenommen in 70 mm, geschaffen für die großen Leinwände der Lichtspieltheater dieser Welt, lange bevor man zu ihnen Multiplex-Kinos sagen würde.

    Aus dieser Bilder- und Erzählwelt zitiert Werner Herzog in seinem neuen Wüstenmelodram eindrucksvoll und ausgiebig. Mit Klaus Badelt hat er sich den richtigen Komponisten ausgesucht, um die opulenten Bilder in die passende symphonische Klangwolke zu hüllen, die den Zauber der Welt von 1001 Nacht heraufbeschwören und das Publikum auf besondere Art verzaubern soll. Nur die Hauptfigur, die ist auf einmal eine Frau, eine besondere noch dazu: Gertrud Bell, die wissbegierige Tochter aus reichem englischen Adelshause, die die Vermählungsversuche ihrer Eltern, den Widerstand gegen eine kosmopolitische Bildung von Frauen und den Zwang der Etikette einfach satt hatte und in den Orient ging, um für sich selbst an Orte zu gelangen, an denen noch niemand bzw. schon lange niemand und noch gar keine weiße Frau gewesen war. Dargestellt wird sie von Nicole Kidman, die in der Rolle von Lawrence von Arabien eine sehr hübsche, belesene und bei Bedarf auch romantische Figur macht. Nur die Männer an ihrer Seiten wirken weitgehend fehl am Platze, zumindest was die Darsteller betrifft. Zu gut kennt man Damian Lewis aus der Fernsehserie „Homeland“, als dass man ihm den britischen Konsul gleich einfach so abnehmen würde, zu sehr haben wir das blasse Gesicht von Robert Pattinson aus „Twilight“ in Erinnerung, als dass wir ihm den Wüstenforscher mit Beduinenkopfschmuck vor der Kulisse der Saharadünen wirklich glauben würden. Und doch macht Werner Herzogs Film insgesamt einen märchenhaften Eindruck, erzählt eine Geschichte, die sie vor ziemlich genau 100 Jahren wirklich zutrug und entführt sein Publikum in eine Welt, die es nicht mehr gibt. Sei es, weil wir sie zu Ende entdeckt zu haben glauben, sei es, weil sich die politische Landkarte inzwischen mehrfach verändert hat oder sei es, weil wir inzwischen wissen, dass die Märchen aus 1001 Nacht eben nur Märchen sind. Für jene, die sich verzaubern lassen, lohnt sich die Reise dann vielleicht am Ende ja doch.
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    (Dr. Markus Löhnert, MA)
    06.02.2015
    22:27 Uhr
    Draco dormiens nunquam titillandus.
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