Filmkritik zu Pinocchio

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  • Bewertung

    Ewiges Leben zwischen Leid und Glück

    Exklusiv für Uncut
    Bereits der französische Filmpionier Georges Méliès setzte 1896 zum ersten Mal die Stop-Motion-Technik für seine Filme ein. Dabei wird die Position unbewegter Requisiten von einer Bildaufnahme zur nächsten jeweils geringfügig verändert um die Illusion von Bewegungen hervorzurufen. Seither nutzen einige bekannte Regisseure diese Animationstechnik, wir denken an Tim Burtons „The Nightmare Before Christmas“ oder Wes Andersons „Fantastic Mr. Fox“. Auch der mexikanische Oscar-Preisträger („The Shape of Water“) und Kreaturenspezialist Guillermo del Toro hat sich jetzt der Technik bedient und stellt mit seiner Interpretation von Pinocchio nicht nur inhaltlich alle vorherigen Pinocchio-Verfilmungen, sondern auch alle bisherigen Stop-Motion-Filme künstlerisch in den Schatten.

    Allen Pinocchio-Verfilmungen zugrunde liegen Carlo Collodis Kurzgeschichten einer italienischen Wochenzeitung mit dem Titel „Abenteuer des Pinocchio: Geschichte eines Hampelmanns“. Carlo heißt auch in del Toros Film der kleine Sohn des Holzschreiners Gepetto, der während des Ersten Weltkrieges im Bombenhagel sein Leben verliert. In größter Trauer schnitzt Gepetto eine Holzpuppe als Ersatz, die durch die Göttin des Lebens (die blaue Fee) unter dem Namen Pinocchio zum Leben erweckt wird. Im faschistischen Italien der 1930er Jahre müssen sich Gepetto, Pinocchio und die im Holzstück lebende Grille Sebastian gegen politische Instrumentalisierung wehren und den Gegensatz zwischen pädagogischer Disziplin und kindlichem Leichtsinn ausfechten. Leider überwiegt in der zweiten Filmhälfte eine Art Action-Adventure-Roadmovie, wodurch für eine gewisse Dauer eine innere und räumliche Distanz zwischen Pinocchio und Gepetto entsteht. Einerseits liegt hier die Interpretation der jugendlichen Emanzipation eines Kindes von den Eltern nahe, andererseits birgt genau diese Beziehung die interessanteste Emotionalität im Film, die fortschreitend etwas verloren geht. Auch die klamaukhafte Darstellung des Faschismus kann zumindest mal als diskutabel notiert werden.

    Diese minimalen Kritikpunkte geraten jedoch in den Hintergrund, denn auf handwerklicher Ebene raubt der Film mit seinem Detailreichtum jeden Atem. Jede Holzfaser ist sichtbar, noch nie wurde Holzverarbeitung so realistisch, selten das Flair einer italienischen Kleinstadt so stimmungsvoll in einem Animationsfilm dargestellt. Ob Kriegsszenerien, Wasserverfolgungen oder alle traumhaften del-Toro-typischen Geschöpfe – dieser Film sieht unfassbar gut aus. Allen Ideen sind hier keine Grenzen gesetzt: die Göttinnen des Lebens und des Todes mit markanten maskenhaften Gesichtern, das Jenseits, in dem Hasen die Särge der Verstorbenen tragen, ein Riesenfisch, das Jahrmarktsetting (damit kannte sich del Toro nach „Nightmare Alley“ gut aus). Und dennoch mangelt es dem Film nicht an Substanz, der Stil ergänzt die Handlung und gibt den Figuren Würde und Persönlichkeit, die außerdem vom sensationellen Sprecher*innencast getragen wird. Ewan McGregor, Christoph Waltz, Tilda Swinton, Ron Perlman und Cate Blanchett porträtieren die Figuren. Blanchett wollte unbedingt am Projekt teilnehmen und meinte, für del Toro würde sie sogar einen Stift schauspielen. Alexandre Desplats gefühlvoller Score rundet das Gesehene auf akustischer Ebene hervorragend ab.

    Substantiell lebt der Film auch von philosophischen Implikationen. Verhandelt werden existenzialistische Fragen des ewigen Lebens und der Unsterblichkeit, der Vergänglichkeit. Die Göttin des Todes erlaubt Pinocchio nach vermeintlichen Todesfällen die Rückkehr ins Leben, warnt ihn aber vor ewigem Leid in Verbindung mit ewigem Leben. Die nihilistischen Gedanken von Sebastian Grille werden durch ein Schopenhauer-Bild in seiner Wohnung repräsentiert und in einem denkwürdigen Satz verbindet Grille das ewige Leid mit Schopenhauers Philosophie: „Das Leben ist nichts als Schmerz“. Hoffnung bietet der Film zum Ende, als auch Glück ein Bestandteil des Lebens wird; dennoch zentriert sich die Kernaussage zwischen Leid und Glück, was in Zeiten überbordender (toxischer) Positivität eine wohltuend realistische Einschätzung ist. Negatives gehört reflektiert, bekämpft, wahrgenommen und zum Leben genauso dazu wie Positives.

    „Guillermo Del Toros Pinocchio“ ist del Toros Herzensprojekt, sein erster Animationsfilm und nicht weniger als die beste Verfilmung von Collodis Pinocchio. Dass der Stoff aufgrund der philosophisch-ernsten Themen nicht unbedingt als kindliches Abenteuer verpackt werden muss, zeigt dieser faszinierende Film. Del Toro verbindet Emotion, Fantasie und Tiefe mit einer einzigartigen Ästhetik und hat eine unglaubliche Welt geschaffen, die von der ersten bis zur letzten Minute beeindruckt. Trotz leichter Abzüge in der Ausgestaltung der Handlungsfäden überzeugt dieser längste Stop-Motion-Film der Filmgeschichte als atmosphärisch-düsteres Märchen. Georges Méliès wäre hocherfreut.
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    (André Masannek)
    08.01.2023
    09:25 Uhr
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