Filmkritik zu Nope

Bilder: Universal Pictures International Fotos: Universal Pictures International
  • Bewertung

    Die Verfügbarmachung der unverfügbaren Natur

    Exklusiv für Uncut
    „Die besten und furchterregendsten Monster in der Welt sind menschliche Wesen“ meinte einer der neuen Sterne am Autorenkinohimmel nach seinem Debüt „Get Out“ im Jahr 2017 und genau deshalb habe er noch weitere Ideen für Social-Horrorthriller. Mit „Us“ setzte er 2019 eine weitere Duftmarke und jetzt kommt der neue Film von Jordan Peele in die Kinos.

    Nach Rassismus und Klassismus als gesellschaftskritischen Aufhängern in den vorherigen Filmen wurde „Nope“ mit einiger Spannung erwartet. Welchem Thema würde sich Peele wohl nähern? Wir kommen später darauf zurück und setzen unseren Fuß zunächst in das kalifornische Santa Clarita Valley. Dort leben die Geschwister OJ und Emerald, betreiben gemeinsam eine Pferderanch und trainieren Pferde für Film- und Fernsehaufnahmen. Nach dem seltsamen Tod des Vaters erleben die beiden weitere Merkwürdigkeiten, bis OJ eines Tages ominöse Himmelsformationen und Wolkenbildungen bemerkt, die sich später als Versteck für eine organische extraterrestrische Lebensform herausstellen. Mit dem Ziel, den perfekten Schnappschuss für das Objekt zu finden, beginnt eine spannungsgeladene Jagd.

    Mit an Bord der Horror-Alien-Western-Reise ist Daniel Kaluuya als OJ, den wir aus „Get Out“ kennen und der für „Judas and the Black Messiah“ 2021 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. In exzentrisch-sensibler Manier porträtiert Keke Palmer seine Schwester Emerald, genannt „Em“. Als Betreiber des naheliegenden Themenparks spielt schließlich nur noch Steven Yeun eine weitere wichtige Rolle im komprimierten Cast. Wie man es von guten Regisseuren gewohnt ist, überzeugen alle Darsteller:innen, wenngleich das Drehbuch nicht auf dramatische Charakterentwicklung ausgelegt ist. Insbesondere Keke Palmer durfte häufig improvisieren und ist der darstellerische Höhepunkt, auch wenn die Chemie der Geschwister nicht konsequent stimmt.

    Gewohnt sicher führt der Niederländer Hoyte van Hoytema die Kamera und schafft herausragende Bilder. Schöpfend aus seinem Erfahrungsschatz für „Interstellar“ bewegt er sich gekonnt auf dem Feld der Science-Fiction, ergänzt dieses Feld hier im wahrsten Sinne mit Feldwirtschafts-, Wüsten-, Landschafts- und Himmelspanoramen, die sich mit beklemmenden Nahaufnahmen der verängstigten Charaktere abwechseln. Außerordentlich eindringlich fotografiert und inszeniert wird die Rückblende über den Affen Gordy, der als Fernsehstar ein Massaker anrichtet. Die Verwertung von Tieren für die voyeuristische TV-Konsumindustrie wird in dieser für die eigentliche Haupthandlung irrelevanten Sequenz zum Thema des ganzen Films, Stichwort Aufmerksamkeitsökonomie.

    Ursprünglich gibt es Unverfügbares auf der Welt, doch die menschliche Spezies versucht die Verfügbarmachung aller Dinge. Alles muss gefilmt, alles beobachtet werden. Wale, Haie, Adler – die Verfügbarmachung und Ausbeutung der Natur ist in vollem Gange. Dazu passen sowohl die weitere Nebenrolle eines Tierfilmers, der präzise die naturgemäß unverfügbaren Aufnahmen wilder Tiere zusammenschneidet, als auch die Profession der Hauptcharaktere im Hinblick auf die Verfügbarmachung von Pferden für Werbeclips. Es geht um das Sehen, Sichtbarkeit, um das Wahrnehmen und das Unangenehme dabei. Nur beim Hinschauen wird die UFO-Qualle aufmerksam, ähnlich einem Tier bemerkt das Wesen die Blicke fremder Personen und deklariert sie als Feinde. Voyeurismus und Sensationsgier schadet den Menschen – so die über(ge)legte Aussage von Jordan Peele, der von der menschlichen Sucht nach Spektakel und dessen Präsentation sowie Monetarisierung spricht („human addiction to spectacle and the presentation and monetization“). Diverse filmtechnische Artefakte spiegeln das Thema im Film wider: wir sehen Überwachungskameras, frühzeitliche Handkameras zum Kurbeln, Videokameras, Fotoapparate und Fotoautomaten für Souvenirs in Themenparks. Peele zeigt wenig subtil, worum es ihm geht.

    Ein klassisches Element von Monsterfilmen besteht aus der Suche und der Jagd nach diesem Wesen. Während die Suche noch Suspense und Erzählpfade beinhaltet, wird die Jagd schnell zu einem actionreichen, rasanten Verfolgungshorror. Bis zur Mitte beschreibt der Film im zurückhaltenden Gleichgewicht die Beziehungen der Geschwister zueinander, die Situation um den Affen Gordy und den Beginn der Detektiv-Arbeit, bevor er sich im langen letzten Drittel beinahe ausschließlich dem Wettlauf nach dem Wesen widmet. Obwohl thematisch-ideologisch interessant (siehe Verfügbarmachung des Spektakels), bleibt „Nope“ hier hinsichtlich Erzählung und Inszenierung konservativ und bietet nicht die Wow-Momente von „Get Out“ oder „Us“ – trotz der wohldosierten, fantastischen Spezialeffekte.

    Fazit: Peeles selbsternannter „black UFO movie“ ist laute Dichtung und ruhige Sensation, ist interessant, mysteriös, handwerklich einwandfrei und allemal sehenswert. Dennoch verzettelt sich der Genremix im lang gezogenen Finale zu sehr in konventionelle Actionfilm-Problemlösungsstrategien. Statt einer psychologisierenden und symbolisierenden, zeitlos-gesellschaftskritischen Ausarbeitung verlegt Regisseur, Autor und Produzent Peele den Fokus im Spielberg-Schema auf genretypische Verfolgungen und Action, was den Film mehr in Richtung Sommer-Blockbuster driften lässt („Unheimliche Begegnung der dritten Art“ lässt grüßen). Zwar immer noch überdurchschnittlich im Mainstream-Kosmos kann „Nope“ nicht an die metaphorischen und herausfordernden Vorgänger heranreichen. Das furchterregendste Monster ist hier nicht der Mensch.
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    (André Masannek)
    11.08.2022
    09:34 Uhr
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