Filmkritik zu Islands

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
  • Bewertung

    Ein Mann auf der Suche nach sich selbst

    Exklusiv für Uncut vom SXSW
    Beim diesjährigen South by Southwest Festival wurde der Preis für den besten Newcomer an Rogelio Balagtas verliehen, der für seine Rolle in Martin Edralins stillem Familiendrama „Islands“ geehrt wurde. Das mag nicht überraschen, lebt der Film doch von der starken, äußerst nuancierten Performance seines Hauptdarstellers.

    Joshua (Rogelio Balagtas), ein ehemaliger philippinischer Arzt Ende 40, bewohnt gemeinsam mit seinen Eltern ein Haus in Kanada, wo er als Hausmeister tätig ist. Hier betet der schüchterne Mann jeden Abend zu Gott, dass dieser auf seine Familie achtgeben möge - vergebens, denn kurze Zeit später stirbt die Mutter völlig unerwartet und der Vater wird zum Pflegefall. Zum Glück bekommt Joshua schon bald Unterstützung von seiner Cousine Marisol (Sheila Lotuaco), die in Kuwait als Krankenpflegerin gearbeitet hat und sich nun um den kränklichen Onkel kümmert. Und auch Joshua scheint in ihrer Gegenwart regelrecht aufzublühen.

    „Islands“ ist eine sehr einfühlsame Charakterstudie über einen Mann, der sich von seiner Umwelt abkapselt, um nicht verletzt zu werden. Seine verschlossene Art scheint sich immer stärker zu manifestieren, gerade wenn er Scherze seines älteren Bruders bezüglich seines nicht vorhandenen Liebeslebens über sich ergehen lassen muss oder er die Essenseinladungen seiner Arbeits*kolleginnen verlegen ausschlägt.

    Die eigenwillige Stilistik fällt auf: Sehr langsam werden die verschiedensten Alltagsmomente Joshuas dokumentiert, was gerade zu Beginn vielleicht sogar etwas befremdlich wirken kann. Wenn man sich allerdings auf das entschleunigte Erzähltempo einlässt, bekommt man in „Islands“ sehr viel geboten. Angefangen bei dem ausdrucksstarken Schauspiel der Darsteller*innen bis hin zu der unaufdringlichen Kamera, die Joshua auf Schritt und Tritt begleitet. Mit der Zeit blüht dann nicht nur Joshua immer mehr auf, sondern auch der Film entfaltet vollends seine emotionale Tiefe.

    Aber nicht nur Joshuas eigenbrötlerisches Leben wird in „Islands“ genauer unter die Lupe genommen, sondern auch die philippinische Herkunft der Familie, die nach Kanada emigrierte, kommt immer wieder zum Ausdruck. Ob nun beim Line-Dancing filipino style – das zum wichtigen Symbolträger für Joshuas Reise wird - oder anhand der vielen religiösen Figuren, die im ganzen Haus verteilt sind und die es der Hauptfigur unmöglich machen, zu masturbieren, bevor er sie nicht mit einem Tuch abgedeckt hat.

    Dass Drehbuch schafft es außerdem, dass man sich in den Momenten, in denen man sich aufgrund von Joshuas unbeholfener Art als Zuschauer*in fast schon fremdschämen muss, mit diesem trotzdem auch immer zu einem gewissen Grad identifiziert. Auf diese Weise schildert der Film eine Selbstfindungsreise der besonderen Art. Manchen wird diese vielleicht etwas langatmig erscheinen. Für andere wird sie möglicherweise eine filmische Offenbarung darstellen. Aber, egal wie man dem Film auch gegenübersteht, er bringt auf jeden Fall gekonnt zum Ausdruck, wie es sich anfühlt, wenn einen die Einsamkeit überwältigt, man gleichzeitig aber auch mit sozialen Unsicherheiten zu kämpfen hat.

    Das Langspielfilmdebüt von Martin Edralin vermittelt außerdem einen Grad an Authentizität, den man in dieser Form im Kino sicher nicht allzu oft erlebt. Vieles in „Islands“ erscheint sicher äußerst tragisch, der Film endet aber immerhin auch mit einem Lichtblick: Und zwar, dass es nie zu spät ist, seinen Platz im Leben zu finden.
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    (Marion Schlosser)
    24.03.2021
    21:22 Uhr