Filmkritik zu Swan Song

Bilder: Magnolia Pictures Fotos: Magnolia Pictures
  • Bewertung

    Abschied mit Stil

    Exklusiv für Uncut vom SXSW
    Udo Kier gehört unbestritten zu den wohl bekanntesten Charakterdarstellern im deutschsprachigen Raum, selbst auf internationaler Ebene ist der Deutsche nach Rollen in Filmen wie „Downsizing“, „Blade“ oder „Suspiria“ äußerst gefragt. Nachdem Kier oftmals in kleineren Rollen und vorwiegend im Horrorgenre auf der Leinwand zu sehen war, steht er in seinem neuesten Projekt „Swan Song“ vollends im Mittelpunkt des Geschehens, mit dem er sich auf ungewohntem Terrain bewegt. Die Tragikomödie von Todd Stephens feiert im Zuge der Onlineversion des South by Southwest Festivals Premiere und erzählt eine bewegende Geschichte, die auf wahren Tatsachen beruht.

    Pat Pitsenbarger, einst Lieblingsfriseur der Reichen und Schönen in der Kleinstadt Sandusky, lebt mittlerweile einsam und zurückgezogen in einer Seniorenwohnanlage außerhalb der Stadt. Pat, der den einige Jahre zurückliegenden Tod seines Partners David nie überwinden konnte, klammert sich mit dem illegalen Genuss von Zigaretten und obsessiven Serviettenfalten an sein vergangenes glamouröses Leben. Sein trostloser Alltag wird eines Tages von der Nachricht unterbrochen, dass seine treueste Stammkundin und ehemals enge Freundin Rita Parker Sloan (Linda Evans) verstorben ist. Der letzte Wunsch der reichen Rita war ein finales Styling durch die geschickten Hände von Pat, dieser reagiert auf den ungewöhnlichen Auftrag allerdings zunächst ablehnend. Dass sich Rita nach dem Tod von David nicht auf dessen Beerdigung blicken ließ, führte schließlich zum Bruch zwischen den beiden und liegt Pat immer noch schwer im Magen. Nichtsdestotrotz macht er sich auf den Weg in das Städtchen und muss sich nicht nur schmerzlichen Erinnerungen stellen, sondern auch seiner alten Kontrahentin Dee Dee (Jennifer Coolidge), die mittlerweile den beliebtesten Friseurladen in Sandusky leitet. Sein abenteuerlicher Ausflug macht ihm gleichzeitig bewusst, wie sehr ihm das gesellschaftliche Leben, dem er nach Davids Tod den Rücken zugekehrt hatte, fehlt und so reminisziert Pat über seine eigene Vergangenheit als homosexueller Mann in der Kleinstadt.

    Während sich ein Großteil des Queer Cinemas vorwiegend Coming-of-Age-Stories widmet, stellt Todd Stephens mit „Swan Song“ eine völlig andere Altersgruppe in den Fokus, die noch viel mehr als die heutige Generation unter Vorurteilen und Unterdrückung leiden musste. Genau in dieser Generation haben das forcierte Unterverschlusshalten der eigenen Homosexualität, sowie der Einschnitt in der Community durch die Ausbreitung des AIDS-Virus in den 80er-Jahren deutliche Spuren hinterlassen. Stephens verbindet gekonnt diese Thematik mit seiner eigenen Erfahrung und versetzt in „Swan Song“ nicht nur die Handlung in seinen tatsächlichen Heimatort, die Figur des Pat Pitsenbarger basiert auf einen lokalen Friseur, der Stephens als jungen Mann in den 80ern bei seinem ersten Besuch der dortigen Schwulenbar ermutigte und offen seine Sexualität zur Schau stellte. Beeindruckt von Pats Offenheit inmitten dieser schwierigen Ära, wollte Stephens mit „Swan Song“ also auch jenem Mann ein Denkmal setzen, der ihn bis heute in seiner Person nachhaltig geprägt hat.

    Auch wenn der Film zunächst eine reine Komödie vermuten lässt, hält sich die Waage zwischen lebensbejahenden Feelgood-Momenten und bittersüßem Abschiedsgefühlen den Film hinweg sehr gut. Udo Kier gelingt es die Extravaganz des Hauptcharakters mit einer derartigen Sympathie und Authentizität zu vermitteln, dass man sich fragt, warum die Horrorikone nicht öfters in solchen Rollen zu sehen ist. Wer bisher daran gezweifelt haben sollte, dass Udo Kier in der Lage ist als Hauptdarsteller allein einen ganzen Film zu tragen, der wird mit „Swan Song“ endgültig eines Besseren belehrt. Neben Udo Kier sind unter anderem Jennifer Coolidge, Linda Evans und Michael Urie in Nebenrollen zu sehen, die den schrillen Cast perfekt abrunden.

    „Swan Song“ besticht mit Originalität und schrulligen Charakteren und balanciert gekonnt den Spagat zwischen den Genres. Udo Kier läuft in der Rolle des Pat Pitsenbarger zur Höchstform auf und zeigt dem Publikum eine ungewohnte, verletzlichere Seite von sich, von der wir hoffentlich noch mehr sehen werden!
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    (Julia Pogatetz)
    18.03.2021
    23:40 Uhr