Filmkritik zu Censor

Bilder: Kinostar, Silver Salt Films Fotos: Kinostar, Silver Salt Films
  • Bewertung

    Es lebe der Horrorfilm!

    Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
    Ende Jänner feierte das Langspielfilmdebüt „Censor“ der walisischen Regisseurin Prano Bailey-Bond in der Midnight-Schiene des Sundance Film Festival seine Uraufführung, nun wird der Horrorstreifen auch in österreichischen Kinos zu sehen sein. Die titelgebende Rolle übernahm die irische Schauspielerin Niamh Algar (Cash Truck, Raised by Wolves), zur weiteren Besetzung zählen unter anderem Nicholas Burns und Charakterdarsteller Michael Smiley.

    Der Genrefilm folgt der Zensorin Enid, die Mitte der 80er-Jahre im Auftrag der britischen Regierung brutale und gewalttätige Filme begutachtet und darüber entscheidet, ob diese gezeigt werden dürfen, oder ob es einer Zensur gewisser Szenen bedarf. Die eher bieder und in sich gekehrte junge Frau hat insgeheim mit einem schweren Kindheitstrauma zu kämpfen, das aus dem plötzlichen Verschwinden ihrer Schwester vor vielen Jahren resultiert. Als ihre Eltern sie darüber informieren die Verschollene nach Jahren der Ungewissheit für tot erklären zu lassen, um so endlich Frieden finden zu können, reagiert Enid bestürzt. Denn immer wieder meint sie, ihre Schwester in Personen wiederzuerkennen, so auch bei der Sichtung des besonders widerwärtigen Schundfilmchens „Don’t go to the Church“, der von dem geheimnisvollen Horror-Regisseur Frederic North kreiert wurde. Enid macht sich auf die Suche nach dem Ursprung des Films und erhofft sich davon das erlösende Wiederauftauchen ihrer Schwester. Sie begibt sich dabei allerdings auf einen gefährlichen Weg zwischen Realität und Wahnsinn.

    Angesiedelt in den 80er-Jahren thematisiert „Censor“ die sogenannte Video-Nasty-Ära, geprägt durch die konservative Politik Margaret Thatchers. Die zum damaligen Zeitpunkt stark ansteigende Kriminalitätsrate in Großbritannien wurde teilweise auch den zunehmend gewalttätigeren B-Movies zugeschrieben, die sich schon damals großer Popularität erfreuten. Die explizite Gewaltdarstellung in Filmen wie „Driller Killer“ oder dem berüchtigten Exploitationfilm „Cannibal Holocaust“ führten schließlich zur Einführung einer eigenen Zensurstelle, die über die Veröffentlichung „besonders problematischer“ Filme entscheiden durfte. Regisseurin Prano Bailey-Bond gelingt es in ihrem ersten Langfilm mit einer wirkungsvollen 80er-Jahre-Ästhetik und einem gespenstischen, dröhnenden Soundtrack die Zuseher*innen zurück in genau diese Zeitperiode zu versetzen. Gleichzeitig zelebriert der Film das Horrorgenre per se, finden sich in den gezeigten VHS-Ausschnitten, die Enid evaluiert, doch immer wieder offensichtliche Anspielungen und Reminiszenzen an verschiedenste Genre-Klassiker. Auch das absichtliche Spiel mit Bildformat und Seitenverhältnis im Laufe des Films gibt einen weiteren Hinweis auf die durchaus wichtige Metaebene des Oeuvres.

    Trotz der erfolgreichen Etablierung einer düsteren Atmosphäre, verliert sich der Film im Mittelteil ein wenig in seiner Ästhetik und lässt der etwas dünnen Story wenig Raum zu reifen. Der finale Akt wird schlussendlich mit großer Gewissheit die Gemüter der Zuseher*innen spalten: Während die einen die letzten fünfzehn Minuten von „Censor“ bestimmt feiern werden, haben sie mich bei der Sichtung leider nicht vollends abholen können, vielmehr hat mir die repetitive Natur der finalen Einstellungen die Gesamtbewertung des Films einen Hauch runtergedrückt.

    Insgesamt ist „Censor“ aber dennoch ein visuell eindrucksvoller Schocker, der gekonnt mit Genrekonventionen spielt und vor allem für Liebhaber von B-Movies ein spannendes Kinoerlebnis darstellen sollte.
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    (Julia Pogatetz)
    30.07.2021
    15:33 Uhr