Filmkritik zu Summer of Soul

Bilder: Filmverleih Fotos: Filmverleih
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    Let the Sunshine In

    Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
    Das im Sommer 1969 stattgefundene Woodstock-Festival gilt als kultureller Meilenstein der Hippiekultur, dem auch Jahrzehnte später noch große historische Bedeutung zugesprochen wird. Während aber dieses häufig mit Liebe und Freiheit assoziierte Event im letzten halben Jahrhundert reichlich besprochen und diskutiert wurde, fand im selben Sommer nicht weit entfernt auch ein anderes Musikfestival statt, das einer Vielzahl an Leuten mindestens genauso viel bedeutete, mittlerweile aber in Vergessenheit geraten ist. Beim sogenannten „Harlem Cultural Festival“ versammelten sich zwischen Juni und August 1969 knapp 300.000 Besucher*innen, um im New Yorker Mount Morris Park kostenlosen Konzerten afroamerikanischer Musikergrößen wie B.B King, Nina Simone oder Stevie Wonder beizuwohnen. Die oft auch als „Black Woodstock“ bezeichnete Veranstaltung gab der schwarzen US-Bevölkerung nach jahrelanger Marginalisierung und vielerlei rassistisch-motivierter Vorfälle einen Sommer zum Durchatmen und Hoffnung auf eine kulturelle Revolution. Dem großflächigen Musikfest wurde zum damaligen Zeitpunkt jedoch nur wenig mediale Beachtung zuteil. Selbst die dort entstandenen Videoaufnahmen blieben einem breiten Publikum über Jahre hinweg vorenthalten und verweilten in der Zwischenzeit ungesehen in einem Keller. Mit dem Erscheinen der Musik-Doku „Summer of Soul“ soll sich dieser traurige Umstand nun endlich ändern.

    Realisiert wurde das Projekt von Neo-Regisseur Amir Khalib Thompson, der den meisten wohl eher unter seinem Künstlernamen Questlove ein Begriff sein wird. Questlove ist Schlagzeuger und Gründungsmitglied der erfolgreichen Hip-Hop-Band „The Roots“, die seit 2014 regelmäßig als Hausband in der populären „Tonight Show“ auftritt.

    Für die Doku wurde bisher unveröffentlichtes Archivmaterial ausgegraben und wunderschön restauriert. Den Originalaufnahmen werden aktuelle Interviews mit einstigen Teilnehmer*innen des Festivals gegenübergestellt. Auch lehrreiches Filmmaterial zu wichtigen Ereignissen afroamerikanischer Kultur kommt dabei nicht zu kurz.

    Das faszinierende Videomaterial entfacht gleich zu Beginn eine betörende Sogkraft, die einen bis zur letzten Minute nie loslässt. Eröffnet wird das Doku-Spektakel mit der berauschenden Aufnahme eines gerade mal 19-jährigen Stevie Wonders, der ein kraftvolles Schlagzeug-Solo gibt. Der rhythmische Schnitt, der hier zur Verwendung kommt, ist den ganzen Film über präsent und verleiht diesem ein unwiderstehliches Maß an Energie. Im Anschluss an die elektrisierende Eröffnungssequenz zeigt die Doku nach für nach Auftritte bedeutender Künstler*innen der „schwarzen“ Kultur, die von Interviews und politischen Anekdoten begleitet werden. Ehemalige Festival-Teilnehmer*innen und gar dort aufgetretene Musiker*innen lassen dabei ihre Zeit beim Harlem Festival Revue passieren und reflektieren über die Signifikanz, die dieses für die afroamerikanische Bevölkerung hatte. Erinnerungswürdig bleibt vor allem der Auftritt der Popgruppe „The Fifth Dimension“. Als diese ihre Coverversion des „Hair“-Klassikers „Let the Sunshine In“ anstimmen, bekommt man als Zuschauer regelrecht die positive Kraft und optimistische Hoffnung auf Veränderung zu spüren, die das Festival in einer ganzen Generation auslöste. Ähnlich imposant ist auch ein Moment, der das hingabevolle Konzert der Musiker-Legende Nina Simone zeigt, und ihre aktivistische Ader zum Vorschein kommen lässt.

    Im letzten Drittel geht die Doku auch noch darauf ein, wie sich die zum selben Zeitpunkt stattgefundene Mondlandung negativ auf Harlem und das „schwarze“ Amerika ausgewirkt hat. Die omnipräsente Berichterstattung der Apollo-11-Mission überschattete Harlem vollkommen. Von weiten Teilen der afroamerikanischen Bevölkerung wurde diese gar als unnötige Geldausgabe betrachtet, die eher in die Unterstützung und Hilfe sozial benachteiligter Menschen investiert hätte werden sollen. Die Sinnhaftigkeit der Mondlandung wird hier aus einem kritischen Blickwinkel heraus betrachtet und dementsprechend rekontextualisiert.

    Questlove ist mit seinem formidablen Regiedebüt ein ganz großer Wurf gelungen. Eine filmische Zeitkapsel, die einem auf eindringliche Weise ein essentielles Kapitel afroamerikanischer Kultur näherbringt, das nahezu komplett aus der Geschichte verschwunden war.