Filmkritik zu CODA

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  • Bewertung

    Die Stimme der Familie

    Exklusiv für Uncut vom Sundance Film Festival
    In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Filme veröffentlicht, die sich mit Geschichten und Problemen der Gehörlosen-Community auseinandersetzten. Während zum Beispiel der am internationalen Box-Office höchsterfolgreiche Horrorthriller „A Quiet Place“ eine taubstumme Teenagerin in den Vordergrund rückte, bot das zuletzt erschienene Independent-Drama „The Sound of Metal“ gleich einer Vielzahl gehörloser Schauspieler*innen eine Bühne. Auch der französische Erfolgsfilm „Verstehen Sie die Béliers?“ aus dem Jahre 2015 beschäftigte sich mit diesem Sujet, wenn auch auf eine weitestgehend komödiantisch lockere Art und Weise. Da die meisten der gehörlosen Figuren in diesem Fall aber von hörenden Darsteller*innen verkörpert wurden, hagelte es massiv Kritik. Unter dem Titel „CODA“ (die Abkürzung für die englischsprachige Bezeichnung „Child of deaf adult“) hat Indie-Regisseurin Siân Heder („Tallulah“) nun ein loses Remake der französischen Komödie gedreht, das diese gravierende Problematik aber glücklicherweise nicht wiederholt hat. Und auch sonst macht die US-Dramedy um einiges mehr richtig, als der eher holprige Film, der ihr zugrunde liegt.

    Die 17-jährige Ruby (Emilia Jones) ist das einzige hörende Mitglied einer gehörlosen Familie. Neben der Schule hilft die Teenagerin ihren Eltern Frank (Troy Kotsur) und Jackie (Marlee Matlin) sowie ihrem älteren Bruder Leo (Daniel Durant) dabei, das Fischereigeschäft der Familie aufrechtzuerhalten und steht ihnen in der Regel auch bei Verhandlungen als Dolmetscherin bei. Was ihre Familie jedoch zunächst nicht weiß: Ruby hat über die Jahre eine große Leidenschaft fürs Singen entwickelt. Um dieser besser nachgehen zu können, beschließt sie kurzerhand dem Schulchor beizutreten. Der exzentrische Chorleiter Bernardo Villalobos (Eugenio Derbez) erkennt großes Potenzial in der Gesangsstimme der jungen Frau und ermutigt sie dazu, die Aufnahme an einer anerkannten Musikuniversität zu versuchen. Da ihre Familie jedoch auf die Unterstützung ihrer Tochter angewiesen ist, um die Kommunikationsbarrieren des Alltags zu bewältigen, wird Ruby auf eine harte Probe gestellt. Soll sie weiterhin bei ihrer Familie bleiben oder ihrem großen Traum nachgehen?

    Einige der verwendeten Story-Beats mögen einem zwar bereits bekannt sein, die Umsetzung des Stoffes lässt den Film aber trotzdem völlig frisch daherkommen. Grund dafür dürfte unter anderem die Hingabe der gesamten Darstellerriege sein. Das ungemein natürliche Spiel aller Beteiligten füllt den Film mit Leben und lässt gefühlsechte Emotionen aufkommen. Die gehörlosen Charaktere des Films auch tatsächlich mit gehörlosen Darsteller*innen zu besetzen, erweist sich als wichtiger Grundstein für die angestrebte Authentizität. Den emotionalen Kern bilden nämlich gerade die Momente, in denen die Familienmitglieder untereinander via Gebärdensprache kommunizieren und kein einziges gesprochenes Wort fällt. Oscar-Preisträgerin Marlee Matlin („Gottes vergessene Kinder“) und Troy Kutsur verkörpern die tauben Eltern mit ausdrucksstarkem Spiel, bei dem einzelne Blicke mehr als tausend Worte verraten. Hauptdarstellerin Emilia Jones überragt das ohnehin eindrucksvolle Ensemble jedoch mit einer kraftvollen Performance, die den gesamten Film vorantreibt. Die meisten der zu vermittelnden Emotionen lasten alleinig auf den Schultern der Jungdarstellerin und sie meistert diese Aufgabe mit Bravour.

    Auch die Situationskomik geht auf. Neben den unterhaltsamen Konversationen mit ihren Eltern, sind es vor allem die Szenen mit Rubys bester Freundin Hertie (Amy Forsyth) und ihrem eigenen Bruder (zwischen den beiden Figuren bahnt sich eine peinlich berührende Romanze an), die für ein paar herzhafte Lacher sorgen. Das exzentrische Verhalten des Musiklehrers Bernardo mündet auch in einige amüsante Szenen, was in dem Fall wohl dem wunderbar kauzigen Spiel von Eugenio Derbez zu verdanken ist.

    Der Verlauf der Handlung bleibt die meiste Zeit über vorhersehbar. Dass sich beispielsweise zwischen Ruby und dem gleichaltrigen Mitschüler Miles („Sing Street“-Star Ferdia Walsh-Peelo), der ihr im Chor als Duettpartner zugewiesen wird, noch romantische Gefühle entwickeln werden, lässt sich schnell erahnen. Da die Geschichte weitestgehend jedoch auf angenehm ehrliche und kitschbefreite Weise erzählt wird, tut dies dem Unterhaltungswert keinesfalls Abbruch.

    „CODA“ ist der perfekte Beweis dafür, dass ein Film nicht zwingend das Rad neu erfinden muss, um wunderbar zu funktionieren. Manchmal reichen auch einfach schon eine glaubwürdige Besetzung, ein harmonischer Soundtrack und eine großer Portion ehrliche Emotion aus.

    Ein waschechter Crowdpleaser, der sein Publikum mit einem wohligen Gefühl zurücklässt!
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    (Christian Pogatetz)
    31.01.2021
    09:56 Uhr