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  • Bewertung

    Man lernt nie aus

    Exklusiv für Uncut von der Diagonale
    Arman T. Riahi, der gemeinsam mit seinem älteren Bruder Arash zu den erfolgreichsten Filmproduzenten des Landes gehört, hat in der Vergangenheit mit seinen Werken schon mehrfach soziale Ungerechtigkeiten angesprochen. Während sich die preisgekrönte Doku „Everyday Rebellion“ dem friedvollen Aktivismus zuwandte, handelte es sich bei seinem an den heimischen Kinokassen sehr erfolgreichen Film „Die Migrantigen“ um eine Culture-Clash-Komödie, die verspielt rassistische Klischees und Stereotypen auseinandernahm. Mit seiner neuesten Regiearbeit wagt sich der gebürtige Iraner nun auf deutlich ernsteres Terrain. Im Sozialdrama „Fuchs im Bau“ widmet sich Riahi dem filmisch viel zu selten thematisierten Mikrokosmos einer Jugendstrafanstalt.

    Im Vordergrund des Films steht der Mittelschullehrer Hannes Fuchs (Aleksandar Petrovic), der nach einer persönlichen Tragödie eine neue Stelle in einer Gefängnisschule antritt. Der Ende 30-jährige Mann, der früher auch als Schlagzeuger für eine Band im Einsatz war, zeigt sich schnell verwirrt von den unkonventionellen Lehrmethoden der erfahrenen Gefängnislehrerin Elisabeth Berger (Maria Hofstätter). Während Fuchs auf klassischen Regelunterricht aus ist, legt die schrille Berger großen Wert auf Maltherapie und andere unübliche Mittel, die den inhaftierten Jugendlichen dazu verhelfen sollen, ihr Potential zu entdecken und sich kreativ zu entfalten. Dem Gefängnisleiter und den Wachen passen Bergers Lehrmethoden aber so gar nicht in den Kram. Sie stellen die Behauptung auf, Berger würde nur für mehr Unruhe innerhalb der ohnehin chaotischen Gefängnisklasse sorgen. Durch das zunehmend aggressivere Verhalten der wortkargen und schwer traumatisierten Insassin Samira (Luna Jordan) wird die Zukunft des Unterrichts aufs Spiel gesetzt. So langsam erkennt aber auch Fuchs großen Mehrwert in den Lehrmethoden seiner Kollegin.

    Riahi ist mit seinem neuesten Film ein wuchtiges Werk gelungen, das gekonnt zwischen Milieustudie und Charakterdrama wechselt. Beeindruckend ist vor allem das Gespür für Empathie, mit dem das Drehbuch den Figuren begegnet. Zu keiner Sekunde wird die packende Geschichte mit erhobenem Zeigefinger erzählt, sondern durchwegs mit einer großen Portion Menschlichkeit. Anstatt die jugendlichen Inhaftierten für ihre Taten einfach zu verteufeln, werden diese oft außen vor gelassen, um die jeweilige Person dahinter in den Vordergrund zu stellen. Das Chaos der Gefängnisklasse wurde lebhaft und mit reichlich Bewegung in Szene gesetzt. Die zuhauf aus Laien bestehenden Jungschauspieler*innen agieren äußerst glaubhaft und erzeugen ein realitätsnahes Bild des Jugendtrakts eines Gefängnisses. Die professionelle Darstellerriege reiht sich mühelos in den etablierten Mikrokosmos ein. Gerade Maria Hofstätter verkörpert ihre kauzige Figur mit viel Authentizität und glaubhafter Schrulligkeit. Auch Hauptdarsteller Aleksander Petrovic läuft zur Höchstform auf und stellt den von inneren Dämonen geplagten Hannes Fuchs mit schauspielerischer Inbrunst dar. Komplettiert wird die Besetzung durch eine beeindruckende Luna Jordan als vom Trauma gezeichnete Samira als auch bekannten Namen wie Sibel Kekilli, Faris Rahoma, Andreas Lust oder Karl Fischer.

    Da es sich bei der Hauptfigur um einen Drummer handelt, betört der Film auch mit mitreißendem Gespür für Rhythmus in Schnitt und Inszenierung. Einprägsam bleibt vor allem ein Schlüsselmoment gegen Ende, der ganz ohne Worte daherkommt und eine einzige Geste für sich sprechen lässt. Bekritteln ließe sich hingegen, dass der Film viele Nebenhandlungsstränge aufmacht, davon aber nicht alle zufriedenstellend auserzählt. Ebenso könnte man kritisieren, dass ab und an etwas zu tief in den Topf gängiger Gefängnis- und Schulfilmklischees gegriffen wurde. Ein Umstand, über den man durch die sonst so authentische Aufbereitung des rauen Milieus und ehrlicher Emotion aber gerne hinwegsieht.

    Im Großen und Ganzen ist „Fuchs im Bau“ also ein überaus würdiger Auftakt für die diesjährige Diagonale. Riahi hat ein packend erzähltes und kraftvoll gespieltes Milieu-Drama geschaffen, das sich nicht davor scheut, auf gewaltige Lücken im österreichischen Gefängnissystem hinzuweisen und für mehr Kreativförderung im Bildungswesen zu appellieren.