Filmkritik zu Relic

Bilder: Leonine, IFC Films Fotos: Leonine, IFC Films
  • Bewertung

    Die Krux des Älterwerdens

    Exklusiv für Uncut vom Slash Filmfestival
    Das Slash Filmfestival 2020 startete mit dem Eröffnungsfilm „Relic“ fulminant seine bereits 11. Ausgabe. Auch wenn dieses Jahr vieles anders ist, als in den Jahren zuvor, so bemüht sich das Slash sehr, sich seiner wichtigsten Aufgabe zu widmen: Den Festivalbesuchern das Fürchten zu lehren.

    „Relic“ durfte seine Premiere am diesjährigen Sundance Film Festival feiern, die Hauptrollen übernahmen hierbei Emily Mortimer, Robyn Nevin und Bella Heathcote.

    Obwohl das Filmdebüt der australischen Regisseurin Natalie Erika James zunächst wie ein klassischer Haunted-House-Horrorfilm wirken mag, wird dem Zuseher schnell bewusst, dass es sich keineswegs um einen Film handelt, der kategorisch leicht einzuordnen ist. Nach einem sehr langsamen, beinahe repetitiven ersten Drittel ändert sich das Pacing schlagartig, der Film gewinnt zunehmend an Geschwindigkeit, die erst nach einem äußerst überraschenden Klimax wieder allmählich ausgebremst wird.

    Der Film folgt der Protagonistin Kay, die vergeblich versucht ihre Mutter Edna zu erreichen. Aus Sorge, dass dieser etwas zugestoßen sein könnte, sucht sie gemeinsam mit ihrer Tochter Sam das Haus ihrer Mutter auf. Dort angekommen fehlt zwar von Edna jede Spur, doch Post-It-Erinnerungen und ein riesiger schimmelartiger Fleck an der Wand bereiten Kay Unbehagen sich in der Vergangenheit nicht gut genug um ihre Mutter gekümmert zu haben. Als Edna eines Morgens plötzlich wieder auftaucht, ist sich diese ihrer mehrwöchigen Absenz völlig unbewusst und meint sich nicht zu erinnern, wo sie gewesen sein könnte. Rasch steht für Kay fest, dass ihr Mutter verändert wirkt, immer wieder verliert sich diese in wirre Selbstgespräche und irrationale Verhaltensmuster häufen sich. Schließlich überkommt Kay die Angst, sie könnte ihre Mutter für immer an die „Dunkelheit“ verlieren.

    „Relic“ verzichtet größtenteils auf billige Jumpscares und Gore und setzt stattdessen auf effektiven Spannungsaufbau und großartige schauspielerische Leistungen der drei Hauptdarstellerinnen. Der Film wirft nicht nur die Frage auf, ob am Ende eines Horrorwerks immer ein Monster die Wurzel allen Übels sein muss (die einfache Antwort: NEIN), sondern lässt den Rezipienten auch genug Raum für die eigene Interpretation. Auf der metaphorischen Ebene liest sich der Film deutlich als Sinnbild für Alzheimer, der sich allmählich in die alternde Mutter „hineinfrisst“ und nach einem langen Kampf, in Zuge dessen sie ihre Erinnerungen nicht nur sprichwörtlich zu Grabe trägt, schlussendlich Überhand gewinnt. Bedient man sich dieser Auffassung, so wandelt sich das Werk genremäßig vom atmosphärisch aufgeladenen Horrorstreifen zum bestürzenden Drama, das allen voran die Ohnmacht gegenüber einer solch unaufhaltsamen Krankheit wie Alzheimer darstellen soll und aufzeigt wie schnell einem ein geliebter Mensch ganz plötzlich entgleiten kann.
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    (Julia Pogatetz)
    18.09.2020
    13:06 Uhr